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StartseiteKalenderblatt13.7.1954 - Vor 50 Jahren13.07.2004

13.7.1954 - Vor 50 Jahren

Frida Kahlo, Malerin gestorben

Dichte, schwarze Augenbrauen, über der Nasenwurzel zusammengewachsen. Das schwere, dunkle Haar streng aus dem Gesicht gekämmt. Volle rote Lippen, über denen dunkle Härchen wachsen. Große braune Augen, traumversunken oder ins Leere blickend. Eine stolze Frau, würde- und geheimnisvolle Schönheit - so malt die 1907 in Mexiko geborene Frida Kahlo ihr erstes Selbstporträt in Öl, 1926. Das Bild widmet sie ihrer ersten Liebe, "Alex", Alejandro Gomez Arias. Er hatte sie bereits verlassen, nach dem tragischen Busunfall ein Jahr zuvor.

Von Michaela Gericke

Es ist nicht wahr, dass man den Unfall merkt, es ist nicht wahr, dass man weint. In mir waren keine Tränen. Der Stoß hatte uns nach vorne gewirbelt, und das Geländer hatte mich durchbohrt, wie ein Degen einen Stier.

Das Schambein dreifach gebrochen, ein Schlüsselbein und zwei Rippen gebrochen, das rechte Bein hat elf Brüche, der rechte Fuß ist ausgerenkt und zerquetscht. Im Krankenhaus tanzt nachts der Tod um ihr Bett, für immer wird Frida Kahlos Leben von diesem Unfall geprägt sein. Ihr Ziel, Medizin zu studieren, muss die rebellische Gymnasiastin, eine der ersten Oberschülerinnen in Mexiko-Stadt, aufgeben. Sie beginnt zu malen, ist mutig und selbstbewusst genug, den großen, in Mexiko gefeierten Revolutionsmaler Diego Rivera zu fragen, ob sie mit der Malerei ihr Geld verdienen kann. Diego Rivera findet sie talentiert, ihr Selbstporträt originell und bestärkt sie, diese eigene Sicht aufs Leben beizubehalten. Sie malt sich so, wie sie sich fühlt: in kräftigen Farben, wie eine Königin in mexikanisch folkloristischer Tracht, oder nackt, mit Blut, offenen Wunden oder bloßgelegtem Herz. Diego Rivera wird ihre große Leidenschaft und Liebe. Die beiden heiraten, als sie 22 ist. "Die Taube und der Elefant", spöttelt Fridas Mutter über das gegensätzliche Paar: Er ist fast doppelt so alt. Frida, knapp ein Meter sechzig groß und zierlich, wirkt neben dem großen schweren Mann

wie ein Püppchen. Aber nur, was die Größe betrifft. Denn sie ist eine starke Persönlichkeit. Sie trägt mexikanische Kleidung und wenn sie durch die Straßen von San Francisco geht, erzeugt sie kein geringes Aufsehen,

schreibt der berühmte und mit Rivera befreundete Fotograf Edward Weston. Diego Rivera gibt Frida Kahlo zunächst Geborgenheit, und beide fühlen sich vereint im Kampf für das revolutionäre Mexiko. Rivera findet aber auch in den USA Auftraggeber, und Frida in San Francisco einen Arzt, dem sie bis an ihr Lebensende verbunden bleibt. Zwischen Realismus und Surrealismus gibt sie in naivem, unbefangenen Stil und mit Symbolen das wider, was sie selbst bewegt: körperlichen und psychischen Schmerz, Sehnsüchte und Ängste.

Ich male mich, weil ich so oft allein bin.

In Detroit beispielsweise nach einer Totgeburt im Krankenhausbett: Mit weißen Tränen und einer roten Blutlache unter sich. Über ihrem gewölbten Bauch hält sie Schnüre. Die sind verbunden mit einem Embryo, einer Schnecke mit Haus, dem Knochenbau eines Oberkörpers, einer geöffneten Blüte, einem mechanischen Gerät. Frida Kahlos bildnerischen Assoziationen und Träume stehen meist im Zusammenhang mit Diego Rivera, sein Kopf wird oft Motiv auf ihren Gemälden. Rivera aber betrügt sie - auch mit ihrer jüngeren Schwester. Sie empfindet seine Untreue und schließlich die Scheidung als Mord. Die beiden finden jedoch wieder zueinander, heiraten noch einmal. Ihr psychischer Schmerz aber ist längst körperlich geworden. Trost aus ihrer Einsamkeit fand sie bis dahin in Affären mit Frauen und Männern, im Sex und im Alkohol, aber auch in der Arbeit:

Meine Bilder sind sorgfältig gemalt, nicht flüchtig, sondern mit Geduld. Die Botschaft meiner Malerei ist der Schmerz. Sie ist nicht revolutionär. Wozu mir weiter einbilden, sie sei kämpferisch? Das beherrsche ich nicht,

schreibt Frida Kahlo 1953 in ihr Tagebuch. Immer mehr spürt sie seit den 40er Jahren die Spätfolgen des Unfalls. Sie wird mehrfach an der Wirbelsäule operiert, in ein Stahlkorsett gezwängt. Frida Kahlo malt sich selbst in einem Schnallenkorsett, mit bloßer Brust und offenem Oberkörper, der den Blick auf eine mehrfach gebrochene, ionische Säule frei gibt. Die Haut ist gespickt mit kleinen Nägeln. In den letzten zehn Lebensjahren schreibt und malt sie ein "journal intime", ein intimes Tagebuch. Trotz der Schmerzen schont sie ihren Körper kaum, unterrichtet Kunst, hat 1953 ihre erste Einzelausstellung in Mexiko City, zu der sie auf einer Trage gebracht wird. Im August desselben Jahres wird ihr rechtes Bein amputiert. 6 Monate danach schreibt sie in ihr Tagebuch:

Das war eine jahrhundertelange Folter und .... ich habe immer noch Lust, mir das Leben zu nehmen.

Ihre letzten Worte im "journal intime":

Fröhlich warte ich darauf, das Haus zu verlassen – und hoffe, nie wiederzukommen.

Am 13. Juli 1954 stirbt Frida Kahlo – wie es offiziell heißt, an einer Lungenembolie. Wahrscheinlicher ist, dass sie ihrem Leben selbst ein Ende setzte.

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