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Seit 17:30 Uhr Kultur heute
StartseiteInterview"Er konnte in kleinen Dingen Symptome sehen"08.01.2015

125. Geburtstag von Kurt Tucholsky"Er konnte in kleinen Dingen Symptome sehen"

Bedeutender Publizist, Satiriker, engagierter Journalist: Der vor 125 Jahren geborene Kurt Tucholsky sei mit keinem heute lebenden Intellektuellen zu vergleichen, sagte Rolf Hosfeld, Autor der Biografie "Tucholsky - ein deutsches Leben", im DLF. Seine spitze Feder sei vor allem durch die "zugespitzten" Erfahrungen des Ersten Weltkriegs und die Vorahnung der Nazizeit entstanden.

Rolf Hosfeld im Gespräch mit Christoph Heinemann

Kurt Tucholsky (picture alliance / dpa)
Kurt Tucholsky (picture alliance / dpa)
Weiterführende Information

Tucholsky in Treptow

Tucholykys Isolation auch in den deutschen Zerwürfnissen
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 22.07.2012)

Zwischen allen Stühlen
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 16.06.2012)

"Es gibt keinen Neuschnee"
(Deutschlandfunk, Lange Nacht, 25.12.2010)

"Der Wein, die Forelle und das Möp"
(Deutschlandradio Kultur, Die Reportage, 26.10.2008)

Rheinsberg
(Deutschlandradio Kultur, Die Reportage, 09.12.2007)

Aus Tucholskys spitzer Feder
(Deutschlandfunk, Kalenderblatt, 04.08.2006)

Markenzeichen: Respektlosigkeit
(Deutschlandfunk, Kalenderblatt, 21.12.2005)

Tucholsky sei "ein früh talentierter Autor gewesen. Vor allem der preußische Militarismus mit seinem Anspruch Weltmacht zu sein,  habe er früh gehasst. Die Kultiviertheit und die Zivilisation eines Kulturvolkes seien für ihn mit dem Ersten Weltkrieg zusammengebrochen, beschreibt Hosfeld die Stimmung zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Während der Weimarer Republik habe er früh bemerkt, "was vor sich geht". Er habe den Einfluss gesehen, den eine rechte Halbwelt, die sich durch politische Morde bemerkbar gemacht habe, auf das Bürgertum hatte. All diese feinen Nuancen habe Tucholsky früh erkannt und daraus erstaunliche Szenarien prophezeit. Dazu gehörten besonders die Nazi-Zeit und die aggressive Politik gegenüber Polen.


Das Interview in voller Länge:

Christoph Heinemann: Die Weltkriegsgenerale Hindenburg und Ludendorff bezeichnete er als die besten Vertreter des schlechtesten Systems. Das ist ein typischer Tucholsky-Satz zu seinem Lebensthema. Das war der Krieg und die Verantwortungslosigkeit der Verantwortlichen. Seine Mutter muss ein ziemlicher Hausdrache gewesen sein, der Vater kultur- und humorvoll, ein assimilierter Jude wie auch Siegfried Jacobsohn, der Herausgeber der "Schaubühne", später "Weltbühne". Mit Tucholsky wurde dieses Blatt zu einem der schärfsten Kritiker des Militarismus. Geboren wurde Kurt Tucholsky vor 125 Jahren in Berlin. Stettin, Genf, Paris waren weitere Stationen, schließlich Schweden. Dort ist er an einer Tablettenüberdosis gestorben. - Vor dieser Sendung habe ich mit Rolf Hosfeld gesprochen, Autor des Buchs "Kurt Tucholsky - Ein deutsches Leben". Ich habe ihn gefragt, wie und unter welchem Einfluss Tucholskys spitze Feder reifte.

Rolf Hosfeld: Tucholsky war ein frühtalentierter junger Schriftsteller. Sein erstes Buch erschien, als er Anfang 20 war. Aber die spitze Feder, als die man ihn kennt, die entstand unter dem Einfluss des Krieges und vor allem des unbewältigten Krieges in der Weimarer Zeit.

Heinemann: Sie haben geschrieben, Tucholsky hasste das Preußentum. Welches Preußentum?

Hosfeld: Ich denke, das bezieht sich natürlich in erster Linie auf das Preußentum seiner Zeit, also auf den preußischen Militarismus dieser Welt, in der er groß geworden ist, das heißt, des Preußentums mit Weltmacht-Geltungsanspruch, das er auch immer konfrontiert hat mit dem fritzischen Preußentum, wobei man nicht unbedingt behaupten kann, dass das fritzische Preußentum das Ideal darstellte, was ihm vorgeschwebt hat. Wenn man da gewisse positive Vorbilder sucht, dann hat er sie eher in etwas gefunden, was er vor dem Krieg nicht kannte, nämlich während des Krieges im baltischen Adel im Kurland, also dem heutigen Lettland, wo er stationiert war. Das war zwar kein Preußentum, aber es war ein sozusagen preußenaffiner Adel, der allerdings mehr englischgesellschaftliche Umgangsformen kultivierte und weniger staatsuntertanmäßige Züge hatte. Und das hat ihm enorm imponiert, auch die Gebildetheit oder die kultivierten Umfangsformen, wie er generell eine enorme Affinität zu diesen Formen des kultivierten Umgangs im 19. Jahrhundert entwickelt hat, und vieles von dem, was man von ihm kennt, entstand auch da aus der Enttäuschung darüber, dass diese Welt mit dem Weltkrieg zusammengebrochen ist.

Heinemann: Zusammen mit anderen hat Tucholsky ja vorher verzweifelt gegen diesen drohenden Krieg angeschrieben. Hätte er, mit einem Buchtitel eines Historikers gesprochen, die politisch Verantwortlichen damals als "Schlafwandler" bezeichnet?

"Für ihn ist eine Welt zusammengebrochen mit dem Krieg"

Hosfeld: Ich glaube, in gewisser Hinsicht hat er es einerseits ja bereits getan. Er hat sie ja beschrieben schon im Jahre 1914, also als Leute, die den Krieg herbeisehnen, die befreiende Wirkung des Krieges herbeisehnen, also die sich über die Konsequenzen sozusagen ihrer Haltung überhaupt nicht bewusst sind. In dem Sinne, wie man das heute zu sehen in der Lage ist, war das natürlich niemand damals, auch Tucholsky nicht. Es ist für ihn eine Welt zusammengebrochen mit dem Krieg, das ist ganz zweifelsohne der Fall, und er zählt zu denjenigen, die wahrscheinlich am tiefsten verstanden haben, was da zusammengebrochen ist. Es ist eine ganze Zivilisation zusammengebrochen und die Zivilisation eines Kulturvolkes wurde auf eine archaische Ebene zurückgeworfen. Das hat ihn enorm irritiert.

Heinemann: Und der Theoretiker dieses Zusammenbruchs war Franz Kafka für ihn?

Hosfeld: Der Theoretiker war eher Siegmund Freud.

Heinemann: Inwiefern?

Hosfeld: Er hat sehr viel Freud gelesen und er hat bei Freud sozusagen diese dünne Decke der Zivilisation gesehen, die Freud beschreibt, und den darunter lauernden Atavismus. Der hat sich für Tucholsky im Krieg deutlich gezeigt und auch entschleiert. Kafka hat in der "Strafkolonie" - das war eine Novelle, die Tucholsky dann allerdings erst nach dem Krieg gelesen hat, und er hat in diesem Typus, den Kafka beschreibt, sozusagen den neuen Menschen entdeckt, der aus dem Weltkrieg herausgekommen ist, diesen amoralischen Typen, der in der Lage ist, die größten Grausamkeiten zu begehen, ohne dabei in Gewissensnöte zu geraten.

Heinemann: Kurt Tucholsky lebte ab 1924 in Paris. Sechs Jahre später zieht er nach Schweden. Wie erlebt er - Stichwort Hitler - das Scheitern der Weimarer Republik?

Hosfeld: Er hat vor allen Dingen sehr früh schon bemerkt, was vor sich geht. Aber es ist vielleicht doch wichtig zu sehen, dass Tucholsky sehr nuanciert die Entwicklung der Weimarer Republik beobachtet hat. Anfang der 20er-Jahre war es ja eine Art Bürgerkriegssituation, eine rechte Halbwelt, die sich in Deutschland durch politische Morde bemerkbar machte, die aber nicht darauf beschränkt war, sondern die eine große Menge auch des sozusagen Bürgertums mit einbezog, zumindest in ihren Haltungen und Meinungen. Aber er war dann Mitte der 20er-Jahre der Ansicht, im Grunde genommen ist diese Zeit vorbei, die Zeit des völkischen Nationalismus ist vorbei. Es kamen ja dann auch die sogenannten goldenen 20er-Jahre und Ende der 20er-Jahre brach das auch zusammen. Das war eine relativ kurze Zeit. Und in dieser Zeit, Ende der 20er-Jahre, war ihm völlig klar, hier passiert irgendetwas, wo dunkle Wolken über Deutschland, im Übrigen aber auch über Europa anfangen, eine Rolle zu spielen, und die Szenarien, die er in dieser Zeit entwirft, sind erstaunlich. Er prophezeit schon, dass es eine Art kalten Putsch der Nazis geben wird, er prophezeit, dass das zu einer aggressiven Politik gegenüber Polen führen wird, er prophezeit sogar, dass diese aggressive Politik gegenüber Polen zu einem Bündnis mit der Sowjetunion gegenüber Polen und damit zu einem neuen Krieg führen wird, und das ist ja alles auch so eingetreten, wie er es gesehen hat.

Von Tucholsky kann man lernen Symptome zu sehen

Heinemann: Herr Hosfeld, was würde Tucholsky heute über diejenigen schreiben, die neuerdings Montags auf deutschen Straßen behaupten, sie seien das Volk?

Hosfeld: Er würde wahrscheinlich ähnliche Worte darüber verlieren wie über die völkische Bewegung seiner Zeit. Nun muss man natürlich dabei berücksichtigen, dass die Aggressivität, mit der das damals vorgetragen wurde, doch wesentlich stärker war, als das heute der Fall ist. Aber es ist eben diese dumpfe und der Potenzialität nach auch zum Atavismus neigende Mentalität der deutschen Provinz und das hätte ihn sicher enorm gestört.

Heinemann: Gibt es heute in Deutschland Intellektuelle wie Tucholsky?

Hosfeld: Ich würde mal forsch sagen, nein.

Heinemann: Warum nicht?

Hosfeld: Das ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich aber: Wir sind ja auch in einer etwas ruhigeren Zeit. Ich glaube, man kann solche Leute wie Tucholsky nur verstehen, wenn man weiß, in welcher zugespitzten zeit sie gelebt haben, und Tucholskys große Verzweiflung, die teilweise auch zu seinen Radikalismen führte während der Weimarer Zeit, bestand darin, dass Deutschland diesen fürchterlichen Krieg nicht nur mit verursacht hat, dass es diese enorme Anzahl von Toten gab,...

Heinemann: Den Ersten Weltkrieg.

Hosfeld: Den Ersten Weltkrieg. - ..., vielmehr darin, dass man sich konsequent geweigert hat, die Ursachen und die Grundlagen dieses Krieges zu reflektieren, und diese Kriegsmentalität die ganze Zeit während der Weimarer Republik versucht hat weiterzuleben.

Heinemann: Was können wir heute von Kurt Tucholsky lernen?

Hosfeld: Die Dinge klar zu sehen, in kleinen Dingen auch Symptome zu sehen und sie in einer klaren Sprache so zu beschreiben, dass Dinge, die von Bedeutung sind, nicht unbedingt in der Form deutscher tiefsinniger Betrachtungen analysiert werden, sondern dass man sie auch mit leichter Feder deutlich machen kann.

Heinemann: Rolf Hosfeld, Autor des Buchs "Kurt Tucholsky - Ein deutsches Leben".

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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