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StartseiteThemen der Woche20 Jahre danach25.08.2012

20 Jahre danach

Lehren aus Rostock-Lichtenhagen

Wann ist ein Land erwachsen? Wenn dieses Land Rassismus nennt, was Rassismus ist. Wenn die Aufmerksamkeit der Alltagsgewalt gilt. Wenn nicht verstohlen zur Seite geschaut wird, wenn jemand mit Hitlergruß durch die Straßen zieht, kommentiert Birgit Wentzien.

Von Birgit Wentzien, Deutschlandfunk

Rostock-Lichtenhagen: Der Mob tobte tagelang vor dem Asylbewerberheim.  (picture alliance / dpa /Jens Kalaene)
Rostock-Lichtenhagen: Der Mob tobte tagelang vor dem Asylbewerberheim. (picture alliance / dpa /Jens Kalaene)

Wann ist ein Land erwachsen? Wann ist es wehrhaft und solidarisch, stark und auch demokratisch klug? Ganz einfach, hat nach seiner Vereidigung Joachim Gauck im Bundestag gesagt. Ein Land wie die Bundesrepublik ist dann ein Land des Ausgleichs und auch der Verteidigung von Interessen, und damit erwachsen und so gesehen staatsbürgerlich klug, wenn es sich als lernfähig erweist. Darauf kommtes an!

Vor jetzt zwanzig Jahren in Rostock-Lichtenhagen siegten über Tage hinweg Hetze und Gewalt. Fanatiker und auch Dummdreiste. Mit massivsten Gewaltübergriffen. Mit unkontrolliertem menschenverachtenden Krawall. Es waren katastrophale Tage eines Chaos mit Ansage. Ellenlange Stunden des Versagens aller Verantwortlichen des Staates - mit Vorlauf. Denn die Asylbewerber in Rostock-Lichtenhagen hatten monatelang vor der dortigen Anlaufstelle für Asylbewerber kampiert - vollkommen im Freien, von den Behörden im Stich gelassen.

Die Behörden haben es nicht begriffen, sagte Wolfgang Richter damals. Der frühere Ausländerbeauftragte der Stadt Rostock vor 20 Jahren. Über Stunden ohne Polizeischutz in einem brennenden Haus. Zur Flucht über's Dach verdammt. Vor dem Haus - damals: Ein grölender, ja auch jubelnder Mob. Steine und Brandsätze werfend. Rauschhafter Rassismus, sagt Wolfgang Richter heute - 20 Jahre danach.

Das mutmaßliche Terror-Trio des nationalsozialistischen Untergrunds, NSU, wuchs damals auf. Diese Jugendlichen erfuhren damals staatliches Handeln als Wegsehen. Einen randalierenden, gewalttätigen, jubelnden Volkszorn und Inkompetenz und auch absichtsvolle Schlamperei statt Verantwortung. Der Polizeidirektor von Rostock verschwand über Stunden zum Hemdenwechseln, der Innenminister sah alles andere als eine Gefährdung und der damalige Ministerpräsident des Landes Mecklenburg Vorpommern sah nur eines - in den Wochen danach, als sich Stadt und Land darin überboten die Verantwortung hin und herzuschieben: Die Bevölkerung sei durch den geradezu ungebremsten Zustrom von Asylanten überfordert gewesen. Was für ein Maß an komplettem Versagen! Was für ein Maß an fehlender Eigenverantwortung.

Mit dem Versagen der Ermittler leben mussten auch die Familienmitglieder der terroristischen NSU-Mordopfer. Über zehn Jahre hinweg galt der Verdacht der Behörden, der Polizei und Verfassungsschützer: Die Opfer hätten sich die Morde selbst zuzuschreiben. Ermittelt wurde in den Familien und die mussten im Verdacht allein gelassen mit nicht geringen Vorurteilen fertig werden. Einige von ihnen verstummten, andere wurden krank. Verhört. misstrauisch beäugt, auch in den Medien.

Wann ist ein Land erwachsen? Wenn dieses Land Rassismus nennt, was Rassismus ist. Wenn die Aufmerksamkeit der Alltagsgewalt gilt. Wenn nicht verstohlen zur Seite geschaut wird, wenn jemand mit Hitlergruß durch die Straßen zieht und eine national befreite Zone meint ausrufen zu müssen. Und - seien wir lernfähig auch im Erkennen neuer Herausforderungen für Demokratie und Freiheit. Herausforderungen, die verbrämt wirken, manchmal auch nur virtuell vorhanden sind. Überhaupt nicht demokratisch legitimierte Akteure auf Finanzmärkten gehören dazu. Und menschenferne, nur mit sich selbst beschäftigte Bürokratien. Auch sie können, weil fern jeder Verantwortung und Kontrolle, Demokratie und Freiheit gefährden. Zwei Jahrzehnte nach Rostock-Lichtenhagen, nach Mölln, Hoyerswerda und Solingen und zehn Jahre und zehn Morde nach den Taten der NSU.

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