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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur25 Jahre "Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen"22.04.2013

25 Jahre "Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen"

Kursiv Politische Zeitschriften

Die Zeitschrift "Neue Soziale Bewegung" erscheint vierteljährlich, kleinformatig und bis zu 180 Seiten stark. Inhaltlich ist das Fachblatt mit großen Konferenzen oder eigens initiierten Tagungen bestückt. Ein Rückblick zum 25-jährigen Jubiläum.

Von Norbert Seitz

25 Jahre Forschungsjournal (Stephan Röhl)
25 Jahre Forschungsjournal (Stephan Röhl)

Aus dem Humus der Bürgerbewegungen ist diese Zeitschrift entstanden, genauer: als es Mode wurde, den Zoff an der Basis auch wissenschaftlich aufzuarbeiten. Damals, Ende der 1980er Jahre, konnte sich ein Arbeitskreis im Rahmen der "Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaften" vor Dissertationen, Diplom- und Magisterarbeiten zum Thema Protest kaum noch retten. Der umtriebige Fernsehjournalist Thomas Leif erkannte seine Chance und nutzte sie:

Thomas Leif:
"Aus diesem Fundus heraus war meine Idee zu sagen, die müssen doch nicht nur in der Schublade liegen, sondern auch öffentlich werden. Der Grundgedanke ist da gewachsen, dass soziale Bewegungen, die wichtig waren, Friedensbewegung als Markierungspunkt, dass die Reflexion aus der Bewegung verbreitet wird, öffentlich wird, und dass diese Analyse am Ende fruchtbar ist für die Bewegung selbst. Das war der Gründungskonsens, die Gründungsleitidee, warum wir überhaupt die Zeitschrift gemacht haben. "

Kreative Spontaneität genügte also nicht, der eigene Protest sollte endlich auch reflektiert werden. So beschlossen die jungen Blattgründer des "Forschungsjournals" ihr Forum im Vierteljahresrhythmus erscheinen zu lassen – kleinformatig und bis zu hundertachtzig Seiten umfassend. Den Lesestoff holt sich die Redaktion häufig aus großen Konferenzen oder eigens initiierten Tagungen. Finanziert wird das Ganze von Professor Wulf von Lucius, einem großzügigen, ordoliberal gesinnten Großverleger. Und im Focus des ambitionierten Publikationsorgans steht die Idee der Zivilgesellschaft.

Thomas Leif:
"Also, man kann sagen, eine Grundklammer der ganzen publizistischen Arbeit ist immer gewesen: Wie kann Partizipation wirksam sein? Wie können die sogenannten zivilgesellschaftlichen Kräfte sich entfalten? Und wie bilden sie insgesamt ein Gegengewicht zu etablierten Entscheidungsträgern?"

Doch Herausgeber Leif sieht die Wirkung seiner Zeitschrift auch in einer anderen, hilfreichen Funktion. Denn das "Forschungsjournal" versteht sich als alternativen Informationspool.

Thomas Leif:
"Wir sind so etwas wie ein Reflexionsspeicher, dass man jetzt auch nachschauen kann, was zu einzelnen Themen, etwa zum Kommunitarismus, gelaufen ist. Wir haben uns auch frühzeitig erweitert auf die Interaktion "Bewegung und Parteien", was im Feld der politischen Kommunikation sich ereignet hat. Man kann all die alten Hefte immer noch mit gutem Gewissen anschauen und sieht, welche wichtigen Texte da drinstehen und was man publizistisch nutzen kann. In dem Sinne sind wir ein Gedächtnis auch der Protestbewegungen der Nachkriegszeit."

Hundert Hefte liegen nunmehr in der Vitrine, jüngst präsentiert auf einer Jubiläumsveranstaltung bei der Heinrich-Böll-Stiftung. Die Redaktion fühlt sich wegen des jüngsten Booms an regionalen und internationalen Protestbewegungen keinesfalls bestätigt. Im Gegenteil: Thomas Leif hält "Occupy" für eine "große Medienblase" und die Rede von der arabischen "Facebook"-Revolution für eine gefällige Fehleinschätzung. Überdies bescheinigt er "Attac" nur ein geringes Widerstandspotenzial. Selbstkritisch räumt er ein, dass auch seine nachdenkliche Zeitschrift es letztlich nicht geschafft habe, dem Protest mehr Intellektualität einzuhauchen:

Thomas Leif:
"Dies ist uns nicht gelungen. Meiner Ansicht nach sind Bewegungen tendenziell reflexionsblind. Sie haben gar kein Interesse, sich zu reflektieren. Und es ist ein ziemlich seltener Fall, dass aus dem Aktivismus-Potenzial der Leute selbst Texte geschrieben werden und analysiert wird."

Trotz aller programmatischen Präferenz ist das Blatt um Ausgewogenheit bemüht, verschont weder die Parteienlandschaft noch jene saturierten Bürger, die Aufmüpfigkeit nur vor der eigenen Haustür pflegen:

Thomas Leif:
"Wir kritisieren eher beide Seiten, die Passivität der Bürger, die es gerne bequem und konsumierbar haben, was ihnen geliefert wird. Und wir diskutieren natürlich auf der anderen Seite genauso scharf auch die intellektuelle Auszehrung und Alternativlosigkeit, die Schlichtheit der etablierten Parteien. Und an diesen beiden Enden gibt es im Grunde eine Summe unseres Profils."

So versucht das Non-Profit-Unternehmen "Forschungsjournal soziale Bewegungen" auch künftig, seinem Stil treu zu bleiben: Bürgerproteste auszuleuchten, ohne sich im Gestus einer direktdemokratischen Verblasenheit zu gefallen:

Thomas Leif:
"Wir bleiben dabei. Es gibt ein schönes Heft, was wir planen – auch in Zusammenarbeit mit Gastherausgebern – zum Thema Postdemokratie. Die ist ja ein Modewort. Hat sich das demokratische Gefüge fundamental geändert? Dann nehmen wir uns vor die ganze Online-Euphorie und Online-Kommunikation. Es wird ja vollkommen überschätzt, was Online-Medien für den Protest bislang bewirkt haben. Der Öffentlichkeitsbegriff – auch in moderner Wandlung – ist für uns ein Großthema."

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