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StartseiteCorsoDavid Bowie hat mich schwul gemacht07.09.2017

100 Jahre queere MusikDavid Bowie hat mich schwul gemacht

Von Tony Jackson, über Claire Waldoff bis zu Lady Gaga: Der britische Kulturhistoriker Darryl Bullock beschreibt im Buch "David Bowie Made Me Gay" die Geschichte der queeren Popmusik. Man stoße auf viele Künstlerinnen und Künstler, die man vorher nicht kannte, sagte Musikkritiker Jens Balzer im Dlf.

Jens Balzer im Gespräch mit Adalbert Siniawski

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David Bowie bei einem Auftritt in den 70er-Jahren. (imago/ZUMA Press)
David Bowie war für viele queere Musiker*Innen eine Identifikationsfigur (imago/ZUMA Press)
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Adalbert Siniawski: "David Bowie Made Me Gay" - David Bowie hat mich schwul gemacht: So heißt ein neues Buch des britischen Autors Darryl W. Bullock, das in den kommenden Tagen erscheint. Untertitel: "100 Years of LGBT Music", also: 100 Jahre Musik von lesbischen, schwulen, bi- und transsexuellen Künstlern. Was zeichnet die queeren Künstler und ihr Schaffen aus? Und gibt es überhaupt so etwas wie LGBT Music? Das wollen wir Musikkritiker Jens Balzer fragen, der das Buch gelesen hat. Zunächst aber, Herr Balzer: Wie darf man den Titel verstehen? Hat sich der Autor als junger Mann in David Bowie verliebt und hatte deswegen sein Coming-out?

Jens Balzer: Über sich selbst gibt er da keine Auskunft, es ist also kein wirklich autobiografisches Buch, wir erfahren, dass er schwul ist, aber sonst hält sich Darryl Bullock eher mit biografischen Exkursen zurück, es ist tatsächlich eine historische Studie. Aber gerade deswegen ist David Bowie natürlich eine zentrale Figur, wegen des enormen Einflusses, den er auf die Popmusik im Allgemeinen hatte und natürlich besonders auf die Präsenz von queeren Künstlerinnen und Künstlern im Pop. Und interessant ist Bowie ja nicht nur, weil er eben generell – man hat das noch vor Augen - so ein schriller Vogel mit so vielen verschiedenen Masken und Kostümen und wechselnden sexuellen Orientierungen war. Er ist exemplarisch, und darum steht er auch am Anfang dieses Buches, weil er jemand gewesen ist, der jungen queeren Menschen Mut gemacht hat, zu ihrer Sexualität zu stehen, ihr Coming-out zuzulassen.

Das Buch beginnt mit einer Fülle von Zitaten von Leuten, die sagen, dass Bowie ihnen gewissermaßen das Leben gerettet hat. Boy George sagt: Er hat mir gezeigt, dass ich nicht wertlos bin; Kid Congo Powers, später Gitarrist bei Nick Cave, sagt: Er war wie ein Alien, und wir alle fühlten uns ja wie Aliens in unseren Körpern, wir waren uns selber fremd, weil wir nicht so waren, wie die Gesellschaft uns haben will, und Bowie zeigte uns: Du bist nicht allein.

Die Jazz-Szene als sicherer Ort

Siniawski: Ja, das war auf jeden Fall etwas, was er hinterlassen hat. Bowie hatte allerdings seine großen Erfolge in den 70er-Jahren, das Buch will nun aber 100 Jahre LGBT Popgeschichte präsentieren. Wo setzt der Autor denn da an?

Balzer: Darryl Bullock ganz zurück zum Beginn dessen, was man so Popgeschichte im modernen Sinn nennen würde, nämlich also bis zum frühen Jazz. Der entstand ja bekanntlich im Rotlichtviertel von New Orleans, wo es dann aber eben, wie er ausführlich erläutert, nicht nur Bordelle für heterosexuelle Männer gab, sondern auch welche für Schwule und sogar auch ein Etablissement, wo sich damals schon Cross-Dresser trafen. Heute spricht man von "safe spaces". Und das waren gewissermaßen in einem Umfeld, das natürlich extrem homophob war und einer drakonischen Anti-Schwulen-Gesetzgebung, "safe spaces" für Menschen mit abweichenden Orientierungen. Und der erste Jazz-Pianist, der in dieser Szene zu Ruhm gelangte, war ein schwuler Afroamerikaner, Tony Jackson, der nicht nur mit seiner virtuosen Technik für Aufsehen sorgte, sondern auch durch sein exaltiertes Verhalten. Der wurde, wie gesagt, in New Orleans bekannt, zog dann nach Chicago und wurde da zu einem Pionier der dortigen Jazz-Szene. Sein bekanntester Song "Pretty Baby" wiederum, der von seiner Liebe zu einem schönen schlanken Knaben handelt, wurde dann wiederum ausgerechnet von einer lesbischen Sängerin berühmt gemacht, Alberta Hunter. Und auch zwei der ersten Blues-Sängerinnen waren lesbisch, Bessie Smith und Ma Rainey. Ma Rainey singt zum Beispiel in einem ihrer ersten Songs:

"I went out last night with a crowd of my friends / they must have been women / cause I don't like men" - "Das müssen alles Frauen gewesen sein, die mit mir unterwegs waren, denn Männer kann ich gar nicht leiden".

Vom Underground zum Mainstream

Siniawski: Das sind ja alles Namen, die man nicht sofort erkennt, die man nicht kennt. Kann man sagen, dass sich das Buch also vor allem dem queeren Underground widmet? Oder spielen da solche Figuren wie jetzt aktuell auch Lady Gaga und Boy George, Sie haben es genannt, eine Rolle?

Balzer: Doch, Lady Gaga kommt auch vor am Ende. Es gibt auch ein Kapitel über die musikalische Gegenwart, das ich persönlich am schwächsten finde, weil ja auch enorm viel passiert ist. Nicht nur in den 70er- und 80er-Jahren, das kommt vor im Buch, also die ganze House- und Disco-Kultur ist ja wesentlich von queeren Künstlerinnen und Künstlern und DJs geprägt gewesen, sondern auch der interessante Underground-Hip-Hop der Gegenwart wird von queeren Künstlern geprägt – denken wir an Mykki Blanco oder Le1f. Das ist eher so ein bisschen unterbelichtet. Interessanter sind tatsächlich die historischen Passagen, wo es dann über die 50er-, 60er-, 70er-Jahre dann so bis in die, ja, sagen wir bis in die 90er geht. Es gibt ein Kapitel über die Weimarer Republik zum Beispiel, auch da gibt es dann "safe spaces", wo dann Künstler wie Mischa Spoliansky, der das "Lila Lied", also gewissermaßen die Schwulenbewegungshymne, die erste, komponiert hat, auftraten und lesbische Sängerinnen - Claire Waldoff. Interessant wird das Buch da, wo es dann aus dem Underground Bezüge in den Mainstream zu verlegen sucht, also zum Beispiel Bessie Smith, eine der ersten Blues-Sängerinnen, hatte ich eben schon erwähnt, war dann ein wesentliches Vorbild von Janis Joplin, war zwischendurch lange vergessen gewesen, wurde von der ihrerseits wiederum bisexuellen Joplin entdeckt und dann noch mal mit einem Denkmal gewürdigt.

Alle wollten "einfach nur Musik machen"

Siniawski: Also alles in allem eine Empfehlung, weil man viele neue Künstler entdeckt?

Balzer: Ja, für mich war das … Ich fand das auch … Ich habe viel entdeckt und viel gelernt, also auch gerade in so musikalischen Phasen, die man vielleicht, gerade wenn man queere Geschichte nicht auf dem Schirm hat, so die 50er-Jahre. Mir fehlte beim Lesen am Anfang so ein roter Faden, so eine These. Also was ist denn nun eigentlich das Wesen der queeren Musik? Das hätte man ja als Kritiker immer gerne und vielleicht auch als normaler Leser. Gibt es da eigentlich so einen musikalischen Glutkern. Aber da macht Darryl Bullock eigentlich keine Angebote oder wenig Angebote. Aber beim zweiten Lesen dachte ich mir, das ist vielleicht auch gar nicht so doof, weil wenn man sagt: So im Grunde müssen diese Homosexuellen ja auch alle so eine bestimmte Art von Musik machen, also das, was man so queer oder travestätisch nennt, aber das ist ja vielleicht selbst wieder ein sexistisches Gedankenmotiv. Dem entkommt Darryl Bullock, indem er Geschichten von Individuen erzählt, die unter unterschiedlichen historischen und gesellschaftlichen Umständen eigentlich alle nur Musik machen wollten und darin dann verpackt haben, was für sie ein existenzielles Thema ist: Nämlich, dass sie die Sexualität, so wie sie ihnen gegeben ist, nicht ausleben können in einer repressiven Gesellschaft.

Siniawski: Jens Balzer hat das Buch "David Bowie Made Me Gay" von Darryl W. Bullock. Es erscheint jetzt auf englisch im Verlag Overlook. Vielen Dank.

Balzer: Gerne, dankeschön.

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