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StartseiteCampus & Karriere30 Prozent Studienabbrecher08.10.2007

30 Prozent Studienabbrecher

Sozialökonom sieht Versäumnisse bei den Unis

30 von 100 Studienanfängern verlassen die Hochschule ohne Abschluss. Das ist nicht nur für die Abbrecher wenig erheiternd, das kostet den Staat jedes Jahr 2,2 Milliarden Euro. Das hat der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft errechnet. Der Leiter des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie, Dieter Dohmen, sieht auch bei den Hochschulen Gründe für die hohe Quote.

Moderation: Ulrike Burgwinkel

Ulrike Burgwinkel: Herr Dohmen, 30 Prozent, das ist ja eine ganze Menge. Das muss man doch was tun. Was kann man tun?

Dieter Dohmen: Das ist richtig, wobei mir zunächst einmal die Zahlen etwas sehr hoch erscheinen, wobei der Stifterverband auch sagt, fast 30 Prozent, ich denke, 25 wäre richtiger gewesen. Aber gut, das ist in jedem Fall eine Zahl, die zu hoch ist, wobei man sehen muss, dass die Gründe ausgesprochen unterschiedlich sind. Für einen Teil der Studierenden sind es in der Tat die Studienbedingungen, für die anderen sind es die Studieninhalte. Dann muss auch zur Kenntnis nehmen, dass die Hochschulen ein Erhebliches dahin reinstecken, dass die Leute teilweise rausgeprüft werden. Es ist also chic, dass bei Prüfungen die Hälfte etwa durchfällt, und das summiert sich natürlich, dann für andere wieder fehlen die finanziellen Mittel oder die Vereinbarkeit von Familie und Studium oder von Beruf und Studium ist in Teilen nicht gegeben. Teilzeitstudium kommt faktisch bei vielen Studierenden vor, ist aber an den Hochschulen in den Studienbedingungen überhaupt keine Realität. Also insofern muss man schon die unterschiedlichen Ursachen mit in die Betrachtung einziehen.

Burgwinkel: Wenn man das tut, diese unterschiedlichen Ursachen miteinbeziehen, dann würden ja auch Einstellungstests, die vielfach diskutiert werden, gar nicht helfen?

Dohmen: Einstellungstest ist eine Möglichkeit, um die geeigneteren Studierenden zu identifizieren. Auf der anderen Seite muss man sehen, dass die Hochschulen ein sehr begrenztes Interesse daran haben, sie können ja nun ihre Studierenden in einem erheblichen Umfang auswählen, tun es aber nicht, weil es sehr, sehr aufwendig ist. Dann aber auch die Frage, was sind die Kriterien dadurch oder dazu, um zum Studium zugelassen zu werden, befördert das nicht auch die Schmalspurstudierenden, die den Anforderungen der Hochschule unmittelbar gerecht werden. Als ein Mittel ja, aber als solches reicht es sicherlich nicht aus. Man muss einfach konstatieren, der Eignungstest ist aufwendig. Und wenn Sie wie beispielsweise an der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät in Köln 11.000 Studierende haben, dann können Sie sich vorstellen, was da für ein Aufwand hinter stecken muss, um die entsprechenden Studierenden auszuwählen.

Burgwinkel: Ja, gerade die Uni Köln dann in dieser Fakultät würde sich sehr freuen, weil sie ja pro Kopf der Studierenden Geld bekommt, was der Lehre aber allerdings sicherlich schadet.

Dohmen: Ja, beziehungsweise die Frage ist, wie kommt das Geld an die Hochschulen. Wir haben ja schon vor Jahren ein Finanzierungsmodell vorgelegt, bei dem es sich um nachfrageorientierte Studienkonten handelt. Das heißt, die Hochschulen würden nur danach vergütet, welche Leistungen, sprich welche Veranstaltungen die Studierenden tatsächlich in Anspruch nehmen, was dann bedeutet: Die Zahl der eingeschriebenen Studierenden ist zweitrangig, entscheidend ist, wie viele dieser Studierenden denn dann tatsächlich nachfragen würden. Das heißt, die Hochschulen hätten dann auch Anreize, sich um Teilzeitstudierende zu kümmern. Sie würden also für jeden Studierenden, der eine Veranstaltung nutzt, entsprechendes Geld erhalten, nicht pauschal, wo es dann eigentlich egal ist, ob diese Person sich zeigt oder nicht. Sondern wenn es denn dieses Studienkontenmodell gäbe, würde das bedeuten, sie werden tatsächlich leistungsorientiert bezahlt. Damit kriegen sie einen Anreiz, sich um gute Lehre zu kümmern, sich auch darum zu kümmern, dass die Studierenden ihre Veranstaltungen besuchen können, und dann im Zweifel beziehungsweise hoffentlich das Studium auch erfolgreich abschließen.

Burgwinkel: Der Knackpunkt ist und bleibt die Lehre.

Dohmen: Das ist ein wesentliches Aspekt. Er ist auch hier, muss man ehrlicherweise sagen, nicht der einzige, aber ein ganz wesentlicher. Zum einen sind die Studienbedingungen an den meisten Hochschulen absolut inakzeptabel. Riesengroße Veranstaltungen, die zum Teil schlecht organisiert und schlecht durchgeführt sind, dann kann man über die Studieninhalte in erheblichen Teilen diskutieren. Und es zeigt sich ja, dass die Abbrecherquoten an den Universitäten deutlich höher sind als an den Fachhochschulen, was auch daran liegt, dass sie völlig praxisfern ihre Lehrveranstaltungen anbieten, völlig theoretisiert und an den Lebenswirklichkeiten der Studienanfänger oder Studierenden vorbei. Und wenn sie diese nicht dort abholen, wo sie sind, dann ist es relativ nahe liegend, dass sie irgendwann sagen, ich habe keine Lust mehr. Dazu kommt, und das ist nicht nur meine eigene Erfahrung, ich mache nun ja auch noch Lehre, dass wir die praktischen Anforderungen in den betrieblichen Realitäten hinterher nicht abbilden.

Burgwinkel: Eine Einschätzung und Erklärung der Studienabbrecherquote war das von Dr. Dieter Dohmen, dem Leiter des FIBS, des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie. Herzlichen Dank.

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