Samstag, 18.11.2017
StartseiteKommentare und Themen der WocheUngeliebter Gründungsmythos12.11.2017

100 Jahre Oktober-RevolutionUngeliebter Gründungsmythos

Eine Art Zwangsgedenken für einen entfernten Verwandten, der als "schwarzes Schaf" gelte: Das treffe den aktuellen Umgang des Kremls mit der Oktoberrevolution von 1917 wohl am besten, kommentiert Robert Baag. Denn mit der Revolution von damals und deren Anführer Lenin habe Wladimir Putin "nichts mehr am Hut".

Von Robert Baag

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Wladimir Wladimirowitsch Putin und Wladimir Iljitsch Lenin. (dpa/picture alliance/TASS/Collage)
Mittlerweile gelte das Wort Oktoberrevolution im Kreml eher als Unwort, kommentiert Robert Baag im Dlf. (dpa/picture alliance/TASS/Collage)
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"Ja, es hat sie gegeben. Vor 100 Jahren. Und: Nein, es gibt keinen Grund, großartig daran zu erinnern."

Auf diese Kurzformel lässt sich das offizielle Gedenken in Russland an den 100. Jahrestag der sogenannten "Oktober-Revolution" reduzieren. Um damit ein zugegeben etwas schiefes Bild zu bemühen: Der aktuelle Umgang mit diesem historisch weiterhin relevanten 7. November 1917 lässt sich vergleichen mit einer Art Zwangsgedenken für einen entfernten Verwandten, der als "schwarzes Schaf" des Clans gilt. Das Wort "Revolution", dies ist einmal mehr deutlich geworden, ist im offiziellen Putin-Russland als Unwort verfemt.

Dabei spielt es keine Rolle, dass die Oktoberrevolution gar keine Revolution im wörtlichen Sinn gewesen ist, sondern ein banaler Aufstand einer kleinen, aber entschlossenen Usurpatoren-Gruppe mit ideologisch verbrämtem Machtanspruch.

Die meisten Historiker reden statt von "Revolution" längst von einem "Militär-Putsch" der Bolschewiki und ihrer Führer Lenin und Trotzki gegen eine Regierung, deren Mitglieder in einer veritablen Revolution - der Februar-Revolution ein Dreivierteljahr zuvor - das autokratische Regime von Zar Nikolaj dem Zweiten gestürzt hatten.

Derlei interpretatorische Feinheiten sind für die heutigen Kreml-Herren unerheblich. In dem allgemein üblichen Begriff "Oktober-Revolution" schwingt für sie ein gefährlich klingender Unterton mit. "Revolution" – das setzen sie, ihre Anhänger und Profiteure gleich mit: Chaos, Unordnung und Instabilität; mit Zuständen, die sie, ihre Angehörigen, Freunde und – ganz wichtig – ihre einträglichen Geschäfte bedrohen, gefährden und schädigen könnten.

Sogenannte "farbige Revolutionen" in nächster Nachbarschaft wie in Georgien oder - schon zweimal - im einstigen Bruderland Ukraine haben sie erschreckt und schockiert. Und: Sie haben ihre politischen Konsequenzen gezogen. Die Schrauben offener und verdeckter Repressionen gegen echte wie vermeintliche Oppositionelle sind fester zugedreht worden. Das tradierte "Wagenburg"-Denken zur Abwehr einer angeblich feindlichen Außenwelt im Westen wird eifrig gepflegt.

Die nach-revolutionäre Ukraine, getragen von der zivilgesellschaftlich inspirierten Majdan-Bewegung von 2013/14, die auch wegen des von Moskau aufgezwungenen Krieges im Osten des Landes andauernd, aber ungebrochen mit diversen Destabilisierungsattacken zu kämpfen hat - sie wird der russischen Bevölkerung via Staatsfernsehen tagtäglich als abschreckendes Beispiel vorgeführt.

Bloß keine riskanten Diskussionen

So ginge es auch bei uns zu, wenn nicht der fürsorgende Kreml Russlands Menschen vor derlei Gefahren, Aufständen - Revolutionen eben - beschützen würde, tönt die verordnete Dauer-Botschaft. Zugleich lautet in Wladimir Putins Reich in diesem Jubiläums-Jahr des "Roten Oktobers" die unausgesprochene Losung: Bloß keine untauglich-riskanten Diskussionen über das frühe Sowjet-Russland samt der einstigen Groß-Ikone Lenin. Denn: Dem habe man doch zu verdanken, so das einstige KP-Mitglied Putin, dass das Russische Zarenreich zerstückelt worden sei, mit der heutigen Majdan-Ukraine als eine der Spätfolgen.

Und noch eine Parallele zum "Roten Oktober" fällt unter ein Diskurs-Tabu: Die Technologie Lenins und seiner Genossen, errungene Macht auch gegen den Willen einer Mehrheit der Bevölkerung notfalls mit brutaler Gewalt zu behaupten, hat eine bis heute nachwirkende Tradition in Russland begründet.

Mit dem Sozialismus Lenin'scher Prägung hat die heutige Kreml-Mannschaft zwar nichts mehr am Hut, da er sich hinreichend als ökonomisch ineffektiv erwiesen hat. Das totalitäre Herrschaftssystem allerdings, das schon unter Lenin nach 1917 aufblühte und unter Stalin seinen mörderischen Höhepunkt erreicht hat, bewertet die aktuelle Geschichtspolitik in Russland wesentlich milder.

Der Sowjet-Diktator Stalin sei ein erfolgreicher Manager gewesen, habe die UdSSR wieder zu einem Großreich geeint und zur Supermacht entwickelt, vor allem aber zum Sieg im Zweiten Weltkrieg geführt. Dieser mit schweren Opfern erkämpfte Sieg unter Stalin – der sei der wahre Gründungsmythos für das heutige Russland.

Die sogenannte "Große Sozialistische Oktoberrevolution" dagegen taugt in Putins Reich offenbar nur noch für die Mottenkiste der Geschichte. Als pietätlos empfinden werden das aber wohl nur noch übrig gebliebene, eingefleischte Sowjet-Nostalgiker.

Zu sehen ist der Redakteur Robert Baag aus der Abteilung Hintergrund (Deutschlandradio /Bettina Fürste-Fastré) (Deutschlandradio /Bettina Fürste-Fastré)Robert Baag, geboren in Bayreuth, Studium der Slavistik, Geschichte und Politologie in Erlangen, Freiburg i. Br., Krakau und Kiew, ist seit 1987 Redakteur beim Deutschlandfunk, zunächst in der Redaktion Wissenschaft und Bildung, danach ab 1988 in der Redaktion Politik, seit 1999 in der Abteilung "Hintergrund". Zwischen 1994 und 1998 sowie 2006 bis 2012 war er als Russland- und GUS-Korrespondent des Deutschlandradios in Moskau stationiert.

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