Kultur heute / Archiv /

100 Jahre europäische Moderne in den USA

Die Armory Show feiert in New York ihren Geburtstag

Von Sacha Verna

Mit Matisse fing alles an: Nie gesehene Werke von radikal neuer Art bestimmten die Armory Show 1913.
Mit Matisse fing alles an: Nie gesehene Werke von radikal neuer Art bestimmten die Armory Show 1913. (AP)

Die Kunstmesse "Armory Show" versammelt mehr als 200 Galerien aus aller Welt in New York und feiert die Avantgarde. Das historische Vorbild schockierte einst die Kunstwelt, heute ergötzen sich Sammler und Enthusiasten an Warhols Selbstporträts, Videos von Diana Thater und bärtigen Wachsfiguren von Patrick Jackson.

Historisch haben die beiden nichts miteinander zu tun: Die legendäre Armory Show, die 1913 die Moderne nach Amerika brachte, und die leicht skurrile Veranstaltung, die 1994 im Gramercy Park Hotel begann und inzwischen als Messe März für März das internationale Kunst-Jetset nach New York lockt. Doch, sagt Deborah Harris:

"Als diese Messe, die ursprünglich Gramercy International hieß, an den Ort zog, wo einst die Armory von 1913 stattgefunden hatte, übernahm sie deren Namen. Unsere Gründer, vier Galeristen, fühlten sich diesem Erbe verpflichtet. Deshalb versuchen wir jedes Jahr, die Avantgarde zu zeigen. Ursprünglich lautete der Slogan der Messe: Neue Kunst von lebenden Künstlern. Das steht für uns immer noch im Vordergrund."

Deborah Harris ist Co-Direktorin des Armory-Frischlings, der mittlerweile erneut den Standort gewechselt hat und nun an zwei Piers am Hudson River über 200 Galerien aus 30 Ländern versammelt. Noch etwas betont Deborah Harris:

"Auch an der Armory von 1913 standen die ausgestellten Arbeiten zum Verkauf."

Damals waren es solche von Henri Matisse, Ernst Ludwig Kirchner und Constantin Brancusi. Nie gesehene Werke von so radikal neuer Art und so weit entfernt vom akademischen Realismus, den das amerikanische Publikum gewohnt war, dass die heftigen Reaktionen nicht auf sich warten ließen. Über Marcel Duchamps Bild 'Akt, eine Treppe herabsteigend Nummer Zwei' zum Beispiel schrieb der Kritiker der New York Times, es gleiche einer Explosion in einer Dachschindelfabrik. Und Theodor Roosevelt erklärte pauschal: 'Das ist keine Kunst!' Doch die Samen für die modernistischen Blüten in den Vereinigten Staaten waren mit der Armory Show von 1913 gesät.

Nichts vermag die Leute heute so zu schockieren, wie es einst die Armory tat, sagt Noah Horowitz, der Gesamtleiter der Armory Show an den Piers. Die Kunstwelt habe sich ebenso verändert wie unsere breitere politische und kulturelle Umgebung.

Wohl deshalb ergötzen sich Sammler und Enthusiasten an der Armory von 2013 an den blumigen Videos von Diana Thater. Zur VIP-Stunde wird bei Champagner von der pastelligen Gefälligkeit eines Wilhelm Sasnal geschwärmt. Ob bärtige Wachsfiguren von Patrick Jackson oder sperrige Grünanlagen von Phoebe Washburn: Der Schreck ist längst den Schecks gewichen.

Man wolle die Avantgarde feiern, hebt auch Noah Horowitz hervor. Sofern man unter Avantgarde Andy Warhol versteht, ist das an der diesjährigen Armory gelungen. Der Großgalerist Larry Gagosian hat die Wände seines ganzen Standes mit Warhols Selbstporträts tapeziert und darüber ein gigantisches Warhol-Tarnfarbenbild gehängt. Um einen auf derlei einzustimmen, steht am Eingang der Messe und eigens von ihr in Auftrag gegeben eine Hommage an den Meister aus Pittsburgh in Form einer Installation aus Brillo-Boxen von Charles Lutz. Die Schachteln sind zum Mitnehmen gedacht und gratis.

Laut Bürgermeister Michael Bloomberg wird die Armory Arts Week, die Armory Kunstwoche, während der neun weitere Messen und zahlreiche Veranstaltungen überall in der Stadt über die Bühne gehen, 66.000 Besucher nach New York und 54 Millionen Dollar in die Kassen bringen. So schneiden sich jetzt alle ein Stück vom Kuchen ab, der 1913 gebacken wurde. Die Rosinen scheint niemand zu vermissen.



Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Kunst im Anbau

 

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Kultur heute

Afghanisches FrauenfilmfestivalWandel durch Kino

Zwei afghanischen Frauen zeigen ihre Wahlkarten

Filme können die afghanische Kultur beeinflussen, hoffen die Veranstalter des Frauenfilmfestivals in Herat. Denn Filme können den Blick öffnen und verändern - vor allem, wenn sie von Frauen aus aller Welt handeln.

Völkermord in RuandaSchwieriges Gedenken

Eine Ausstellung in Paris zeigt auch verschiedene alltägliche Gegenstände wie Macheten und Messern, die in Ruanda zu Mordwaffen wurden.

Eine Ausstellung in Paris erinnert an die Opfer des Völkermords in Ruanda. Zugleich ist die Debatte um die Rolle Frankreichs bei den Massakern entbrannt. Eine Aufklärung ist schwierig - wichtige französische Dokumente aus dieser Zeit sind als Militärgeheimnis eingestuft.

Rossini im OmanHamburgerin leitet das erste Opernhaus der Arabischen Halbinsel

Besucher besichtigen das Royal Opera House in Muscat, Oman

Das Royal Opera House in Muscat ist das erste Opernhaus auf der gesamten Arabischen Halbinsel. 2011 wurde es eröffnet, 2012 übernahm die Hamburgerin Christina Scheppelmann die Leitung des Hauses, an dem sich westliche und orientalische Kunst begegnen - ohne die traditionellen Werte zu opfern.

 

Kultur

Rossini im OmanHamburgerin leitet das erste Opernhaus der Arabischen Halbinsel

Besucher besichtigen das Royal Opera House in Muscat, Oman

Das Royal Opera House in Muscat ist das erste Opernhaus auf der gesamten Arabischen Halbinsel. 2011 wurde es eröffnet, 2012 übernahm die Hamburgerin Christina Scheppelmann die Leitung des Hauses, an dem sich westliche und orientalische Kunst begegnen - ohne die traditionellen Werte zu opfern.

Klassiker Großbritanniens Verbeugung vor William Shakespeare

William Shakespeare - eine zeitgenössische Darstellung des erfolgreichsten Bühnenautors aller Zeiten.

Shakespeare: Allein der Name löst Ehrfurcht aus. William Shakespeare ist der weltweit berühmteste und meist gelesene Dichter, gleichermaßen verehrt und karikiert. Müssen die Briten nicht eigentlich die Nase voll haben von ihrem Shakespeare?

ShakespeareEine Spurensuche nach dem "echten" William S.

Das Denkmal für William Shakespeare im Park an der Ilm in Weimar

Bald ist es 450 Jahre her, dass William Shakespeare in dem kleinen mittelenglischen Stratford upon Avon zur Welt kam. Ein Besuch in seinem Geburtsort bringt allerdings nicht zwangsläufig mehr Erkenntnisse über den rätselhaften Dichter.