• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
StartseiteKommentare und Themen der WocheLernen aus dem Zivilisationsbruch26.08.2017

25 Jahre nach Rostock-LichtenhagenLernen aus dem Zivilisationsbruch

25 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen sei sich die Mehrheit im Land des Ausmaßes der Ereignisse bewusst, meint Birgit Wentzien. Rassismus werde genannt, was er sei und werde geahndet. Schwerpunktstaatsanwaltschaften erfassten rechte Gewalttaten. Bevor stehe die Deutung der Ereignisse - und sich als lernfähig zu erweisen.

Von Birgit Wentzien, Chefredakteurin Deutschlandfunk

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Randalierer vor einem brennendem Auto in der Nacht zum 26. August. Vom 22. bis 28. 08.1992 randalierten bis zu 1200 meist jugendliche rechtsradikale Gewalttäter vor dem Zentralen Asylbewerberheim Mecklenburg-Vorpommern in Rostock-Lichtenhagen. Unter dem Beifall von bis zu 3000 Schaulustigen und vielen Fernsehkameras bewarfen die Rowdies das überwiegend mit Rumänen belegte Hochhaus sowie die Polizisten mit Steinen und Brandsätzen. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß befaßte sich später mit den Polizeipannen, in rund 40 Prozessen wurden meist jugendliche Straftäter mit Jugendstrafen bis zu drei Jahren verurteilt. | Verwendung weltweit (Zentralbild)
Ausländerfeindliche Krawalle in Rostock 1992 (Zentralbild)
Mehr zum Thema

Brandanschlag Das Stigma und Trauma von Rostock-Lichtenhagen

25 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen "Es gibt in Ostdeutschland immer noch No-Go-Areas"

25 Jahre Rostock-Lichtenhagen Protokoll einer Eskalation

Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen vor 25 Jahren Wie ein Neonazi zur Besinnung kam

25 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen Die Angst sitzt noch tief

Studio 9 - Der Tag mit Caroline Fetscher 25 Jahre Rostock-Lichtenhagen - nichts dazugelernt?

Vor 25 Jahren Rechter Mob in Rostock-Lichtenhagen

Ein Vierteljahrhundert liegt Rostock-Lichtenhagen zurück. Es ist nur ein Wimpernschlag, schaut man auf das, was seit diesem Zivilisationsbruch geschah. Das ist keine düstere Bilanz. Das ist eine nüchterne Bilanz. Dieses Land hat sich auf die Suche nach seinem künftigen Gemeinsinn begeben. Der, behaupte ich, ist noch nicht gefunden. Er wird gesucht und das ist gut! 

Es waren vor einem Vierteljahrhundert katastrophale Tage eines Chaos mit Ansage. Die Asylbewerber in Rostock-Lichtenhagen hatten monatelang im Freien kampiert vor der dortigen Anlaufstelle - ohne Verpflegung, Waschgelegenheit, Toiletten. Der Polizeidirektor verschwand zum Hemdenwechseln, der Innenminister sah alles andere als eine Gefährdungslage. Der damalige Ausländerbeauftragte der Stadt war mit vielen Anderen über Stunden in einem brennenden Haus ohne Polizeischutz. Davor - ein grölender, auch jubelnder Mob, Steine und Brandsätze werfend. Rauschhafter Rassismus. Nichts geschah heimlich. Der Zivilisationsbruch geschah vor laufender Kamera.

Das mutmaßliche Terror-Trio des sogenannten nationalsozialistischen Untergrunds NSU wuchs damals auf: Beate Zschäpe, Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und auch ihre mutmaßlichen Helfershelfer. Diese Jugendlichen erfuhren damals staatliches Handeln als Wegsehen. Braune Kameradschaften begannen, sich zu radikalisieren. Der NSU lebt 13 Jahre im Untergrund und er wird zehn Menschen ermorden.

Die Flüchtlingsheime in Freital und in Heidenau in Sachsen, die Ziele rassistischer Tobsucht waren, stehen heute leer. Mitglieder der sogenannten Freitaler Gruppe stehen als mutmaßliche Rechtsterroristen vor Gericht. Die Justiz ermittelte in Salzhemmendorf in Niedersachsen. Das Gericht sagt über die dort Verurteilten, bei ihnen sei ein nationalsozialistisch unterlegter Rassenhass nachgewiesen. Sie hatten einen Molotowcocktail in das Kinderzimmer eines Flüchtlingsheimes geworfen.

Rostock-Lichtenhagen (dpa) (dpa)

Beim NSU-Prozess sitzen auch Verfassungsschutz, Polizei und Justiz auf der Anklagebank

Es gibt nach mehr als zwei Jahrzehnten Schwerpunktstaatsanwaltschaften, auch um rechte Gewalttaten endlich statistisch zu erfassen. Bisher waren dafür Journalisten zuständig, die recherchiert haben. Über 100 Menschen, mehr als offiziell gezählt, sind durch rechte Gewalt umgekommen. Und - endlich: Die Mär von den "dummen Jungs" ist auserzählt. Sie war immer falsch. Rassismus wird genannt, was Rassismus ist und wird geahndet. Und im NSU-Verfahren in München - mit welchen Urteilen am Ende auch immer - wird dokumentiert, was seit Rostock-Lichtenhagen mehr oder weniger beschwiegen und geleugnet wurde: Auf der Anklagebank in München sitzen auch Verfassungsschutz, Polizei und Justiz, die nicht erkannten, was sich zusammenbraute. Man hätte wissen können, wenn man wissen wollte. 

Und - zugleich: Migration wird in Deutschland nicht mehr als Schwäche empfunden. Migration ist Gegenwart und sie kann zur Stärke dieses Landes beitragen. Nur - in welcher Normalität wollen wir künftig leben, wenn alte Gewissheiten nicht mehr tragen? Wenn Staaten Osteuropas Muslime als Bedrohung empfinden - und gar nicht kennen. Unter welchen Voraussetzungen kann gelingen, was unausweichlich ist: Verschiedenheit auszuhalten, zu leben, zu akzeptieren - ohne Angst, sichtbar und souverän. 


Geschichte wird rückwirkend konstruiert. Rostock-Lichtenhagen, nur einen Wimpernschlag entfernt, kann ein Fanal sein. Seither, behaupte ich, ist sich die überwiegende Mehrheit in diesem Land des Ausmaßes der Ereignisse vor einem Vierteljahrhundert bewusst - wehrhaft und solidarisch, stark und demokratisch klug. Bevor steht die Aufgabe der Deutung dieser Ereignisse für das gegenwärtige und künftige Zusammenleben. Es geht um einen Ausgleich von gewandelten Interessen. Es geht darum, sich als lernfähig zu erweisen und endlich über dieses Tun und Denken offen zu streiten. Das muss leisten, wer in überantworteter politischer Arbeitsteilung regieren will und zu opponieren hat. Ein gutes Thema - auch für den Endspurt des Wahlkampfs jetzt. Wir suchen danach, in der Hoffnung, zu finden. Auch das ist Gegenwart – ein Vierteljahrhundert nach Rostock-Lichtenhagen.

Birgit Wentzien, Deutschlandfunk – ChefredakteurinBirgit WentzienBirgit Wentzien wurde 1959 in Hamburg geboren. Sie absolvierte eine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München sowie ein Studium der Kommunikationswissenschaften und Politologie an der dortigen Ludwig-Maximilians-Universität. Es folgte 1985 bis 1986 ein Volontariat beim SDR in Stuttgart, wo sie bis 1992 als Redakteurin, Moderatorin und Autorin im Bereich Politik tätig war. 1993 ging sie als Korrespondentin nach Berlin, wo sie ab 1999 als stellvertretende Leiterin, ab 2004 als Leiterin des SWR-Studios Berlin amtierte. Seit 1. Mai 2012 ist Birgit Wentzien Chefredakteurin des Deutschlandfunk.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk