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Seit 06:50 Uhr Interview
StartseiteKalenderblatt1964 lehnte Jean-Paul Sartre den Literaturnobelpreis ab22.10.2004

1964 lehnte Jean-Paul Sartre den Literaturnobelpreis ab

Seine Unabhängigkeit sah der Schriftsteller durch den Preis gefährdet

Wie jedes Jahr an einem Donnerstag in der zweiten Oktoberhälfte warteten auch an jenem 22. Oktober 1964 die Kulturjournalisten überall auf der Welt in gespannter Neugier auf die bestimmende Nachricht des Tages; sie war für kurz nach 13 Uhr angekündigt. Dann tickerten die Fernschreiber und brachten die erwartete Eilmeldung:

Von Christian Linder

Der französische Schriftsteller und Philosoph Jean-Paul Sartre, Aufnahme von 1969 (AP Archiv)
Der französische Schriftsteller und Philosoph Jean-Paul Sartre, Aufnahme von 1969 (AP Archiv)

Die Schwedische Akademie in Stockholm hat den diesjährigen Literaturnobelpreis an den französischen Schriftsteller und Philosophen Jean-Paul Sartre verliehen. In der Begründung heißt es, Sartres freiheitlicher Geist und seine Suche nach Wahrheit habe einen weitreichenden Einfluß auf unser Zeitalter ausgeübt.

Wenig später begannen die Fernschreiber wieder zu tickern, und wieder lief eine Eilmeldung, und sie war die Sensation:

Jean-Paul Sartre lehnt Literaturnobelpreis ab.

Diese Nachricht versetzte alle, die sich in Redaktionen in Stockholm, Paris, New York, Moskau, Frankfurt oder Zürich schon daran gemacht hatten, das Lob auf den verdienten, damals 59-jährigen anzustimmen, einen der Begründer des Existentialismus, den berühmten Dramatiker, Romancier und Essayisten, in helle Aufregung. Denn dass jemand die höchste literarische Auszeichnung ausschlug, war vorher nur zweimal passiert: 1925 durch G. B. Shaw, der gleichwohl das Preisgeld annahm und an eine englisch-schwedische Literaturstiftung verschenkte, und 1958 durch den russischen Schriftsteller Boris Pasternak, der von seiner Regierung zum Verzicht gezwungen worden war. Aber warum Sartres Ablehnung?

Halbstündlich tickerten die Fernschreiber immer neue Einzelheiten in die Welt: Sartre, der schon Tage zuvor als aussichtsreichster Kandidat für den Literaturnobelpreis genannt worden war, habe frühzeitig der Stockholmer Akademie in einem Brief mitgeteilt, er werde für den Fall, dass man ihn auszeichnen werde, den Preis ablehnen. Stimmte das? Inzwischen suchten Reporter nicht nur aller Pariser Tageszeitungen den Schriftsteller. In seiner Wohnung war er nicht. In der Wohnung seiner Lebensgefährtin Simone de Beauvoir traf man ihn ebenfalls nicht. In der Redaktion der von Sartre geleiteten Zeitschrift "Les temps modernes" wusste auch niemand Bescheid. Die Reporter hatten sich inzwischen zu Pulks zusammengeschlossen, und einer dieser Pulks entdeckte Sartre schließlich beim Mittagessen mit Simone de Beauvoir in einem abgelegenen Restaurant am linken Seine-Ufer.

Ja, er lehne den Preis ab, bestätigte Sartre, so wie er es vorher schon angekündigt habe. Warum? "Aus persönlichen und sachlichen Gründen," erklärte Sartre. Einzelheiten werde er gegenüber der schwedischen Presse erklären. Diese Erklärung sei vorbereitet. Sprach’s und bat, das Mittagessen mit Simone de Beauvoir fortsetzen zu dürfen.

Da niemand an diesem Tag Genaues erfuhr, standen am folgenden Tag noch viele Vermutungen in den Zeitungen. Die französische Presse zitierte Sartres Schriftstellerkollegen André Maurois mit den Worten:

Sartres Reaktion ist offensichtlich spontan. Vielleicht tut es Sartre aus Koketterie. Oder wegen Simone de Beauvoir? Wird sie eifersüchtig sein?

André Francois-Poncet wurde so zitiert:

Sartre fürchtet sich vor der Verbürgerlichung, aber es gibt eine Antibürgerlichkeit, die noch schlimmer ist.

Die skandinavische Presse befand:

Eine größere Ohrfeige als durch Sartre hat die Akademie noch nicht erhalten.

Das Rätselraten über Sartres Motive endete erst mit Sartres schriftlicher Erklärung. Sie war unmissverständlich:

Der einzige Kampf an der Kulturfront, der heute möglich ist, ist der Kampf für die friedliche Koexistenz der beiden Kulturen – jene im Osten und jene im Westen... Ich persönlich empfinde die Widersprüche zwischen den beiden Kulturen sehr tief; ich bin durch diese Widersprüche geformt worden. Meine Sympathien gehören unzweifelhaft dem Sozialismus... Aber ich wurde in einer bürgerlichen Familie geboren und erzogen. Dies gestattet mir, mit all jenen zusammenzuarbeiten, die eine Annäherung der beiden Kulturen wünschen... Aus diesem Grund kann ich aber keinerlei von kulturellen Organisationen weder des Ostens noch des Westens verliehene Auszeichnungen annehmen... Obwohl alle meine Sympathien den Sozialisten gehören, könnte ich dennoch gleicherweise zum Beispiel einen Lenin-Preis nicht annehmen... Diese Haltung hat ihre Grundlage in meiner Auffassung von der Arbeit eines Schriftstellers. Ein Schriftsteller, der politisch oder literarisch Stellung nimmt, sollte nur mit den Mitteln handeln, die die seinen sind – mit dem geschriebenen Wort. Alle Auszeichnungen, die er erhält, können seine Leser einem Druck aussetzen, den ich für unerwünscht halte. Es ist nicht dasselbe, ob ich "Jean-Paul Sartre" oder "Jean-Paul Sartre, Nobelpreisträger" unterzeichne.

Die Haltung, die sich in der Ablehnung des Nobelpreises ausdrückte, prägte Sartres umfassendes Engagement, das er 1948 in einer Berliner Rede angekündigt hatte:

Wir müssen, jenseits der Moral der Nazis, des Übermenschen, die Gesellschaft auf zwei grundlegenden Prinzipien gründen: die Moral des Sozialismus und die Moral der Demokratie.

Wochen nach der Ablehnung des Nobelpreises erschien die deutsche Übersetzung von Sartres Autobiographie "Les mots", "Die Wörter". Darin erzählt Sartre, wie ihn die Programme seiner Kindheit und Jugend manipuliert hatten und durch jahrelanges Einlassen auf fremde Erwartungen, zum Beispiel seines Großvaters, Künstliches und Undurchschautes in sein Schreiben geriet und er dadurch auch lange gegängelt wurde, bis er dieses Fremde weggearbeitet hatte - das war in den "Wörtern" durchreflektiert. Für diese Unabhängigkeit und intellektuelle Alternative stand 1964 auch Sartres Ablehnung des Literaturnobelpreises, getreu seiner Maxime, daß niemand

sich leben kann ohne sich zu schaffen, das heißt, ohne auf das Konkrete hin zu überschreiten, was man aus ihm gemacht hat.

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