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StartseiteBüchermarkt1547 Seiten Familienkorrespondenz17.02.2010

1547 Seiten Familienkorrespondenz

Rahel Levin Varnhagen: "Familienbriefe" und "Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde"

Briefe sagen viel über ihren Verfasser aus - aber auch über ihren Empfänger: 644 Hin-und Herschreiben zwischen Geschwistern, Nichten, Cousins, Schwägerinnen von Rahel Levin Varnhagen geben daher ein detailliertes Zeugnis.

Von Beatrix Langner

Bündelweise Briefe. (AP)
Bündelweise Briefe. (AP)

Jeder Band dieser textkritischen Edition ist handwerkliche Präzisionsarbeit. Von 1547 Druckseiten der chronologisch geordneten Familienkorrespondenz sind 1016 Seiten Briefe, das sind 644 Hin-und Herschreiben zwischen Geschwistern, Nichten, Cousins, Schwägerinnen. Die übrigen mehr als 500 Seiten beanspruchen Kommentar, Briefverzeichnis, Personenregister, biografische Skizzen, Stammbäume und Kommentarteil, der allein schon 463 Seiten füllt.

Das Bemerkenswerteste an diesen Briefen ist, dass sie aufgehoben wurden. Selbst Goethe gab der Versuchung gelegentlich nach, Jugendbriefe zu vernichten, um sich nicht von den "sittlich kümmerlichen Beschränktheiten der schönsten Jugendjahre" deprimieren zu lassen, wie er sagte. Um wie viel mehr ein Familienzirkel, unter dessen Mitgliedern streng genommen nur zwei Literaten waren: Rahel und ihr Bruder Ludwig Robert.

"...verwart meine Briefe den dass sind meine jurnale ich kann es nicht zwey mahl schreiben ich thu alles par inspiration du moment. Kein Eindruck darf verloren gehen."

Schreibt Rahel aus Breslau vom 8.-10. August 1794 an den ältesten Bruder Marcus Levin, das Familienoberhaupt. Der Brief ist acht Druckseiten lang, unvermittelt fällt sie vom Deutschen, das sie noch sehr ulkig fehlerhaft schreibt, in ein einigermaßen korrektes Französisch und wieder zurück mit jiddischen Einsprengseln und französischen Lehnwörtern des Berlinischen wie fladusisch für schmeicheln, proper für ordentlich, babeln für schwatzen, Pleureusen für Hofmenschen. Die Fortsetzung folgt am 11. und 12. August. In Breslau lebt ein Vetter, Lipmann Meyer, bei dem Mutter Chaie, Schwester Röschen und sie beherbergt werden. Rahel schreibt wie sie spricht - wie eine Notiz ihres späteren Ehemanns Karl Augen Varnhagen bestätigt: temperamentvoll, anschaulich, lustig, elegant, gedankenreich und geistvoll assoziierend. In Lipmann Meyers Haus ist eine Privatsynagoge untergebracht, im Hof Geflügel und ein Pferdestall. Eine Kompanie Flöhe, die sie bei der Ankunft belagert, stellt sich die dreiundzwanzigjährige Rahel als "Insel der Freiheit und Gleichheit" zur Verfügung. Am nächsten Morgen haben es "unzälige Hüner und Gänse und Puten und Enten" vor ihrem Fenster auf ihre Ohren abgesehen, übertönt von einer Gruppe "Böhmen" (gemeint sind wohl galizische Juden) die in "mistischer Sprache" Gott "bis in sein Wolkenpalais hinein schreien".

Jeder Ort, den sie unter die Feder nimmt, wird Ereignis. Breslau, Amsterdam, Hamburg, Paris, Berlin und Karlsruhe&Baden, wohin das Ehepaar Levin-Varnhagen nach dem Wiener Kongress gezogen ist. Ihre Briefe sind Tagebuch, Zeitung, Essay, Reisebericht, seltener Seelenbeichte. Die verwöhnte Tochter eines reichen Berliner Juden und bildungshungrige Saloniére kommt selten ohne Wörterbuch, Clavir und Theater durch den Tag, bestellt von unterwegs zwei paar Schuhe und einen Teetisch. Sie schreibt und liest so viel, dass es ihr der Arzt verbieten muss. Die vielfach verflochtenen Korrespondenten sind - ausgenommen Lipman, nachmals Ludwig Robert, Rahels zweitjüngster Bruder, dessen Briefe 2001 in einem eigenen umfangreichen Band ediert wurden - der älteste Bruder Mordechai, nachmals Marcus Theodor Robert-Tornow, Hendel oder Hans genannt, dessen Frau und die Töchter Fanny und Johanna, Rahels Schwester Rose, ihr Mann und anfangs noch Chaie, die Mutter. Chaie schreibt hebräisch, das Datum gibt sie nach dem jüdischen Kalender an. Christine Klostermann hat die Passagen transkribiert. Selten vergisst Madame Levin den jüdischen Gruss: "Schlojme! Sollst leben!".Dagegen schreibt Marcus französisch, ganz gebildeter Geschäfts-und Weltmann. Ein Schöngeist und Literat avant la lettre, geistreich, klug, leidet er an der Last seiner Geschäfte, wäre lieber, statt, Bankier in Hamburg, "Hirsch oder Gemse" an stillem Waldsee: "jeder Mensch sollte eine große Absicht haben, man sollte lebhafter fühlen so würde man mehr genießen... ich möchte vergehen in einen ruhigen Traum". Marcus ist der sanfte, romantische Utopist unter den fünf Levin-Geschwistern, die alle den deutschen Namen Robert beziehungsweise Robert-Tornow angenommen haben. Die ganz junge Rahle dagegen ist dauernd verliebt und träumt selbstironisch von einer reichen Heirat. An ihre Schwägerin Hendel: "Philosophinnen sind wir doch schon; dazu Geld, und man riskiert bei der etwaigen Unsterblichkeit nichts." Sie lebt eine Form innerer Unabhängigkeit und persönlicher Freiheit, wie sie selbst Männern um 1800 kaum zugestanden wurde. "Es ist Menschenunkunde," instruiert sie die zehn Jahre jüngere Schwester, "wenn sich die Leute einbilden unser Geist sey anders und zu andern Bedürfnissen constituirt, und wir könnten zum Exemplel ganz von des Mannes oder Sohns Existenz mitzehren."

Damals in Breslau brach sie am 17. August zu einem Ausflug ins Riesengebirge auf und besucht auch das Zisterzienser-Kloster Grüssau. In diesem Kloster war während des Krieges die Sammlung Varnhagen der Berliner Staatsbibliothek evakuiert. Nach dem Krieg und Schlesiens Angliederung an die Volksrepublik Polen gelangten die Handschriften und Bücher in die Krakauer Universitäts-Bibliothek, wo sie heute noch archiviert sind.

Sozialgeschichtliche und philologische Archäologie im jüdischen Konnex ist noch immer Pionierarbeit. Die kurze Hochzeit deutsch-jüdischer Kultur zwischen Akkulturation und neuem Selbstbewusstsein - Juden waren als Diplomaten, Fabrikanten, Unternehmer, Schriftsteller und Handelsherren in Berlin, London oder Paris maßgeblich an der bürgerlichen Emanzipation beteiligt - dauerte etwa von 1780 bis 1806. Antijudaismus und Franzosenhass hielten mit der napoleonischen Annektion Einzug in der preußischen Monarchie. Der Familienbriefwechsel umfasst die Jahre von 1787 bis zu Rahels Tod 1833.

Nicht so sehr ihre Denkart, die stark von Goethes Geschichts-und Naturphilosophie und Fichtes subjektivem Idealismus geprägt ist, als vielmehr ihr Einfluss innerhalb der Familie lässt sich aus der Familienkorrespondenz der Rahel Levin Varnhagen gut ablesen. Die Versprachlichung ihrer Existenz hat hier ihren Ursprung. Die Anatomie dieser restlos literarisierten Existenz versuchen die Editoren aus dem Geflecht der familiären Synergien zu präparieren. "Wie kann man Unbeschreibliches beschreiben höchstens höchstens erzählen", schwärmt die Fünfundzwanzigjährige, und schwört, "so wahr ich dass Glük immer suche kurz so wahr ich existire", dass sie aus Verdruss Herzschmerzen habe, dass ihre Lieben zuhause in Berlin nicht sehen können, was sie sieht. Spätere Briefe sind oft an mehrere Familienmitglieder abwechselnd gerichtet. Weder von Krieg, Flucht noch Krankheiten lässt sie sich hindern, die Familie - mitsamt hinzugeborenen Nichten und Neffen - zusammenzuhalten, Konflikte zwischen Bruder Marcus, Ehemann Varnhagen und immer wieder Moritz zu schlichten, dem Sorgenkind der Familie. Sie ist der Mittelpunkt all der komplizierten, reich mit Gegensätzen ausgestatteten Charaktere, die untereinander kaum Verbindungen haben. 1807 kommt der heranwachsende Moritz hinzu, das jüngste der Levin-Geschwister, der für die nächsten vier Jahre den Hauptteil der Briefe bestreitet, ein feinnerviger Exzentriker, der sich selbst für untalentiert hält. Moritz schreibt die witzigsten, stürmischsten Briefe von allen, aber nur solang ihm die kluge, luzide Schwester ihr Herz exklusiv öffnet. Mit 45, ihr Haar ist schon weiss, gesteht sie Moritz, was sie sonst niemand gestand: dass sie durch die Ehe mit dem erheblich jüngeren Varnhagen zum Glücklichsein verpflichtet sei, weil er ihre Zufriedenheit zu seiner Lebensaufgabe gemacht habe: die "verkehrte Krone" lastet "auf (ihrem) Schiksal."

In diesem Frühjahr präsentiert der Berliner Matthes&Seitz Verlag das Gedenkbuch ihres Ehemannes Varnhagen von Ense, das beinah zu eilig, möchte man sagen, nämlich vier Monate nach Rahels Tod im Juli 1833 im Druck erschienen ist - ein gefällig poliertes Denkmal "dieses in Wohlwollen und Wahrheitseifer stets erregten Lebens", ihren Freunden gestiftet. Die Germanistin Ulrike Landfester hat es herausgegeben als poetologisches Dokument eines einzigartig individualisierten Korrespondenzstils. Wir wollen gerecht sein: Es ist vielleicht die schönste intellektuelle Liebeserklärung an eine Frau seit Dionysos von Halikarnassos an Sappho - auch wenn es nun für immer Varnhagen ist, der sich das letzte Wort über seine geniale Gefährtin vorbehalten hat.

Rahel Levin Varnhagen, Familienbriefe, herausgegeben von Renata Buzzo Margari Barovero, C.H.Beck München 2009, 1547 Seiten, 18 Abbildungen, 128 Euro

Rahel Varnhagen von Ense, Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde, Matthes&Seitz Berlin 2010, 633 Seiten

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