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StartseiteCorsoSzenebiotop mit Strahlkraft14.06.2018

20 Jahre 'rhiz' in WienSzenebiotop mit Strahlkraft

Das 'rhiz' in den historischen Wiener Stadtbahnbögen ist ein besonderes Szenelokal: Seit seiner Gründung vor 20 Jahren ist es Anziehungspunkt für Newcomer aus der österreichischen Musikbranche - und gleichzeitig ein Beispiel für neue Wege in der Stadtentwicklung.

Von Paul Lohberger

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Die gläserne Fassade des Wiener Szenelokals rhiz in den historischen, backsteinernen Stadtbahnbögen (Michaela Schwentner)
Das Wiener Szenelokal 'rhiz' in den historischen Stadtbahnbögen (Michaela Schwentner)
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Ein Biergarten gehört zu den zwei Bögen unter dem Viadukt der Wiener Stadtbahn. Die fährt oben, rundherum tobt der Verkehr der mehrspurigen Gürtelstraße. In den backsteinernen Bögen befindet sich das Lokal 'rhiz'. Große Glasfenster schirmen die zwei gewölbten Räume ab. In einem findet sich die Bar, in dem andern die Bühne. Das 'rhiz' wurde für Acts konzipiert, die mit progressiven Ansätzen kleine Zielgruppen ansprachen - ideal für Newcomer, ursprünglich aus der Elektronik der 1990er, bei der aber eher zugehört, als geraved wurde.

"Damals war ja alles Elektronik"

Herbie Molin, bis heute der Wirt im 'rhiz', war schon 1995 beim Phonotaktik-Festival involviert, das das Potenzial der elektronischen Musik jenseits von Techno entdeckte: "Damals war ja alles Elektronik: Erste Phonotaktik, da war ja Fennesz, aber auch Kruder/Dorfmeister und Pulsinger/Tunakan, das ist alles unter ‚Vienna Electronic‘ gelaufen, was jetzt wenig miteinander zu tun hatte, außer dass alles elektronisch generierte Musik war."

In den Gründungsjahren sollte das 'rhiz' also ein Lokal für intellektuelle Elektronik zum Zuhören sein. Auch die Künstlerin Michaela Schwentner wollte in diesem Feld arbeiten. Von der Eröffnung bis 2011 veranstaltete sie "jade@rhiz" - einen Multimedia-Kunst-Club rund um die Musik von DJs: "Das war hauptsächlich natürlich die elektronische Musikszene, in die ich auch hineingewachsen bin durch Visualisierungen zur Musik von befreundeten Musikern - das muss ich jetzt nicht gendern, die Frauen kamen später dazu. Die elektronische Musik im weiteren Sinn war das, von Ambient bis Supergefrickel - alles drin."

Aus der 'rhiz'-Szene heraus gründete Michaela Schwentner ihr Label mosz. Darauf veröffentlichte auch Eva Jantschitsch als Gustav zwei Alben. Gustav arbeitete elektronisch, trat aber auch als Sängerin mit Gitarre auf - erstmals im 'rhiz'.

Auch Wanda waren da

Michaela Schwentner: "Ja, das 'rhiz' hat sich da schon verändert, dass es da auf einmal sehr viele Singer-Songwriterinnen gab, in den 2000er Jahren."

Als düsteres Gegenstück zu Gustav hatte auch das Projekt Soap & Skin von Anja Franziska Plaschg seine Premiere im 'rhiz'. Dass Projekt- und Künstlernamen verschwammen und keinen Aufschluss über das Wesen des oder der Künstler gaben, war Programm. Und auch Wanda absolvierten hier einen frühen Gig.

Herbie Molin: "Früher das 'rhiz', da waren die DJs, du hast die Tische und Sessel überall gehabt und dich da hinsetzen können und plaudern und neue Musik hören. Und inzwischen hat sich das 'rhiz' zu einem Club verändert, wo das Wichtige die Livekonzerte und die Partys am Wochenende sind."

Nicht nur musikalisch hat das 'rhiz' die Wiener Indieszene mitgeprägt. Zusammen mit den anderen Locations in den Wiener Stadtbahnbögen, wie etwa dem größeren Chelsea, hat es auch den Wandel des ehemaligen Rotlichtviertels ermöglicht. Architektin Silja Tillner hatte seinerzeit den Wiener Gürtel neu gestaltet: Neue Wege, bessere Beleuchtung und helle Segeldächer vermittelten Sicherheit. Auch die großen, weit offenen Fenster der neuen Lokale und Geschäfte waren Teil ihres Konzepts:

Weniger Barriere, mehr Verbindung

Silja Tillner: "Das Konzept von uns waren die Glasfassaden, das war mir auch wichtig, da gabs viele Diskussionen - aber: Die Ausgangssituation städtebaulich und architektonisch war natürlich, die Barrierewirkung des Gürtels zu verringern und die außen- und innenliegenden Bezirke zu verbinden - von einer Trennlinie, wo jeder seine unerwünschten Nutzungen hinschiebt, von Hundezone bis Lager - zu einer verbindenden Linie zu machen. Und es war ja wirklich schön, dass nach der Eröffnung Leute, vor allem Studenten, gesagt haben: ‚Ah, ich wohn‘ in der Nähe vom Chelsea oder in der Nähe vom 'rhiz'.‘ Und es ist eine Destination geworden."

Schade findet die Architektin, dass bei den späteren Projekten nicht mehr so genau auf das ursprüngliche Rahmenkonzept geachtet wurde, das von den Lokalen kulturellen Mehrwert verlangte. Andererseits wollte sich trotz entsprechender Pläne die gemischte Nutzung mit Geschäften und Tagesbetrieb nicht einstellen, und so wurde der Gürtel zur Gastro- und Partyzone. Trotzdem  - oder gerade deswegen - kann sich das 'rhiz' mit einem kulturellen Programm behaupten. Herbie Molin stößt sich nicht daran, dass die Nachbarschaft immer voller wird.

Herbie Molin: "Je mehr Lokale, desto mehr Leute sollte es auch anziehen, insofern ist es nicht schlecht für uns, dass da mehr Lokale sind jetzt."

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