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StartseiteHintergrundVom Gründungs-Mythos zum blinden Fleck 07.11.2017

100 Jahre Oktober-Revolution Vom Gründungs-Mythos zum blinden Fleck

Noch 1977, zum 60. Jahrestag der Russischen Revolution, feierte die sowjetische Staatsführung den 7. November 1917 als "höchsten Feiertag" und als Beginn des Siegeszug des Sozialismus. 40 Jahre später will Präsident Putin davon und vom damaligen Revolutionsführer Lenin jedoch nichts mehr wissen.

Von Robert Baag

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Beginn der Russischen Revolution im Oktober 1917: Wladimir Iljitsch Lenin wendet sich auf dem Roten Platz in Moskau zu den Menschen. (imago / United Archives International)
Beginn der Russischen Revolution im Oktober 1917: Wladimir Iljitsch Lenin wendet sich auf dem Roten Platz in Moskau zu den Menschen. (imago / United Archives International)
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Moskau. Hauptstadt der UdSSR. Anfang November 1977. Ein Hochamt im Leben der östlichen Supermacht beginnt, vom Staatsfernsehen landesweit bis in die letzten Winkel des Riesenreichs übertragen: Leonid Iljitsch Breschnew hat das Wort, der greise Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, und seit mehr als einem Dutzend Jahren die faktische Nummer eins der Staatsmacht:

"Liebe Genossen! Verehrte ausländische Gäste! In diesen Tagen begehen das sowjetische Volk, die Kommunisten in al­len Ländern, die ganze fortschrittliche Menschheit - feier­lich den allerhöchsten Feiertag: Vor 60 Jahren stürzten die Arbeiter und Bauern Russlands unter der Füh­rung der Partei Lenins die Herrschaft der Kapitalisten und Gutsbesitzer. Die erste sozialistische Revolution der Weltgeschichte endete mit ihrem Sieg!

Wir gehen einer Epoche entgegen, in welcher der Sozialismus das vorherr­schende Gesellschaftssystem auf der Erde sein und Friede, Freiheit, Gleichheit und Wohlstand für die gesamte werktä­tige Menschheit mit sich bringen wird.

Es lebe un­sere große Partei - die Partei Lenins! Vorwärts zum Sieg des Kommunismus!"

Vor 40 Jahren ahnte bei diesen Worten Breschnews wohl niemand, dass weder die von ihm vollmundig beschwo­rene Utopie, geschweige denn der Kommunismus je siegen wür­den, dass selbst die sich damals so unerschütterlich gebende Sowjetunion nur knapp anderthalb Jahrzehnte spä­ter verschwunden sein würde. Ihr Gründungsmythos "Oktoberre­volution" ist seither ebenso verblasst; als Wende­punkt der Weltgeschichte aber behält sie ihre Bedeu­tung. Unstrittig ist allerdings auch, dass der Symbolbe­griff "Oktoberrevolution" nur als finaler Kulminations­punkt des Jahres 1917 insgesamt einzuordnen ist, das im Frühjahr mit der russischen Februar-Revolution das eigentli­che Ausrufezeichen gesetzt hatte.

Neun Millionen kriegsmüde Bauern wollen nach Hause

 "Gott schütze den Zaren!", so lautete bis dahin der Titel der Nationalhymne. 300 Jahre hat die Dynastie der Romanovs die absolute Macht in Russland ausgeübt – zu­letzt mit Zar Nikolaus II. an der Spitze. Doch die spä­testens seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer stärker spürbaren sozialen und nationalen Gärungspro­zesse im autokratisch regierten Imperium bre­chen durch, als Russland im Ersten Weltkrieg militärisch wie wirtschaftlich in schwere Bedrängnis gerät.

Im eiskalten Kriegswinter 1916/17 kommt es schließlich zu erheblichen  Versorgungsengpässen für die Zivilbevölke­rung. Allgemeine Kriegsmüdigkeit, so der Eichstätter Osteu­ropa-Historiker Leonid Luks, greift um sich. Vor al­lem die große Masse der Bauern beginnt aufzubegehren, die nun

"Eine radikale Lösung der Agrarfrage anstrebte, ihnen wurden nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges Waffen in die Hand gegeben.

Zu Beginn der Februar-Revolution zähl­ten die russischen Streitkräfte etwa neun Millionen Soldaten. Und es handelte sich bei ihnen im Wesentlichen um den bewaffneten Arm der russischen Landbevölkerung."

Ende Februar kommt es in den großen Putilov-Werken der Hauptstadt Petrograd zu einem Streik, dem sich umgehend die meisten anderen Fabriken anschließen. "Mehr Brot!" ist die Hauptforderung der Arbeiter und ihrer Fami­lien.

Rasch entwickeln sich die Demonstrationszüge zu einem veritablen Aufstand. Dieser Augenblick gilt als Beginn der Revolution gegen Zar Nikolaus II. und dessen Herrschaftssystem. Aufgrund seiner rapide schwindenden Macht- und Vertrauensbasis sieht er sich gezwungen abzudan­ken. Mitte März wird er verhaftet und man verbannt ihn mitsamt seiner Familie nach Sibirien. Dort werden sie im Sommer 1918 von einem Exekutionskommando der TscheKa erschossen, Lenins Geheimpolizei, der Vorläuferin von NKWD und KGB.

An dieses gewaltsame Ende der Romanov-Dynas­tie denkt im Frühjahr 1917 allerdings wohl kaum je­mand. Die politischen Sieger jener Tage, erläutert der Publizist Gerd Koenen, müssen umgehend versuchen das Land zu stabilisieren:

Die Februarrevolution 1917 beendete die Zarenherrschaft in Russland. (dpa / picture alliance / Ria Novosti)Die Februarrevolution 1917 beendete die Zarenherrschaft in Russland. (dpa / picture alliance / Ria Novosti)

"Die waren ja durchaus meistens auch sehr westlich orien­tierte Leute: Liberale, Sozialdemokraten, Sozialrevolutio­näre, die schon westliche Verfassungsmo­delle(anstrebten). Die wollten in bestimmter Weise nach vorne und wollten aus dem alten System heraus."

Allerdings, ergänzt Leonid Luks:

"Die Sieger vom Februar 1917 betrachteten das damalige Sys­tem bewusst als ein Provisorium, dem die Verfassung ge­bende Versammlung ein Ende setzen sollte! Die wichtigste Aufgabe der aus den allgemeinen und gleichen Wahlen, der ersten in der russischen Geschichte hervorgegangenen Konsti­tuante, war die Bestimmung und die entsprechende Legi­timierung der neuen Herrschaftsordnung des demokrati­schen Russland.

Dass diese Wahlen immer wieder verschoben wurden, stellte wohl das wichtigste Versäumnis der ersten russischen Demokratie dar."

Verhängnisvoller Wankelmut

Der zweite Kardinalfehler, den die Provisorische bürgerli­che Regierung Russlands begangen habe, sei der Entschluss gewesen, an der Seite Englands und Frankreichs den Krieg gegen das Deutsche Kaiserreich sowie das mit ihm verbün­dete Österreich-Ungarn fortzusetzen. Man sei offenbar der Ansicht gewesen:   

"Dass nach dem Sturz der unpopulären Romanov-Dynastie die russische Bevölkerung nun die Revolution – also das neue System – so verteidigen wird, wie das die französi­schen Bauern 1792 gemacht haben. Nichts dergleichen pas­sierte. Die Bauern in Uniform wollten nicht kämpfen. Sie gingen nach Hause. Sie desertierten."

Wankelmut und Unentschlossenheit aufseiten der politisch heterogen zusammengesetzten Provisorischen Regierung und die daraus resultierende Instabilität - so lässt sich die Periode zwischen dem Frühjahr 1917 bis in den Spätherbst hinein wohl am besten charakterisieren. Die Gegner der neuen Ordnung sammeln inzwischen im buchstäblichen wie über­tragenen Sinn ihre Bataillone zum Gegenschlag. Eine kleine Gruppe radikaler Linker, namentlich die Bolschewiki, mit Berufsrevolutionären wie dem aus dem Schweizer Exil zurückgekehrten Wladimir Iljitsch Lenin, wittert ihre Chance einen Machtwechsel zu ihren Gunsten herbeizuführen.

Ein Porträt von Lenin in einem russischen Hotel. (imago stock&people)Bis heute verehrt: Der umstrittene russische Politiker Lenin. (imago stock&people)

Um die Rückkehr Lenins und seiner Genossen in einem plom­bierten Eisenbahn-Waggon quer durch das Land des Kriegsgeg­ners Deutschland und Skandinavien nach Petrograd, haben sich viele Spekulationen gerankt. Erwiesen ist aber, dass das wilhelminische Kaiserreich Lenin als einen willkom­menen Handlanger begriffen hat: Dessen Aktivitäten sollten beitragen, Russland weiter zu destabilisieren, um so den Krieg der Mittelmächte im Osten intensivieren und absichern zu können.

Diese Medaille indes verfüge über zwei Seiten, meint sarkastisch der russische Publizist Lev Durje:

"Natürlich haben die Bolschewiki Geld von Deutschland bekom­men. Das ist unbestritten. Das fing 1915 an. Klar: Lenin ist mit einem Koffer voller Geld in Petrograd ange­kommen! Und dieser Koffer hat ihm geholfen.

Aber eine entscheidende Rolle hat das nicht gespielt! - Bekanntlich hat Lenin ganz klug gesagt: Na sicher nehmen wir das Geld der Deutschen. Dann machen wir die Revolution zuerst bei uns – und anschließend in Deutschland!

Und er hatte recht: Lenin machte die Revolution in Deutschland - mit deutschem Geld. Und dafür schätzen wir ihn."

"Man hätte Lenin verhaften sollen"

Im Juli 1917 scheitern die Bolschewiki jedoch mit dem Ver­such, schon jetzt die Macht in Petrograd per Putsch an sich zu reißen - als Reaktion auf die fehlgeschlagene so genannte "Kerenskij-Offensive" gegen die deutschen und öster­reichisch-ungarischen Truppen. Loyale Regierungseinheiten schlagen diesen Aufstand blutig nieder. Der Sozialrevolu­tionär Kerenskij an der Spitze der Provisori­schen Regierung, muss sich kurz darauf aber einer neuen Bedrohung erwehren: Einem Militärputsch von rechts – ange­führt von General Lavr Kornilov, dem die Bevölkerung aller­dings die Gefolgschaft versagt.

Auch Kerenskijs Verhalten sei verhängnisvoll gewesen, meint der Schweizer Osteuropa-Historiker und Publizist Ul­rich Schmid. Vor allem 

"Der Umgang mit den Bolschewiki nach den Unruhen im Juli ’17. Man hätte den Bolschewiki den Prozess machen kön­nen. Man hätte Lenin verfolgen und verhaften kön­nen."

Und auch Leonid Luks kritisiert die fatalen Fehleinschätzun­gen der Provisorischen Regierung vom Som­mer/Herbst 1917:

"Die gemäßigten Sozialisten meinten, die größte Gefahr, die der Revolution drohe, komme von rechts! Von einer Gegen­revolution, die damals überhaupt keine Gefahr dar­stellte! Die größte Gefahr, die die Revolution bedroht, kommt von links, von den Bolschewiki! Und das hat die Mehr­heit im Sowjet nicht geglaubt. Sie meinte, die Bolsche­wiki – obwohl sie den bestehenden Staat zerstören wollen – seien doch eine Reserve der revolutionären Solidar­gemeinschaft."

Die Sowjets, die Arbeiter- und Soldaten-Räte in Moskau und in anderen Städten des Imperiums, in erster Linie aber natür­lich in der Hauptstadt Petrograd, agieren inzwischen längst als de-facto-Gegenregierungen. Der Begriff "Doppel­herrschaft" kommt auf. Die Provisorische Regierung gerät immer mehr in die Defensive. Der Termin für die schon seit dem Frühjahr überfällige "Konstituierende Versamm­lung" wird endlich auf Mitte November festgelegt - das Sig­nal für Lenins Bolschewiki ihre Pläne für einen neuen Auf­stand voranzutreiben.

Der Panzer-Kreuzer "Aurora" gibt das Signal

Sturm auf das Winterpalais in St. Petersburg (Petrograd) am 7. November 1917. (picture-alliance / dpa / UPI)Sturm auf das Winterpalais in St. Petersburg (Petrograd) am 7. November 1917. (picture-alliance / dpa / UPI)

Das von ihnen dominierte "Militäri­sche Revolutionskomi­tee" des Petrograder Sowjets – das Mil­RevKom – verlangt von der Regierung nun – erfolglos -  die sofortige und allei­nige Befehlsgewalt über die Truppen in der Hauptstadt. Aber schon einige Tage zuvor hatte sich ein Dutzend Mit­glieder des Zentralkomitees der Partei der Bolschewiki nach langer und zunächst kontroverser Diskus­sion entschlos­sen loszuschlagen: Am Abend des 25. Oktober (russi­scher Zeitrechnung) beziehungsweise des 7. November (nach mitteleuropäischem Kalender), verkünden die roten Arbeiter, Matrosen und Soldaten des MilRevKom ihr Ultima­tum - hier nachgestellt in einer Dokumentation des russi­schen Fernsehens:

"Mit diesem Beschluss des Militärischen Revolutionskomi­tees wird die Provisorische Regierung für aufgelöst er­klärt. Der Winterpalast ist von revolutionären Streitkräf­ten umstellt.

Im Namen des Militärischen Revolu­tionskomitees schlagen wir den Mitgliedern der Provi­sorischen Regierung und den ihnen ergebenen Streitkräf­ten vor zu kapitulieren. Das Ultimatum endet um 19 Uhr und zehn Minuten. Danach wird sofort das Feuer eröffnet werden!"

Die Geschichte nimmt nun ihren Lauf.

Der an einem Kai des Flusses Newa vertäute Panzerkreuzer "Aurora" hat nach Ablauf des Ultimatums einen Schuss aus seiner Bug-Kanone abgegeben – das Signal zum so genannten "Sturm auf den Winterpalast".

Allerdings: Anders als in einem späteren sowjetischen Filmklassiker kolportiert ist keine scharfe Granate abgefeuert worden, sondern eine Art Platzpatrone. Und: Auch einen "Sturm" -im Wortsinn - hat es nie gegeben.

In den Memoiren des damaligen Justizminis­ters Pawel Maljanowitsch ist nachzulesen, wel­che Stimmung bei den Mitgliedern der Provisorischen Regie­rung herrscht, die sich in die Kantine des Winterpalastes zurückgezogen haben:

"Plötzlich hörten wir, die wir in nahezu gelähmter Passivi­tät und Abwartehaltung berieten, Lärm von unten her, der langsam anschwoll und immer näher kam.

Da war plötzlich ein Krach hinter der Tür zu hören. Sie brach auf. Wie ein Holzspan, der in hohem Bogen von seinem Ho­bel weggeschleudert wird, flog ein kleiner Mann in den Sitzungsraum, hineinkatapultiert von einer heranstürmen­den Menschenmenge... Seine Augen waren farblos. Das Ge­sicht zeigte Müdigkeit.

Gleich rief er mit durchdringen­der, hoher, aber bestimmter Stimme: Wo sind die Mitglieder der Provisorischen Regierung? – Die Provi­sorische  Regierung ist hier, antwortete (Handelsmi­nister) Konovalov, wobei er seinen Sitz behielt. Was wünschen Sie?"

Die Antwort von Vladimir Antonov-Ovseenko, einem Bolsche­wik, jenem erschöpft wirkenden Mann, kennt nicht nur die Museumsführerin im Winterpalast auswendig:

Ein Trauer-Spruchband hängt an der Wand der Ausstellung "Der Kode der Revolution" im Museum der Zeitgeschichte Russlands. Der Text erinnert an die Opfer der russischen Revolution in Petrograd vom 23. März 1917 (dpa/Sputnik/Maksim Blinov)Die Ausstellung "1917. Der Kode der Revolution" in Moskau erinnert an die Russische Revolution vor 100 Jahren (dpa/Sputnik/Maksim Blinov)

"Hier hat Antonov-Ovseenko den berühmten Satz gesagt, der dann in alle Geschichtsbücher eingegangen ist: Im Namen der Revolution, im Namen des militärischen Revolutionskomi­tees: Ich erkläre Euch für verhaftet!

Diese Uhr dort zeigt den Zeitpunkt, an dem eine Epoche en­dete!"

Revolution oder Staatsstreich

Russische Kommunisten marschieren zum 95. Jahrestag der Oktoberrevolution in Moskau.  (imago / Russian Look)Russische Kommunisten marschieren zum 95. Jahrestag der Oktoberrevolution in Moskau. (imago / Russian Look)

Nur Kerenskij kann sich der Verhaftung entziehen und flie­hen. Den Bolschewiki, die ihren Aufstand bewusst zum Auf­takt des zeitgleich tagenden "Zweiten Allrussischen Räte-Kongresses" gestartet haben, gelingt es, die Mehrheit der aus allen Teilen des Imperiums angereisten Delegierten für sich zu gewinnen: Sie stimmen der Machtübernahme der Bolschewiki zu. Sie entscheiden, Gutsherren und Kapitalis­ten zu entmachten, beschließen ein entsprechendes Enteig­nungs-"Dekret über den Grund und Boden", zudem ein "Dekret über die Rechte der Völker Russlands", als erstes aber - und vom kriegsmüden Land weithin begeistert aufgenommen - das "Dekret über den Frieden".

Es wird den Weg zu Verhandlun­gen mit dem Deutschen Kaiserreich ebnen, die 1918 in den so genannten Brester Friedensvertrag münden.

Der Coup der Bolschewiki am 7. und 8. November 1917 ist beendet - für sie und ihre Führer Lenin und Trotzki ein Erfolg auf ganzer Linie.

Den dafür eingebürgerten Begriff "Oktober-Revolu­tion" vermeidet der Eichstätter Osteuropa-Historiker Leo­nid Luks allerdings - wie viele seiner Fachkollegen. An jenem 7. November 1917 habe es sich vielmehr um einen "Putsch" gehandelt, um einen "Staatsstreich". Schließ­lich

"Gab es drei Wochen nach dem bolschewistischen Staats­streich die Wahlen zur verfassunggebenden Versammlung, bei der die Bolschewiki nur 24 Prozent der Stimmen erhal­ten haben. Die absolute Mehrheit der Bevölkerung wollte andere Parteien – vor allem die Sozialrevolutionäre Par­tei, die Agrarpartei Russlands!

Und das ist der Grund da­für, warum die Bolschewiki, um ihre Utopie zu verwirkli­chen, sie mussten natürlich die Bevölkerung zwingen sich an diese Utopie anzupassen! Es war gar nicht so einfach sie zu disziplinieren. Und so entstand das erste totali­täre Regime der Moderne."

Lenin: Zerstörer Russlands und machtpolitisches Vorbild?

Wladimir Wladimirowitsch Putin und Wladimir Iljitsch Lenin. (dpa/picture alliance/TASS/Collage)Wladimir Wladimirowitsch Putin und Wladimir Iljitsch Lenin. (dpa/picture alliance/TASS/Collage)

Aufschlussreich ist deshalb der heutige offizielle Umgang Russlands mit dem Erbe des "Roten Oktober". Maßgebender Wortführer einmal mehr: Russlands Staatspräsident Wladimir Putin. Für die so genannte "Große Sozialistische Oktoberrevo­lution", die ihm seit seiner sowjetischen Kind­heit als kanonisierter Begriff präsent ist, hat er nichts übrig - noch viel weniger aber für Wladimir Lenin, dieser mit ihr verbundenen späteren Groß-Ikone des Weltkommunis­mus:

"Lenin – Wladimir Iljitsch! - Der hat doch eine Mine un­ter unser Staatsgebäude gelegt! Lenin war es, der einen Sowjetstaat auf der völligen Gleichberechtigung der Republi­ken wollte - mit dem Recht auf Austritt aus der Sow­jetunion!

Und genau das ist eine Zeitzünder-Mine gewe­sen - die inneren Grenzen sind damals völlig willkürlich und oft ziemlich unbegründet gezogen worden.

Das Donbass-Industrierevier, das haben sie an die Ukraine übergeben. Ihr Motiv: So wollten sie den Prozentsatz an Proletariern in der Ukraine anheben, um dort für sich eine größere ge­sellschaftliche Unterstützung zu kriegen... Was für eine Fieberphantasie, verstehen Sie?!" 

"Putin hat ja mal gesagt, dass Nikolaus der Zweite ein Schwächling gewesen ist, weil er die Macht einfach aus der Hand gegeben hat", erinnert der St. Gallener Osteuropa-Historiker Ulrich Schmid:

"Was das ‚System Putin‘ heute an der Sowjetunion interes­siert, ist die imperiale Dimension."

Der Begriff "Revolution" ist in Putins Russland schon deswe­gen zum diskursiven "Unwort" mutiert, weil er sich mit "Machtwechsel" assoziieren lässt - wie jüngst zweimal in der benachbarten Ukraine oder in Georgien. Akzeptiere man also "Revolution" als eine sozial-oppositionelle Hand­lungsoption, könnte das russische Staatsvolk vielleicht auf dumme Gedanken kommen - so womöglich die präventive Furcht der Staatsmacht.

Bemerkenswert: Ausgerechnet Le­nin, jener von Putin abqualifizierte Organisator des "Ro­ten Oktober"-Putsches vor 100 Jahren, könne eigentlich als Vorbild für das konkrete politische Handeln der gegenwärti­gen russischen Führung bewertet werden. So wenigs­tens sieht es der Kommunismus-Forscher Gerd Koenen: Lenin sei doch

"Der Erfinder dieser leninistischen Macht-Technologie, wie man auch sagen könnte. Und das ist übrigens etwas, was am allerehesten von den kommunistischen Regimen geblie­ben ist, auch soziologisch übrigens: Die Inhaber der Macht-Ministerien, die tief in der Sowjetunion durch­aus wurzeln, auch biographisch, Putin und andere: Das sind die neuen Kreml-Oligarchen, die jetzt mit ultraka­pitalistischen Methoden dort große Staatsmonopole verwalten und Devisen scheffeln."

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