Seit 04:05 Uhr Radionacht Information

Montag, 18.06.2018
 
Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
StartseiteKommentare und Themen der WocheAuf der Suche nach der Toleranzdebatte03.06.2018

25 Jahre nach SolingenAuf der Suche nach der Toleranzdebatte

Toleranz und Mitmenschlichkeit seien nicht nur die Moral von der Geschichte, die wir unseren Kindern vorlesen, kommentiert Johanna Herzing. Für eine tolerante Gesellschaft und starken sozialen Zusammenhalt müsse die Politik konkrete Anstöße geben. Warme Worte an Gedenktagen genügten nicht.

Von Johanna Herzing

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Brandanschlag 1993 - Löschfahrzeug vor dem abgebrannten Haus der türkischen Familie Genç in Solingen (imago/Tillmann Pressephotos)
Brandanschlag 1993 - Löschfahrzeug vor dem abgebrannten Haus der türkischen Familie Genç in Solingen (imago/Tillmann Pressephotos)
Mehr zum Thema

Fünffachmorde von Solingen "Seit 25 Jahren fühle ich diesen Schmerz"

Der Tag mit Stefan Aust 25 Jahre Solingen - Gedenken für die Gegenwart?

25 Jahre nach Brandanschlag in Solingen Gedenken und Warnungen vor Fremdenfeindlichkeit

Vor 25 Jahren Der Brandanschlag in Solingen

Stellen wir uns mal vor: Ein Vater geht mit seiner Tochter an einer Hausruine vorbei: Brandstiftung, fünf Tote, darunter ein zwölfjähriges, ein neunjähriges und ein vierjähriges Kind. Der Vater sagt dann zu seiner Tochter: "Tja, kann man schlimm finden, aber gut möglich, dass die Familie selbst schuld daran war, dass so viele von ihnen gestorben sind, und richtig Deutsch haben die auch nicht gesprochen. Die eine, die überlebt hat, soll außerdem klauen."

Das Beispiel ist nicht rein aus der Luft gegriffen. Auch, wenn ein solches Gespräch allen Regeln von Anstand und Menschlichkeit widerspräche und es - hoffentlich - niemand wagen würde, seinen Kindern so etwas aufzutischen. Das Beispiel ist deswegen nicht rein theoretisch, weil es eine Partei gibt, die Tabugrenzen permanent und konsequent verletzt und verschiebt.

So fordert die AfD Solingen aktuell die - Zitat - "ideologiefreie Aufklärung des Solinger Brandanschlags" von vor 25 Jahren. Sie zweifelt an dem rechtsradikalen Motiv der Täter und zieht dabei auch noch die Familie der Opfer in den Dreck. Ähnliche, mitunter sogar noch tiefere menschliche Abgründe werden gerade in AfD-Kreisen immer wieder sichtbar, wenn beispielsweise Chatprotokolle oder Forumseinträge auftauchen, die vor Kriegslust und Menschenverachtung nur so triefen. Radikale Ausnahmeerscheinungen könnte man meinen. War immer da, wurde nur nicht öffentlich geäußert. Kann sein, neu ist jedoch, dass sich Deutsche, also Angehörige einer Nation mit einer solch mörderischen Vergangenheit, nicht mehr schämen, ihre schwarzen Seelen derart unverhüllt zu präsentieren. 

Die Angst beim Bäcker

Aber schauen wir doch mal weg von den Extremisten auf den politischen Hinterbänken und wenden wir uns der ersten Reihe zu. Alexander Gauland zum Beispiel hat erst in dieser Woche verbreitet, dass die Bundesregierung Millionen Muslime nach Deutschland lasse, die nicht nur Islamismus mitbrächten, sondern auch Judenhass. Wow, alle Muslime pauschal über einen Kamm zu scheren - vielleicht führen wir da ja doch demnächst wieder Rassenkunde als Unterrichtsfach ein. 

Aber, genug der Bühne für die AfD. Schauen wir uns mal ein paar andere "Hinhörer" der vergangenen Wochen an: Herr Lindner von der FDP beispielsweise flirtet mit den Rechtsnationalen und hat Angst, weil er beim Bäcker den ausländischen IT-Experten nicht von einem illegalen oder - Zitat - "höchstens geduldeten" Ausländer unterscheiden kann. Gut, der sogenannte "Spiderman" von Paris hat sicher auch von Herrn Lindner ein paar Likes abbekommen. Aber, die Angst beim Bäcker, die kann ihm natürlich keiner nehmen. 

Herr Dobrindt von der CSU wiederum leidet an der von ihm so bezeichneten "Anti-Abschiebe-Industrie", die angeblich den deutschen Rechtsstaat untergräbt.

"Wir" gegen "Die"

Was, das möchte man diese Politiker fragen, habt ihr eigentlich bislang gelernt über Toleranz und Zusammenhalt, über Brutalisierung einer Gesellschaft durch permanentes "Wir" gegen "Die"? Wer Angst hat vor der AfD, der haut einfach selbst ein paar markige Sprüche über Ausländer raus - und das ist dann zu verbuchen unter "die Sorgen der Wähler ernst nehmen"? 

25 Jahre nach Solingen sind 25 Jahre nach dem sogenannten Asylkompromiss, also einer scharfen Einschränkung des Asylrechts in Deutschland. Damals hatten die ausländerfeindlichen Ausschreitungen von Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen und der Anschlag von Mölln in einer Atmosphäre stattgefunden, in der der politische Diskurs verbal zum Teil ähnlich entgleiste wie heute. Und wieder wird dem wenig entgegen gesetzt: Angela Merkel hat zwar bei der Gedenkfeier in Solingen gewarnt, zu leichtfertig würden heute Tabubrüche als politisches Instrument eingesetzt. Zu Alexander Dobrindt fällt ihr aber trotzdem kaum etwas ein, außer zu betonen, dass Deutschland natürlich ein Rechtsstaat sei. Immerhin, sie hat den Weg nach Solingen gefunden, aber Gedenkveranstaltungen sind schnell absolviert und der Schrecken, der die Bundesrepublik vor knapp sieben Jahren nach Bekanntwerden der NSU-Mordserie erfasst hat, scheint auch schon wieder verflogen. Wird ja alles in einem Prozess verhandelt, lasst uns also weitergehen.

Warme Worte genügen nicht 

Aber so läuft das nicht! Für eine tolerante Gesellschaft und einen starken gesellschaftlichen Zusammenhalt muss die Politik konkrete Anstöße geben. Warme Worte an Gedenktagen genügen nicht. Die "etablierten Parteien" müssen den Scharfmachern klar und deutlich sagen: Euren Diskurs lassen wir uns nicht aufzwingen. Eure Worte, eure Polemik - das hatten wir schon mal, das brauchen wir nicht mehr! Toleranz und Mitmenschlichkeit sind nicht nur die Moral von der Geschichte, die wir unseren Kindern vorlesen.

Johanna Herzing (Deutschlandfunk – Hintergrund)  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Johanna Herzing (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Johanna Herzing studierte Osteuropäische Geschichte und Kulturwissenschaften an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) und der Universität Warschau. Stationen u. a. in verschiedenen Online-Redaktionen, Volontariat beim Deutschlandradio. Seit 2011 als Redakteurin, Moderatorin und Autorin in der Abteilung "Hintergrund" beim Deutschlandfunk. Alumna des Marion Gräfin Dönhoff-Journalistenstipendiums und des EU Journalism Fellowship in Brüssel.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk