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StartseiteEuropa heuteDie Furcht der baltischen Staaten22.08.2016

25 Jahre Unabhängigkeit Die Furcht der baltischen Staaten

Vor genau 25 Jahren hat der Westen die baltischen Länder Litauen, Lettland und Estland als unabhängige Staaten anerkannt. Es folgten Nato- und EU-Beitritt und mittlerweile auch die Stationierung ausländischer Truppen auf diesem Gebiet. Doch seit der Krim-Annexion ist die Furcht vor dem mächtigen Nachbarn Russland zurückgekehrt.

Von Carsten Schmiester

Menschen stehen mit Flaggen entlang einer Straße in Estland - ein Teil der mehr als 600 Kilometer langen Menschenkette durch die drei baltischen Republiken Lettland, Litauen und Estland im Jahr 1989.  (dpa / picture alliance / Novosti)
Mit einer mehr als 600 Kilometer langen Menschenkette durch die drei baltischen Republiken Lettland, Litauen und Estland demonstrierten am 23.08.1989 Hunderttausende für die Unabhängigkeit von der Sowjetunion. (dpa / picture alliance / Novosti)
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Wenn man in diesen Wochen durchs Baltikum reist, dann hört man einen Satz ganz besonders oft: "Nie wieder russisch!" Mit Ausrufezeichen und Fragezeichen. Die Menschen sind froh und stolz, aber sie sind auch besorgt. Spätestens seit der russischen Krim-Annexion. Litauens Präsidentin Dalia Grybauskaite wird nicht müde, vor Moskau zu warnen:

"Was Russland getan hat, sehe ich nicht nur als Bedrohung für die Ukraine, sondern für die gesamte  internationale Gemeinschaft. Da sollen mit brutaler Gewalt die Landkarte Europas neu gezeichnet und die politische Nachkriegsarchitektur ausgehöhlt werden."

Und auch ihr lettischer Kollege Raimonds Vejonis sieht den großen Nachbarn als größte Gefahr. Zur schlimmsten Zeit der Ukraine-Krise nahm auch er überhaupt kein Blatt mehr vor den Mund:

"Die Russen demonstrieren ihre Macht. Ihre Außenpolitik geht so: Erst rollt eine Propagandawelle über die Länder hinweg, auf die sie ihr Auge geworfen haben. Die Botschaft ist: Euch Balten geht es schlecht, eure Löhne sind niedrig, keiner beschützt euch. Dann kommen wirtschaftliche Sanktionen und schließlich Militärübungen im Grenzgebiet. Mit dieser komplexen Strategie wollen sie uns einschüchtern."

"Unsere wichtigste Aufgabe ist die Verteidigung der Heimat"

Inzwischen sind die Balten wieder ein wenig gelassener. Ihre Forderung nach mehr westlicher Militärpräsenz ist zumindest teilweise erfüllt. Vor Grybauskaites Amtssitz in Vilnius weht neben der litauischen Flagge demonstrativ auch die der Nato.

Hoch im baltischen Norden, in der Nähe der estnischen Hauptstadt Tallinn, hat Oberstleutnant Veiko-Vello Palm sein Hauptquartier. Er ist Kommandeur der 1. estnischen Infanteriebrigade, einem – selbstbewussten - Teil der nur knapp 6.000 Mann starken Streitkräfte des Landes:

"Unsere wichtigste Aufgabe ist die Verteidigung der Heimat. Da haben wir uns in den vergangenen Jahren bemerkenswert weit entwickelt. Unglücklicherweise. Nicht, dass wir das wollten, aber wir sind ziemlich schlagkräftig – und wir sind bereit."

Natürlich weiß Palm, dass er im Fall eines Angriffs ohne Nato-Hilfe nicht viel ausrichten könnte. Aber er rechnet nicht damit, dass es zu diesem Angriff kommt. Dafür sei Russland vor allem wirtschaftlich zu schwach. Und was ist mit den – zumindest zahlenmäßig – starken russischstämmigen Minderheiten vor allem in Estland und Lettland? Eine Gefahr von innen?

"Ganz sicher war es hier ja nie"

Martins Hirsch meint das nicht. Der Sozialwissenschaftler aus Riga hat sich mit diesen Minderheiten beschäftigt. Ergebnis: Der größte Teil ist längst in die lettische Gesellschaft integriert. Das gilt besonders für die jüngeren:

"Ja sicher, und dann schauen sie auf die Staatenlosen. Die meisten von ihnen sind 46 Jahre alt oder älter. Genau wie die nur Russisch sprechenden Letten. Also: Das Problem wird mit der nächsten Generation kleiner."

Putins derzeitige Propaganda zielt nach seiner Überzeugung also mittelfristig ins Leere und erreicht auch heute nur diejenigen, die noch immer von den alten sowjetischen Zeiten träumen. Was jüngere Balten wie den 38-jährigen Edvard aus Litauens Hauptstadt Vilnius aber nicht wirklich beruhigt:

"Im Moment fühlt man sich zwar einigermaßen sicher. Aber ganz sicher war es hier ja nie und die Menschen haben damit gelebt. Wir tun das auch. Die Geschichte wiederholt sich. Aber wir hoffen, dass das nur für gute Zeiten gilt. Vergessen wir besser nicht, dass es auch schwere Zeiten gegeben hat!"

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