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StartseiteKommentare und Themen der WocheGedenken mit Schönheitsfehlern05.05.2018

200 Jahre Karl MarxGedenken mit Schönheitsfehlern

Der Bronze-Kitsch aus China sei eine missglückte Marx-Statue, kommentiert Henning Hübert. Denn man müsse von diesem an die Hand genommen werden, um ihn zu erfassen. Deutschland sei jedenfalls noch lange nicht fertig mit dem weisen dialektischen Analytiker.

Von Hennig Hübert

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Zuschauer machen mit ihren Telefonen Fotos, als die 2,3 Tonnen schwere und mit Podest 5,50 Meter hohe Bronzestatue von Karl Marx in seiner Geburtsstadt Trier enthüllt wird. (AP / Michael Probst)
Die Bronzestatue von Karl Marx wird in seiner Geburtsstadt Trier enthüllt. (AP / Michael Probst)
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"Wir sind unschuldig!" Ein Graffiti-Künstler hatte diesen Satz einst unter die Berliner Skulptur von Marx und Engels gesprayt, bevor die Abrissbagger zum Palast der Republik kamen. Es ging um die Schuld am DDR-Regime. Eine Momentaufnahme aus der Wendezeit, die es hinein in die neu gemachte Dauerausstellung im Geburtshaus geschafft hat. Zu solchen Stücken kann man Trier nur gratulieren.

Wir sind unschuldig! Dieser Satz klingt allerdings auch durch in den vielen Statements der Politik zur missglückten neuen Marx-Statue vor dem Trierer Stadtmuseum. Unschuldig warum? Weil es ja einen demokratisch gefassten Stadtratsbeschluss dazu gab, sich den Bronze-Kitsch von China schenken zu lassen.

Seit heute, seit der Enthüllung, kann jeder sehen, dass die Auseinandersetzung mit Karl Marx so eben nicht mehr funktioniert: den Philosophen realsozialistisch und übermenschengroß zu modellieren und dann auch noch auf einen Sockel zu stellen. Um heute von Marx an die Hand genommen zu werden, muss man ihn auch anfassen, ihm auf Augenhöhe begegnen können. Gerne auch augenzwinkernd.

Das haben viele - außerhalb der Stadtspitze – in Trier und anderswo im Westen gemerkt. Das spürt man in neuen Comics, neuen Filmen, bald wahrscheinlich auch in einer neuen komischen Oper, die gerade fürs Theater Bonn entsteht. Aber eben nicht im unverhüllt-marxistischen Bronze-Erguss.

Augenzwinkernd an Marx heran gehen

Noch mehr gehen inzwischen im Osten augenzwinkernd an Marx ran, wegen ihrer eigenen Sozialisation. Viele können inzwischen sogar ein Auge zudrücken, trotz unfreiwillig langer Lebensjahre unter dem Banner des Marxismus.

Die Chemnitzer haben seit 1971 ein mehr als doppelt so hohes Marx-Monument als die Trierer. Heute Abend werden durch eine Beamerprojektion seine Lippen scheinbar in Bewegung geraten und ihn Sprüche raushauen lassen, die mit Witz realkapitalistische Zustände aufs Korn nehmen. Die Mahnung aus Chemnitz: Karl Marx bitte nicht zu ernst nehmen, sonst droht Verzweiflungsgefahr bei der Analyse der eigenen Umstände.

Politiker und Gelegenheitsleser, die "Das Kapital" durchblättern oder das "Manifest der kommunistischen Partei" ganz durchlesen, werden das bestätigen können: dass sie auf fast jeder Seite was anstreichen können, das auch heute gilt. Die Statements von Katja Kipping, Sahra Wagenknecht, Gregor Gysi, Andrea Nahles und sogar Michael Kretschmer lassen sich so verstehen.

Der sächsische Ministerpräsident von der CDU nahm auf einer Demo am 1. Mai in Chemnitz den Marx-Spruch in den Mund, dass das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein der Menschen bestimme.

Er verband diesen Satz mit der Ohnmacht örtlicher Betriebsräte in Görlitz und Leipzig gegenüber der Realität in der entfernten Münchner Siemens-Zentrale: Dort reifte der Plan, sich ohne erkennbare Not von den Nebenwerken zu trennen. Marx unverzichtbar - in einer Analyse durch einen CDU-Ministerpräsidenten - im unbequemen Alltag 2018.

In Trier ist man, so scheint es, noch mehr auf Entdeckertour, es ging auch lange fast ohne ihn: "Leben. Werk. Zeit" ist die erste große kunsthistorische Ausstellung zu Karl Marx und gleich millionenschwer geworden. Die Landesausstellung setzt Raum für Raum auf großformatige Öl-Gemälde, um die Person Marx in ihrer Zeit verständlich zu machen.

Oft liegen in der Mitte der Räume im musealen Schummerlicht zusätzlich seine eng bekritzelten Manuskriptseiten. Sie zeigen, dass Marx nie mit seinen Analysen der Ökonomie fertig war. Wer ist den nun schuldig an ausbeuterischen Zuständen? Und wie kann man sich von ihnen befreien? Auch Deutschland ist noch lange nicht fertig mit ihm, dem weisen dialektischen Analytiker aus Trier.

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