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StartseiteBüchermarkt1004 Briefe23.04.2008

1004 Briefe

Die schriftlichen Bekenntnissen von Johann Heinrich Merck

Im 18. Jahrhundert wurde in Deutschland der Brief wurde zur literarischen Gattung. In schriftlichen Bekenntnissen vergewisserte man sich der gegenseitigen Sympathie und sparte nicht mit Komplimenten. Eine Hochburg dichterischer Empfindsamkeit war neben dem Göttinger Hainbund auch der Kreis der Darmstädter Empfindsamen, einer seiner herausragenden Köpfe Johann Heinrich Merck. Im Wallstein Verlag ist jetzt eine vierbändige Ausgabe seiner Briefe erschienen.

Von Cornelia Staudacher

Im 18. Jahrhundert kamen auch Briefromane kamen in Mode. (AP)
Im 18. Jahrhundert kamen auch Briefromane kamen in Mode. (AP)

1004 Briefe mit 150 verschiedenen Briefpartnern enthält die fünfbändige, sorgfältig edierte und klug aufbereitete Ausgabe der Briefe von und an Johann Heinrich Merck. Sie ist chronologisch geordnet, erstreckt sich über einen Zeitraum von 27 Jahren und beginnt mit den stürmischen Liebesbriefen von Louise Charbonnier, die Merck 1764 in der Schweiz kennen gelernt hatte. Dorthin war er als Hofmeister mit dem 15-jährigen Heinrich Wilhelm von Bibra gereist, der am Genfer See ein Humanistischen Collège besuchen sollte. Louise, die sich nicht scheute, ihrer Sehnsucht und ihrem sexuellen Begehren in einer für die Zeit ungewöhnlichen Deutlichkeit Ausdruck zu verleihen, schreibt in dieser Zeit an ihren Liebsten:

Ich nutze die Zeit, in der man in der Kirche ist, um mich mit ihnen zu unterhalten, mein liebster Freund. Wie oft habe ich ihr Billett wiedergelesen, mit welcher Freude habe ich darin alle Äußerungen eines reinen und wahrhaft verliebten Herzens gefunden. Und dann loben Sie mich wegen meiner großen Ruhe. Nein, mein Freund, wenn ich noch Zweifel an der Natur Ihrer Gefühle hätte, wäre ich unwürdig, sie bei Ihnen erregt zu haben. Ich wage im Gegenteil, Ihnen zu versichern, dass sie keinen schlechten Ort gefunden haben. Sie haben eine Seele getroffen, die zu empfinden weiß, und dies vielleicht ein wenig zu lebhaft. Aber Sie sind ein Lehrmeister, diese Seele zu bilden. Ich werde Ihre Emile sein.

Das Spiel mit den Geschlechterrollen, in dem sich Louise, eine selbstbewusste und gebildete junge Frau, unter Bezug auf Rouseeaus gerade erschienenen Roman "Emile oder Über die Erziehung" zu seiner Schülerin erklärt, entsprach durchaus dem Bild der bürgerlichen Frau jener Zeit.

Im nächsten Frühjahr begleitete Merck seinen Schützling von Bibra vereinbarungsgemäß nach Südfrankreich. Dort erfährt er von Louises Schwangerschaft und antwortet postwendend:

Ich beschwöre Dich, vergiß nicht, mir in Deinem Brief von dem glücklichen Sterblichen zu berichten, der mich eines Tages Deiner ganzen Zärtlichkeit berauben wird. Du wirst mir sagen, dass ich sinnlos eifersüchtig bin, und mir entgegnen, dass es dieses Wesen nicht gibt. Ich aber will, dass es existiert.

Die Hochzeit findet am 7. Juni 1766 statt, ihr erster Sohn Heinrich Emanuel wird am 10. Oktober geboren. Von den insgesamt sieben Kindern des Paares sterben vier im Kindesalter. Immer wieder ist in den Briefen vom Hauskreuz die Rede, besonders in der sehr persönlichen Korrespondenz mit Christoph Martin Wieland, der auch zwei seiner Kinder in jungem Alter verloren hat. Als Herausgeber des von ihm gegründeten Teutschen Merkur wendet sich Wieland an Merck, der bereits im Göttinger Musenalmanach und in den Frankfurter gelehrten Anzeigen publizierte, mit der Absicht, ihn als Mitarbeiter zu gewinnen. Schon bald ist er sein wichtigster Autor. Wieland lässt ihm viel Freiheit und druckt auch Mercks naturwissenschaftliche Abhandlungen. Acht Jahre älter, bringt Wieland seine freundschaftliche Bewunderung für Merck in besonders empfindsam-emphatischer Weise zum Ausdruck. Mal nennt er ihn Seelen-, mal Herzensbruder oder mein lieber Einziger, seine Briefe seien ihm "wahrer HerzensBalsam".

Danke Herzlich, Liebster herr und freund, für ihren gutlaunigen freundlichen Brief ohne Datum, und für die beyden glücklich angelangten Ladungen zum Merkur, von denen ich zwar aus zufälligen Ursachen, und weil der Platz schon eingenommen war, für den May keinen Gebrauch machen konnte, die mir aber für den Junius umso willkommener sind. Bitte also um mehr; und empfehle besonders Lavaters Physiognomien, 3. Band.

Die Physiognomischen Fragmente, in denen Johann Caspar Lavater den Versuch unternimmt, von der Physiognomie auf den Charakter zu schließen, polarisierte die Freunde. Merck stand dem pseudowissenschaftlichen Erkenntnis-konzept eher skeptisch gegenüber. Lavater jedoch begegnete er mit Sympathie und Ehrerbietung und nahm ihn gegen die harten Angriffe von Lichtenberg in Schutz. An Wieland schreibt er:

Drukt nur alles fein hurtig ab, was Ihr von mir habt, damit ich weiß, dass das Ding von meiner Seite auf dem Sand sitzt, so wollen wir Euch bald eben so viel neue Ladung zuschiken. Hütet Euch, dem Lavaterschen Kram zum Besten der guten Sache, wie Sies nennen, Euren Merkur als Nachtstuhl herzugeben. Prof. Lichtenberg hat Euch ein Feuer bereitet.... Der Kerl sitzt nun mit der Physignomik auf dem Arsch, wie der Urkunden Mann. Aber so geht's, wenn man den Leuten das Paradies aufschliessen will, und den Schlüssel nicht finden kann. Die Welt lässt sich nun einmal nicht bescheißen, u. wenn man nur ein Ehrlicher Hans Arsch ist, kommt man immer weiter, als alle die Grossen Narren mit ihrem Lug und Trug.

In Mercks Briefen kommt der Hang zum empfindsamen Schreiben weit weniger zum Ausdruck als in vielen Briefen seiner Zeitgenossen. Schwulst und übertriebene Rhetorik waren ihm ein Graus. Seine Briefe sprühen von Geistesschärfe und galligem Witz. Er appelliert an Verstand und Vernunft und propagiert die Bildung einer selbstbewußten, mündigen Persönlichkeit.

In der Literaturwissenschaft gilt Merck als Mentor und Förderer des acht Jahre jüngeren Goethe, den er im Dezember 1771 kennen lernte und dessen Genie er sofort erkannte und zu fördern wünschte. Goethes Dienste am Weimarer Hof aber missbilligte er als eines großen Geistes unwürdig. Merck und Goethe liebten und schätzten einander, und teilten das Interesse an naturwissenschaftlichen, genauer gesagt, osteologischen Forschungen. Unzählige Briefe wurden zwischen Weimar und Darmstadt ausgetauscht, in denen es um Elefantenzähne, Giraffenhalswirbel, Walrosskinnladen und andere Naturalien ging. Seine Arbeiten zum Zwischenkieferknochen beim Menschen hielt Goethe wohlweislich lange Zeit vor Merck geheim, was ihn jedoch nicht hinderte, bei dem Freund um diverse Erkundungsmaterialien nachzufragen:

Schreibe mir doch, wie sizt eigentlich das Horn des Rhinoceros auf dem Nasenknochen auf? Könntest Du mir diesen Theil bis hervor an die Schnauze nicht von deinem Exemplare kopieren lassen. Ich möchte es aber gern ein bisschen groß haben. Wie ich aus dem Kupfer bey dem Briefe schließe, sind die Nähte der zusammengefügten Knochen nicht sonderlich sichtbar. Auch wünschte ich, du ließest mir den vordern Gaumentheil des Kopfes, wie er von unten anzusehen ist, zeichnen.

Nach Goethes Rückkehr von seiner ersten Italienreise blieben den Freunden nur noch drei gemeinsame Jahre. Jahre, die für Merck sowohl aus ökonomischer Sicht als auch wegen seiner labilen psychischen Konstitution unglücklich waren. Nachdem eine von ihm übernommene Baumwollspinnerei in Konkurs gegangen und er in eine verzweifelte Lage geraten war, wandte er sich hilfesuchend an Goethe, auf dessen Vermittlung Herzog Karl August eine Bürgschaft zur Tilgung der Schulden übernahm. Die Angelegenheit endete glimpflich. Aber der Dankesbrief an Goethe legt beredt Zeugnis ab von der Niedergeschlagenheit und Verzweiflung seines Verfassers.

Ich bin noch nicht im Stande, weder dem Herzog, als meinem ersten Wohlthäter, noch meinem ältesten und edelsten Freunde mit meinem Dank unter die Augen zu treten. Meine Situation übertrifft an Elend alle Beschreibung. Ohne Schlaf und ohne Muth, Physisch u. Moralisch zu Grunde gerichtet; wandere ich ohne Ruhe noch unter den Lebenden herum, jedem zur Last - und fürchte für meinen Verstand. Für mich ist keine Freude mehr auf dieser Welt, u. Jammers ohne Ende auszutrinken ein voll gerütteltes Maaß.

Noch einmal versucht er, dem Zustand der Verzweiflung zu entkommen, und fährt nach Paris, wo er mit Anteilnahme und Hoffnung verfolgt, wie das Volk gegen die Beschränktheit und Korruptheit der letzten absolutistischen Herrscher aufbegehrt. Als er zurückkehrt, ist er umso niedergeschlagener über die Aussichtslosigkeit seiner eigenen Lage als Fürstendiener, der zudem hochverschuldet ist: Am 27. Juni 1791 erschießt er sich an seinem Schreibtisch, zwei Monate nach seinem 50. Geburtstag.

Johann Heinrich Merck, tolerant und radikal-demokratisch, feinfühlig und mitmenschlich, war in vielem ein Vordenker seiner Zeit. Als Rezensent, Essayist und Briefeschreiber war er ein einfühlsamer Beobachter von Land und Leuten, ein gewissenhafter Chronist der Sitten und Gebräuche und ein präziser Schilderer besonderer Ereignisse oder der allgemeinen Zustände im Land. Er war ein heller Kopf, ein freier Geist und einer der schärfsten Streiter seiner Zeit. So kommt es, dass man bei der Lektüre seiner Korrespondenz auch viel Aufschlussreiches über die Zeit erfährt, in der Elemente der Spätklassik, der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang wirkten.

Johann Heinrich Merck, Briefwechsel.
Herausgegeben von Ulrike Leuschner und Matthias Luserke-Jaqui. Wallstein Verlag, Göttingen 2007. 5 Bde. im Schuber, zusammen zirka 3200 Seiten

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