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StartseiteUmwelt und Verbraucher25 Jahre Atomunfall in Tschernobyl20.04.2011

25 Jahre Atomunfall in Tschernobyl

Die Sinnhaftigkeit eines neuen Sarkophags für den Reaktor

Die internationale Gemeinschaft hat beschlossen, der Ukraine eine halbe Milliarde Euro zu geben, damit der neue Sarkophag in Tschernobyl weitergebaut werden kann. Kiew will mehr Unterstützung für den seit 1992 geplanten Ersatz für das strahlende, undichte Tschernobylgrab aus Stahl und Beton.

Von Axel Schröder

Verlassene Gebäude vor dem Atomkraftwerk Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat an der Grenze zu Weißrussland (AP)
Verlassene Gebäude vor dem Atomkraftwerk Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat an der Grenze zu Weißrussland (AP)

Mikhail Umanetz malt ein düsteres Bild von den Gefahren, die auch nach einem viertel Jahrhundert vom havarierten Tschernobyl-Reaktor ausgehen. 15 Jahre lang war er Direktor des Kernkraftwerks, über dessen Block IV sich heute eine meterdicke Abschirmung aus Stahl und Beton spannt.

"Der Sarkophag kann jederzeit kollabieren. Und dann entsteht eine radioaktive Wolke, voll mit Cäsium, Strontium und Plutonium."

Umanetz war Mitte April auf Einladung der Umweltschutzorganisation Greenpeace nach Kiew gekommen und referierte über die Situation des Sarkophags. Umanetz warb offensiv dafür, das Projekt eines neuen Shelters, einer zweiten Hülle, zügig voranzutreiben. Wie diese rund 1,6 Milliarden Dollar teure Konstruktion einmal aussehen soll, beschreibt Heinz Smital, Kernphysiker bei Greenpeace:

"Der neue Sarkophag kann nicht am Ort gebaut werde, weil die Strahlung des Reaktors so groß ist, dass man in der Nähe keine Baustelle aufbauen kann. Von daher hat man sich entschlossen, ihn weiter weg zu bauen, auf speziellen Schienen. Da werden diese großen Poller in die Erde geschlagen, auf der der ganze Koloss dann Richtung Sarkophag geht. Das größte mobile Objekt, das jemals gebaut wurde! 29.000 Tonnen. Und der ist vorwiegend aus Stahl."

Wie ein mächtiger Flugzeughangar mit rund gewölbten Dach soll die neue Hülle einmal aussehen. Geplant wird das Projekt seit 1997, seitdem wurde auch um die Finanzierung gerungen, die jetzt Gestalt annimmt. Eigentlich sollte der neue Sarkophag schon 2013 fertig sein, jetzt ist von 2016 die Rede. Der Plan sieht vor, später - unter der neuen Schutzhülle - den 1986 erbauten Sarkophag Stück für Stück zu abzutragen und auch die letzten strahlenden Abfälle sicher zu entsorgen. Angeblich lagern dort rund 180 Tonnen stark strahlender Kernbrennstoff. Doch genau das ist umstritten und deshalb stellen einige Wissenschaftler die neue Außenhaut grundsätzlich in Frage. Sie glauben, dass der Großteil der hoch radioaktiven Stoffe, vor denen die Shelter-Planer und auch Greenpeace immer warnen, gar nicht mehr unter dem Betonsarkophag schlummert. Das Material sei vielmehr schon bei der Explosion vor 25 Jahren in die Atmosphäre gelangt. Das behauptet sagt unter anderem Sebastian Pflugbeil von der atomkritischen "Gesellschaft für Strahlenschutz":

"Die Hypothese ist, dass das nach oben rausgegangen ist, sich nicht nach unten durchgefressen hat. Sondern nach oben hochgeflogen ist, eine Kernexplosion das auseinandergerupft hat und weiträumig verteilt hat. Das würde erklären, warum man in der Ruine so gut wie nichts mehr findet."

Dann aber, so Pflugbeils Argumentation, wäre eine neue Schutzhalle gar nicht nötig. Der Wissenschaftler war schon selbst im Sarkophag unterwegs, hat die Schwachpunkte inspiziert und kommt zum Schluss, dass keine Einsturzgefahr besteht. Er schließt sich seinem Kollegen Konstantin Tschetscherow an. Der Wissenschaftler war rund 1.000 Mal im Sarkophag und wurde für seine sehr gründliche Untersuchung einst ausgezeichnet. Für Sebastian Pflugbeil geht vom jetzigen Schutzschild keine Gefahr aus, die Shelter-Pläne haben in seinen Augen ein ganz anderes Ziel:

"Das ist eine Geldmaschine! Damit kann man nahezu unbegrenzte Summen aus dem Westen heranholen! Wir werden so langsam arbeiten wie nötig, damit wir so lange davon profitieren wie es geht! Ein großer Teil der Summe ist mittlerweile in den Taschen westlicher Architekten, Gutachter, Fachleute gelandet, die das begutachten. Westliche Firmen leiten diesen Bau an, die Drecksarbeit wird von ukrainischen Kernkraftwerksarbeitern gemacht."

Tatsächlich gehen die Arbeiten sehr langsam voran. Zurzeit werden gerade mal die Fundamente für die Schienen vorbereitet, auf denen irgendwann einmal die fertig montierte Halle verschoben werden soll. Angesichts dieses verzögerten Bautempos wagt der pensionierte Kraftwerksleiter Mikhail Umanetz eine nüchterne Prognose, wann der Bau abgeschlossen wird.

Er rechnet mit der Fertigstellung des neuen Shelters zum Ende des 2. Jahrtausends.

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