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StartseiteBüchermarkt200 Texte27.11.2006

200 Texte

Jürgen Becker und seine Journalgeschichten

Ein leeres Heft mit 200 Seiten bildete den Ausgang für Jürgen Beckers Journalgeschichten. Jeder Seite ist ein Text vorbehalten und so entstand in Schüben Text für Text. Alltägliches, Eindrücke und Erinnerungen aus vergangenen Jahrzehnten sind das Ergebnis.

Von Joachim Büthe

Textliche Rückblicke: Journalgeschichten.  (Stock.XCHNG / Andre Veron)
Textliche Rückblicke: Journalgeschichten. (Stock.XCHNG / Andre Veron)

" Angefangen hat es, wie es anfängt. Mit der ersten Seite in einem Heft, das ich in meinen Beständen wiederfand und das mich lockte, reizte, herausforderte, es mit Schrift zu füllen. Dieses Heft, leere Seiten, hat aber doch Seitenzahlen, 200. Und so entstand die Idee, diese 200 Seiten nun zu beschreiben und dabei jede Seite für einen Text vorzusehen. Gewissermaßen ist das Programm dieses Buches auf der ersten Seite vorgestellt. Und danach stellte sich natürlich die Frage, was schreibe ich in dieses Buch nun hinein. Ich hatte ja keine festen Vorstellungen, keine Romanfiktion . Ich wusste nur, jede Seite sollte einen Text haben. ... So entstand in Schüben Text nach Text, nicht nach einer bestimmten Ordnung, nur bemerkte ich, dass dann bestimmte Motive sich einstellten, die sich dann im Laufe des Schreibens wiederholten."

Journalgeschichten nennt Jürgen Becker diese kurzen Texte, und dass sein Werk die Züge eines Journals trägt ist bereits bemerkt worden. Insofern handelt es sich um ein Wiederaufnahmeverfahren und doch weiß die nächste Seite jeweils mehr, denn sie öffnet ein neues Fenster. Die Variante ist neu und zugleich eine Form der Wiederholung, der Alltag ist durchsetzt mit Erinnerungen, und fast will es scheinen, als gäbe es keinen Unterschied mehr zwischen jetzt und damals, als geschehe alles zur gleichen Zeit.

" Natürlich gibt es Unterschiede zwischen dem Jetzt und einer Zeit, die eine Woche, ein Jahr, 10 Jahre, 30 Jahre zurückliegt, der Unterschied ist da. Aber im Kopf, im Bewusstsein schmelzen solche Zeiten dann doch zusammen, können nebeneinander existieren oder ineinander übergehen. Einfach dadurch schon, dass ein bestimmter Augenblick, ein Geruch, ein Geräusch, das, was momentan jetzt passiert, eine Erinnerung auslöst. Damit entsteht ja schon die Gleichzeitigkeit, das Auslösende und ein Vorgang, der 20 Jahre zurückliegt. Ein Beispiel ist das Drehen einer Zigarette, ein völlig normaler Vorgang, der bei mir plötzlich dann doch ganze Jahrzehnte zurückruft, die bis in den Krieg zurückgehen, den Nachkrieg, als das Zigarettendrehen damals etwas sehr Existenzielles war. Das ist für mich ein Beispiel von Gleichzeitigkeit, wo ein Vorgang von jetzt, das Drehen einer Zigarette, plötzlich Nachkriegsgeschichte miterzählt."

Die Verknüpfung von alltäglichen Verrichtungen, vom kontemplativen Blick aus dem Fenster und den Schüben der Erinnerung, dem Geschiebe der Assoziationen ist eines der durchgehenden Motive dieses Buches. Hinzu kommen die Gäste, die eingeladen eindringen mit ihren Gesprächen und Erzählungen, Agenten einer sich entfernenden Welt. Zudem gibt es den Reiseschriftsteller H., der sich weigert zu reisen und mit dieser Haltung dem Herzen des Autors nahe sein dürfte, denn er hat ja recht. Die Räume mit ihren historischen Schichtungen sind vor Ort schon vorhanden. Die Scheune sammelt die Geschichten ein, heißt es an einer Stelle. Und es gibt die Sätze, die sich nicht einfügen wollen, aber vielleicht den Nukleus in sich tragen für eine neue minimale Geschichte. Sie befinden sich in der Warteschleife.

"Warteschleife ist ja ein Begriff aus der Flugtechnik. Flugzeuge, die nicht landen dürfen, ziehen eine Warteschleife. So kommen mir oft kleine Kapitel oder Wörter oder Sätze vor, die einem so durch den Kopf gehen, aber die nirgendwo einen Ort finden, in keiner Erzählung, in keinem Gedicht. Freischwebende, scheinbar freischwebende Sätze, die irgendwann einmal ankommen werden, aber zunächst einmal noch unterwegs sind. Und denen haben ich ein kleines Ressort gegeben, das ich eben Warteschleife nenne. "

Die Warteschleife ist ein Blick nach vorn in diesem an Blicken zurück reichen Buch.
So kommen denn auch die alten Debatten noch einmal ins Visier, wie und ob man denn noch erzählen könne. Sie sind ausgestanden, man kann sie nicht ohne Ironie zitieren. Und doch sind sie nicht nur biographische Erinnerungen, sondern Bausteine zu einer Haltung, die das allzu selbstgewisse Erzählen, von dem es wahrlich genug gibt, erschüttern kann.

"Es ist natürlich ein Spiel auch, das hier gespielt wird, ein ironisches Spiel, auch mit der Frage nach dem Erzählen, nach dem Erzähler. Diese alten Debatten, kann man erzählen, wie erzählt man, die man eigentlich längst hinter sich gelassen hat, diese Debatten. Aber sie spielen noch mal hier hinein. Und mir erschien es auf einmal sonderbar, diesem Erzähler, der in der Romanliteratur so eine hervorragende Rolle spielt, ist es der Autor oder ist es eine erfundene Person? Das sind ja häufig Gegenstände von langen germanistischen Untersuchungen. Für mich ist der Erzähler, wenn er nicht mit dem Autor identisch ist, sein Zeitgenosse, der eben auch beschäftigt sein will. Heute, im Zeitalter der Medien, wo alles verfügbar ist und man von Informationen lebt und von Nachrichten, ist er ein Zeitgenosse, der dafür sorgt, dass die Welt mit Nachrichten versorgt wird. In meinem Buch ist das nun gar nicht der Fall, weil das doch alles sehr introvertierte Vorgänge sind. Was macht eigentlich ein Erzähler, der Allwissende, in einem solchen Buch, wo es dann nur um das Wiesemähen geht, um die Apfelernte oder wie man den Ofen anmacht? Was hat ein Erzähler bei solchen kleinen Tätigkeiten überhaupt noch für eine Funktion? Fragt sich der Autor. Natürlich hat er eine Funktion, aber das, was man von ihm erwartet, so wie er sich selber vielleicht auch verstehen möchte, das kommt nicht mehr so zum Zuge. Und deshalb ist er vielleicht eher eine etwas komische Figur, wenn er da steht und fragt: Was habe ich denn eigentlich hier zu tun? "

Rückblick: Manchmal entsteht der Eindruck, dass in diesen kleinen Prosastücken so etwas wie eine Bilanz aufscheint, doch Bilanzierungen sind Jürgen Beckers Sache nicht. Der Prozess des Schreibens ist unabschließbar. Doch es ziehen Reminiszenzen ein, Verweise auf das niedergeschriebene Werk, die man jedoch nicht entschlüsseln können muss, um der Poesie dieser Prosaminiaturen zu verfallen. Die selbst auferlegte Kürze der Texte und die Offenheit der Form hat es mit sich gebracht, dass Verfahren wieder in den Blick gerieten, die am Anfang dieses Schriftstellerlebens standen.

"Ich habe mich als Autor, vor allem früher, sehr oft gefragt, was ist eigentlich mein Stil, meine Schreibweise. Und da bin ich oft sehr unsicher gewesen und habe nie genau gewusst, was denn nun die eigene Sprache ist. ... Auf diese Art und Weise ist dann bei mir diese Mehrstimmigkeit entstanden, dass ich nie genau sagen konnte, was ist denn nun meine eigene Schreibweise. Ich war immer in verschiedenen Sprechweisen zu hause, und das macht sich in diesem Buch noch einmal deutlich bemerkbar. Es schließt an etwas an, was ich schon abgeschlossen glaubte, das multiple Schreiben, dieses offene vielstimmige Schreiben, wie ich es vor 40 Jahren mal angefangen hatte. Das ist jetzt plötzlich wieder ein Zusammenhang entstanden. Nicht absichtlich, es hat sich beim Schreiben so herausgestellt."

Rückblick, zum zweiten: Das ironische Spiel mit den Figuren, mit den Ausfächerungen des Autors, dem Erzähler, dem Reiseschriftsteller, ein schweigsamer Kommentator ist auch vorhanden, ist unterfüttert mit Melancholie, vermischt sich mit ihr zu einer nahezu elegischen Stimmung. Auch dies geschieht zur gleichen Zeit, in kaum merklichen Kippbewegungen. Nein, keine Bilanz, auch kein reines Wiederaufnahmeverfahren. Aber manchmal eben doch, auch im Wissen um seine Vergeblichkeit.

"Bilder schieben sich durchs Zimmer, die in der Dunkelheit rasch wieder verschwinden. Es sind Bilder aus einem Leben, das uns vor Augen führt, wie unser Leben hätte sein können. Die Möglichkeiten, die wir berührt haben, sind nicht wiedergekommen, und wir haben sie auch nicht mehr gesucht. Die Spuren des Konjunktivs kann man nicht sehen."

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