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StartseiteThemen der Woche"Geschichte wiederholt sich nicht, jedenfalls nicht Eins zu Eins"02.08.2014

100 Jahre Erster Weltkrieg"Geschichte wiederholt sich nicht, jedenfalls nicht Eins zu Eins"

1914/2014 - was als Erinnerungsjahr gedacht war, ist zum Krisen- und Angstjahr geworden. "Die Schlafwandler", der Titel des Bestsellers von Christopher Clark über 1914, hat einen ominösen Klang: Damals ging es um das Erbe des Osmanischen Reiches und den Balkan; heute geht es um das Erbe der Sowjetunion und die Reichweite der liberalen Weltordnung Made in the US.

Von Michael Stürmer, "Die Welt"

Wladimir Putin bei der Einweihung eines Denkmals für den Ersten Weltkrieg. (picture alliance / dpa / EPA / Yuri Kochetkov)
Im Ukraine-Konflikt gehe es Putin um Geopolitik - für die Europäische Union um Nachbarschaftspolitik für die Ukraine, meint Michael Stürmer. (picture alliance / dpa / EPA / Yuri Kochetkov)
Weiterführende Information

100 Jahre Erster Weltkrieg (Portal)

Erster Weltkrieg - Die Kapuzinergruft (Deutschlandfunk, Hörspiel, 16.08.2014)
100 Jahre Erster Weltkrieg - Drei Männer im Feld (Deutschlandfunk, Hörspiel, 09.08.2014)
Erster Weltkrieg - 1914 - "Auch Stimmung aus Angst und Abwarten" (Deutschlandfunk, Interview, 02.08.2014)
1914 - 2014 - Vorbei und längst nicht vorüber (Deutschlandfunk, Kommentar, 01.08.2014)

Damals hatte jede der europäischen Mächte guten Grund, den großen Krieg, wenn er schon kam, lieber jetzt als später herbeizuwünschen. Jede Regierung glaubte, die Sache sei bald vorbei; keine hatte eine Vorstellung davon, was technisch-industrieller Krieg, einmal begonnen, an Zerstörungskraft entfesseln würde. Keiner begriff, dass er in den ersten drei Tagen mehr verlieren würde, als militärischer Sieg je einbringen würde.

Aber einmal begonnen, wieso konnte man nicht einen - so würde man heute sagen - "Backchannel" eröffnen, Waffenstillstand zwischen den Soldaten erklären und den Rest aufgeklärten Diplomaten überlassen? Die Antwort rührt an die Grundlagen moderner Staatlichkeit, Legitimität und Souveränität. Aber sie ist auch sehr einfach: Nachdem einmal so viel Gut und Blut verschwendet war, forderte der Wahnwitz eine Begründung, die Toten verlangten Rechtfertigung, die Schulden wollten bezahlt sein: Aber was folgte, war nicht Frieden, sondern nur Zwischenkriegszeit. 1914 hatte ein neuer Dreißigjähriger Krieg begonnen.

Geschichte wiederholt sich nicht, jedenfalls nicht Eins zu Eins, zudem haben Menschen Erinnerung und wollen klüger sein als Väter und Großväter. Der Kalte Krieg war ein globales Kräftemessen. Aber die Doppelkrise um Berlin und Cuba vor fünf Jahrzehnten lehrte die Supermächte, dass zwischen ihnen und ihrem Untergang allein Furcht und Vernunft standen - und sie handelten entsprechend. So entstand der lange nukleare Frieden, ein Kartell der Kriegsvermeidung.

Aber ist darauf noch Verlass? Die Welt brennt im Nahen Osten gleich an mehreren Stellen; und die Frage, wem die Erbschaften der alten Sowjetunion zufallen, ist von abschließender Klärung weit entfernt. Während nach 1990 Russland im "Nahen Ausland" eine Einflusszone beanspruchte, gingen NATO und Europäische Union in die Gegenrichtung. Es gab nicht den großen Friedenskongress ohne Sieger und Besiegte, sondern strategische Doppeldeutigkeit: War Russland der alte Widersacher, oder war Russland Partner der neuen Weltordnung? Jedenfalls sieht sich Russland als Verlierer und verlangt Kompensation, 2008 im Krieg mit Georgien, 2014 in der Ukraine.

Ein Krieg von niedriger Intensität findet statt, zu nah um einfach wegzuschauen. Für Russland geht es um Rekonstruktion des imperialen Raumes durch die eurasische Zollunion, die ohne Ukraine nicht denkbar ist. Für die Europäische Union um Nachbarschaftspolitik für die Ukraine. Putin meint Geopolitik, die EU meint es nur gut - und verkennt, dass Russland das Große Spiel nach anderen, älteren Regeln spielt.

Sind die Schlafwandler wieder unterwegs? Dass die westlichen Sanktionen Russland zu Rückzügen zwingen, ist eine schwache Hoffnung. Sanktionen sind nicht Krieg, aber Frieden sind sie auch nicht. Längst ist klar, dass der Schaden für beide Seiten groß und lang andauernd wird und eine Verhandlungslösung nicht in Sicht ist. Sanktionen aber sind immer nur Mittel, niemals Zweck. Das wird zwischen Washington, Brüssel und Berlin zur Zeit vergessen. Das Beste, was gegenwärtig denkbar ist, wäre Einfrieren des Konflikts und Warten auf bessere Zeiten; das Schlimmste Wende in Richtung 1914.

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