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StartseiteKalenderblattEin hartnäckiger Weltretter05.12.2017

20. Todestag von Rudolf BahroEin hartnäckiger Weltretter

Der DDR-Dissident Rudolf Bahro war längst verhaftet, als sein Buch "Die Alternative" 1978 im Westen erschien. Darin kritisierte er den "real existierenden Sozialismus" und kapitalistische Wachstumsdynamik gleichermaßen. Der spätere Mitbegründer der Grünen starb heute vor 20 Jahren.

Von Rolf Wiggershaus

Der Philosoph, Politiker und Sozialökologe Rudolf Bahro, hier bei einem Fernsehinterview im Jahr 1990 (imago/teutopress)
Der Philosoph, Politiker und Sozialökologe Rudolf Bahro, hier bei einem Fernsehinterview im Jahr 1990 (imago/teutopress)
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"Der Einmarsch war ein Schlag, der mich so persönlich betroffen hat wie irgendeinen der engagiertesten tschechoslowakischen Akteure. Der Streit wird nicht enden, bis der Herd solcher reaktionären Gewaltakte wie '68, bis die spätstalinistische Apparatherrschaft ausgeräumt ist. In den ersten Tagen und Stunden nach der Intervention hat sich für immer etwas in mir verändert. Jedenfalls wollte ich ihnen nun eine Antwort liefern, gegen die sie ideell so ohnmächtig sein sollten, wie wir es waren gegen ihre Panzer."

Neun Jahre nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei und der gewaltsamen Beendigung des "Prager Frühlings" präsentierte Rudolf Bahro seine Antwort.

Anfänge als SED-Agitator

Am 2. August 1977 veröffentlichte "Der Spiegel" ein Interview mit ihm und gleichzeitig einen Auszug aus seinem bis dahin anonym angekündigten Buch "Die Alternative. Zur Kritik des real existierenden Sozialismus". Als am nächsten Tag auch ARD und ZDF Interviews mit ihm sendeten, war Bahro bereits verhaftet, seine Karriere als einer der bedeutendsten DDR-Dissidenten aber nicht mehr aufzuhalten.

Dazu Bahro: "Ich bin in meiner gesamten Entwicklung sozusagen ein DDR-Produkt, durch und durch. Ich habe alles Mögliche gemacht, in der Landwirtschaft, in der Wissenschaft, im Hochschulwesen, das letzte Jahrzehnt in der Industrie. Menschen wie ich müssen einfach versuchen, hier den Kurs zu ändern, wenn sie ihren Anfängen treu bleiben wollen. Je mehreiner ursprünglich dazugehört hat, um so weniger kann er es auf die Dauer ertragen, wie die Partei die Idee zerstört und blamiert, die ihm einmal heilig war."

Zu solcher Entwicklung mochten Kindheitserfahrungen Bahros beigetragen haben. Geboren 1935 im niederschlesischen Bad Flinsberg, war er bei Kriegsende ohne Familie. Mutter und Geschwister waren auf der Flucht an Typhus gestorben, der Vater in Kriegsgefangenschaft. 1950 trat Bahro in die "Freie Deutsche Jugend" ein, um die Oberschule besuchen zu können. Er wurde SED-Mitglied und war nach dem Philosophie-Studium im Auftrag der Partei agitatorisch als Redakteur und Referent tätig. Nach Konflikten mit der SED war er seit 1967 in der Industrie als Abteilungsleiter für wissenschaftliche Arbeitsorganisation eingesetzt. In dieser Zeit entstand seine Kritik des real existierenden Sozialismus.

Für einen radikal neuen Fortschrittsgedanken 

Sie zielte auf mehr als eine Analyse und Reform dieser, wie er meinte, "Gesellschaftsformation eigenen Typs": "Als die Bewegung aufbrach, war von der allgemeinen Emanzipation des Menschen die Rede, nicht nur von diesem mittelmäßigen, aussichtslosen Wohlstand, mit dem wir demSpätkapitalismus vergebens den Rang abzulaufen suchen. In einem umfassendsten kulturellen Sinne setzen die Länder des real existierenden Sozialismus einigermaßen
zwanghaft den ‚kapitalistischen Weg‘ fort. Individuell ahnen viele Menschen, dass derGedanke des Fortschritts völlig anders gefasst werden muss, als sie es gewohnt sind."

(L-r): Herbert Gruhl, Rudolf Bahro und Otto Schily auf der Bundesversammlung der Grünen am 21. Juni 1980 in Dortmund. Einer der drei Sprecher der Partei, Haußleiter, hatte sein Amt niedergelegt. Bei der Wahl für die Nachfolge schied Schily bereits im ersten Wahlgang aus. Gewählt wurde der Gewerkschafter D. Burgmann, der dem linken Flügel der Partei zugerechnet wird. | Verwendung weltweit (dpa / Roland Scheidemann)Herbert Gruhl, Rudolf Bahro und Otto Schily (von links nach rechts) auf der Grünen-Bundesversammlung im juni 1980 (dpa / Roland Scheidemann)

Versuch der Überwindung des Rechts-Links-Schemas

Bahros Buch wurde ein Bestseller. Eine breite Welle öffentlich bekundeter Solidarität bewirkte, dass der wegen "Geheimnisverrat" zu acht Jahren Haft Verurteilte im Oktober 1979 amnestiert und in den Westen entlassen wurde.Es folgten anderthalb Jahrzehnte, in denen der hartnäckige Weltverbesserer und Weltretter immer wieder die Szene wechselte. Als Mitbegründer der Partei "Die Grünen" beispielsweise plädierte er für eine Überwindung des Rechts-Links- Schemas.

Als die Mauer fiel, kehrte er an den Ausgangspunkt seines Engagements zurück. In einer Rede auf dem Sonderparteitag der SED im Dezember 1989 verwies er auf seine 1987 erschienene 500-seitige "Logik der Rettung" und warb für einen wirklichen Neuaufbruch in einem autonom gewordenen Land.

Bahro: "Gegenstand ökologischer Politik ist nicht der Umweltschutz als Dachreiter der industriellen Massenproduktion, an der die Welt kaputt geht, sondern die Rückkehr des Menschen ins Naturgleichgewicht. Die Grundlast des Industriesystems ist schon jetzt zehnmal zu schwer für die Biosphäre, für die Erde."

Die verständnislose Reaktion auf seine Rede zeigte ihm, dass ihn mit dieser Partei nichts mehr verband. Im Frühjahr 1990 konnte er an der Humboldt-Universität ein Institut für Sozialökologie aufbauen, das fortan seine zentrale Wirkungsstätte blieb. Rudolf Bahro starb am 5. Dezember 1997 62-jährig an einer seltenen Form von Blutkrebs.

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