Dienstag, 21.11.2017
StartseiteKalenderblattDer Agent, der lieber singen wollte29.10.2017

100. Geburtstag von Eddie ConstantineDer Agent, der lieber singen wollte

Die einen gehen nach Amerika, um als Künstler Karriere zu machen. Der vor 100 Jahren in Los Angeles geborene Sänger Eddie Constantine schlug den umgekehrten Weg ein und ließ sich in Frankreich nieder. Bekannt und legendär wurde er als Darsteller des FBI-Agenten Lemmy Caution.

Von Beatrix Novy

Der amerikanisch-französische Schauspieler Eddie Constantine (undatiert). Nach Jahren des Tingelns in den USA, wo sein Gesicht als "nicht fotogen" galt, hatte er 1950 erste Erfolge am Pariser Moulin Rouge.  (dpa / Jörg Schmitt)
Der amerikanisch-französische Schauspieler Eddie Constantine (undatiert) (dpa / Jörg Schmitt)

"Also, wir frustrierten Technikstudenten an der Münchner Universität hatten schon um 8:00 Uhr Mathe und Statik, und abends trafen wir uns dann im Türkendolch, so hieß das Arri-Kino in der Türkenstraße, da liefen die Eddie Constantine-Filme." München, Anfang der 60er-Jahre. Der Architekt Günther Uhlig erinnert sich. "Der ganze Saal schrie:'Eddie pass auf! - hinter dir, Eddie!!' Ja, das war ne unglaubliche Gaudi, der ganze Saal grölte."

Auf der Leinwand schlug sich Eddie Constantine alias Lemmy Caution buchstäblich durch Scharen von Angreifern, spielte schönen Frauen den harten Macker vor und ließ aus seiner kantig-männlichen Visage jederzeit durchblicken, dass ihm das alles nicht ernst war. Eddie Constantine, geboren am 29. Oktober 1917 als Edward Constantinowsky in Los Angeles, drehte die französischen Detektivklamotten vor allem des Geldes wegen.

Fasziniert von Edith Piaf

Der Sohn einer russisch-polnischen Einwandererfamilie sah sich eigentlich als Sänger und hatte sich in Wien ausbilden lassen, was in den USA keinen Eindruck machte. Die Gesangskarriere blieb aus, beim Film kam er gerade so unter. Ihm stand wohl das Schicksal ungezählter Kollegen vor Augen, die in Hollywood als Komparsen und Nebenfiguren endeten, als er beschloss, auszuwandern. Nach Paris zunächst, wo er früher schon in Klubs und Theatern aufgetreten war und wohin einer seiner Freunde, der Regisseur John Berry, sich vor den Verfolgungen der McCarthy-Behörde gerettet hatte. Eddie stieß dazu: noch ein Amerikaner in Paris.

Er traf auf Edith Piaf, die war schon das, was er werden wollte: berühmt. Für ihre internationale Karriere übersetzte er Chansons ins Englische, während er selbst seinen Durchbruch auf französisch anstrebte. Und er bekam ihn, mit dem Hit "L'homme et l'enfant" - der Mann und das Kind.

Deutsch-französische Kulturbrüche

Auch eine deutsche Version dieses Schlagers sang er, und die klingt um einiges betulicher. Mit Eddie Constantines Karriere zwischen Frankreich und Deutschland wurden Kulturunterschiede sichtbar: Die überaus erfolgreichen Lemmy-Caution-Filme zum Beispiel, die auf einer britischen Schmökerserie basieren, tragen in Frankreich keine reißerischen Titel. Anders in Deutschland. Aus "Das grau-grüne Mädchen" musste unbedingt "Im Banne des blonden Satans" werden, "Incognito" wurde zu "Heiße Küsse, scharfe Schüsse". Und das landete dann im Münchner Arri-Kino. "Man hat sich ironisch angeguckt und verzieh sich gegenseitig den Besuch dieses blöden Films."

Reporter: "Natürlich, dieser Mann ist Eddie Constantine, und großer inoffizieller Bahnhof für ihn in Tempelhof. Allen voran natürlich die Filmmagnaten und ihr Fußvolk ..."

Das war 1957. Zwölf Jahre später, Eddie Constantine ist wieder einmal in Berlin, scheint das alles weit weg zu sein. "Ich möchte nur arbeiten, ich freue mich, wenn man mich anruft und dass ich einen Film drehen kann." Immerhin gab es diese Jemands, und sie waren keine Niemands. Jean-Luc Godard hatte Eddie Constantine den Klassiker "Alphaville" auf den Leib geschrieben. Ein zerfurchter Lemmy Caution in einer trüb-melancholischen Zukunft. "Ich habe ja nicht soviel getan, habe ich ja nur Lemmy Caution ohne Schlägerei [gespielt], ein bisschen mehr Text, und sonst war das, ja, es war für mich sehr leicht."

Sein Sohn heißt Lemmy

Eddie Constantine, der immer noch lieber sang als spielte und inzwischen über ein Gesicht verfügte wie aus hartem Holz geschnitzt, reüssierte im Autorenkino. Peter Lilienthal gab ihm die Rolle des Anarchisten Malatesta, Rainer Werner Fassbinder, der gern die Stars der deutschen Trivialfilmära rekrutierte, wusste seine Fähigkeit zum ironischen Selbstzitat zu schätzen.

Eddie Constantine starb 1993 in Wiesbaden. Er war dreimal verheiratet und hatte vier Kinder. Seinen Sohn aus erster Ehe nannte er tatsächlich Lemmy. Es hat dem Jungen nicht geschadet.

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