Montag, 20.11.2017
StartseiteNachrichten vertieft"Lügenpresse": Journalistenschelte bloß ein Ventil?10.06.2016

2. Kölner Forum für Journalismuskritik"Lügenpresse": Journalistenschelte bloß ein Ventil?

Journalisten müssten ihr Tun immer wieder neu hinterfragen, betonte DLF-Chefredakteurin Birgit Wentzien beim 2. Kölner Forum für Journalismuskritik Köln. Doch Medienkritik rechtfertige nicht den Vorwurf der Lügenpresse, da sind sich die Diskussionsteilnehmer einig. Manche Gruppen suchten gezielt die Konfrontation und wollten gar keinen Dialog, berichtete Kathrin Freisberg vom SWR.

Panel 3: Kathrin Freisberg, Kim Otto, Birgit Wentzien, Frank Überall (Deutschlandradio/Jessica Sturmberg)
Diskussionsrunde über "Lügenpresse" und das schwindene Vertrauen in die Medien (Deutschlandradio/Jessica Sturmberg)

"Lügenpresse - Anatomie eines Schlagwortes" lautete das Thema der Podiumsdiskussion, über das Prof. Kim Otto von der Uni Würzburg, der DJV-Vorsitzende Frank Überall, die SWR-Journalistin Kathrin Freisberg und DLF-Chefredakteurin Birgit Wentzien diskutierten. Andreas Elter von der ARD/ZDF-Medienakademie moderierte die Runde und betonte, es gehe hiebei auch um den Vertrauensverlust in den Medien.

Zu Beginn schilderte Kathrin Freisberg ihre Erlebnisse als Reporterin während einer Demonstration gegen eine Flüchtlingseinrichtung am Stegskopf im Westerwald: Im Rahmen einer Umfrage unter den Teilnehmern sei sie plötzlich umringt, beschimpft und dabei gefilmt worden. Die Ablehnung und der Hass habe sie eiskalt erwischt, erzählte sie. Am nächsten Tag sei in sozialen Medien ein Video mit ihr erschienen, mit dem Kommentar: "Lügenreporterin bei der Arbeit". Sie sei darin als frech  und unverschämt bezeichnet worden, und es habe geheißen, sie lasse ihre Gesprächspartner gar nicht ausreden.

Freisberg: Manchmal hat man als Reporter keine Chance

Diese Vorwürfe wies Freisberg als falsch zurück. Sie habe objektiv berichtet und "sich nichts vorzuwerfen". Es heiße häufig, Journalisten berichteten nicht oder nur subjektiv. Dabei zeige das geschilderte Ereignis, dass man als Reporter manchmal gar keine Chance habe, wenn sich die Gesprächspartner verweigerten.

Was Kathrin Freisberg berichte, sei kein Einzelfall, betonte DLF-Chefredakteurin Birgit Wentzien. Der DJV-Vorsitzende Frank Überall ergänzte, er beobachte schon seit Längerem eine Verrohung. In Drohungen heiße es: "Wir kriegen Euch alle." Journalisten würden beschimpft, sogar bespuckt. Überall betonte: Das Grundrecht auf Pressefreiheit müsse genauso durchgesetzt werden wie das auf Demonstrationsfreiheit. Die Polizei habe hier in der Vergangenheit häufiger weggeschaut.

Der Journalismusprofessor Kim Otto wies auf Studien über einen Vertrauensverlust der Medien hin. Allerdings sei der größer, wenn es generell um Medien gehe und weniger stark, wenn gezielt nach Fernsehen, Radio oder Zeitungen gefragt werde. Er plädierte dafür, den Menschen den Unterschied zwischen etablierten Medien und anderen Quellen im Internet stärker zu verdeutlichen. Denn im Netz werde man tatsächlich manchmal schlecht informiert.

Überall: "Lügenpresse" ist ein "diskreditierender Kampfbegriff"

Der Begriff Lügenpresse sei "ein gewollter politischer diskreditierender Kampfbegriff", wies Frank Überall den Pauschalangriff gegen Medien zurück. Extremisten, ob links oder rechts, sähen im Journalismus eine "Systempresse". Und natürlich arbeiteten Journalisten auf Grundlage des hier geltenden demokratischen Systems. Von den Extremisten werde dieses System aber abgelehnt, daher sei der Vorwurf einer "Systempresse" nach ihrer Logik schlüssig.

DLF-Chefredakteurin Birgit Wentzien und DJV-Chef Frank Überall (Deutschlandradio/Jessica Sturmberg)DLF-Chefredakteurin Birgit Wentzien und DJV-Chef Frank Überall (Deutschlandradio/Jessica Sturmberg)

DLF-Chefredakteurin Wentzien forderte Maßnahmen, um verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen: Journalisten müssten stärker über ihr Tun nachdenken. Zugleich müsse klar sein: Man müsse sich nicht alles gefallen lassen. Sie sprach sich dafür aus, die politische Bildung stärker zu befördern. Dass Journalisten ins Visier der Kritik gerieten, hänge möglicherweise auch mit der politischen Konstellation zusammen. So sei aufgrund der derzeitigen Mehrheitsverhältnisse im Bundestag die Debatte über die Flüchtlingskrise in diesem Gremium nicht umfassend ausgetragen worden.

Journalisten nur ein Ventil für Unzufriedenheit?

Auch nach Ansicht von Kim Otto ist der Vorwurf der "Lügenpresse" vor allem ein Ventil für die große Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Befördert werde das durch die neuen Medien, hier könne man schnell Kommentare abgeben, während dies früher aufwendiger gewesen sei. Kathrin Freisberg stimmte Otto zu und betonte: Im Internet gebe es kaum noch Hemmungen, und Hasskommentare trügen nicht zu einer Annäherung bei.

Frank Überall forderte: "Wir müssen deutlicher machen, dass nur Journalisten können, was Journalisten können." Es werde allerdings oft nicht mehr differenziert, wann berichtet und wann kommentiert werden. Hier sei eine klare Trennung wichtig. Denn die Bürger seien manchmal nicht in der Lage, das zu unterscheiden.

Zum Ende der Diskussion wurde aus dem Publikum auch das Argument eingebracht, dass die Schlagzeilen in allen Sendern und Zeitungen oft dieselben seien. Ein Problem des Personals, meinte dazu Frank Überall. "Wir brauchen mehr Journalisten". In den Redaktion gebe es nicht genügend Redakteure, um eine differenziertere Berichterstattung zu gewährleisten.

(kis/stfr)

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