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StartseiteCampus & KarriereBerufsausbildung in China nach deutschem Vorbild 23.02.2016

4. Deutsch-chinesischer Workshop Berufsausbildung in China nach deutschem Vorbild

Jahrzehntelang haben chinesische Unternehmen die Berufsausbildung vernachlässigt, sodass nun gut ausgebildete Facharbeiter Mangelware sind. Nun soll das Berufsbildungssystem Chinas modernisiert werden - das deutsche duale Ausbildungssystem dient dabei als Vorbild.

Von Ludger Fittkau

Auszubildende bei VW Kassel in einem Qualifizierungszentrum an der Werkbank.  (picture alliance / dpa /  Uwe Zucchi)
Auszubildende bei VW Kassel in einem Qualifizierungszentrum an der Werkbank: Berufsausbildung erfolgt in Deutschland im dualen System - bei Arbeitgebern und in Berufsschulen gleichermaßen. (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)

Jiping Wang ist Professor am Institut für Berufsbildung der Tongji-Universität in Shanghai. Die Universität ist eines der größten Forschungszentren Chinas. Auch die Berufsbildung ist seit anderthalb Jahrzehnten ein wichtiges Forschungsfeld, so Jiping Wang. Er nimmt gerade am 4. Deutsch-chinesischen Workshop zur Berufsbildungsforschung an der TU Darmstadt teil. Jiping Wang berichtet von einschneidenden Veränderungen, die momentan im chinesischen Berufsbildungssystem stattfinden:

"Momentan stehen wir gerade vor so einer Wende. Das heißt, dass Berufsbildungssystem in China hat gerade einen großen Plan, nämlich ein sogenanntes 'modernes Berufsbildungssystem' aufzubauen."

Facharbeitermangel in China

Bevor sich das kommunistische China für die Teilnahme am kapitalistischen Weltmarkt öffnete, waren die staatlichen Unternehmen für den Betrieb von Berufsschulen zuständig. Doch im Wirtschaftsboom der letzten Jahrzehnte vernachlässigten die Unternehmen die Berufsbildung, denn jede Hand wurde quasi sofort in den prosperierenden Unternehmen gebraucht. Heute besteht deshalb ein eklatanter Facharbeitermangel in China, die Regierung will dem mit einer Neuorganisation der beruflichen Bildung begegnen. Damit soll auch der Wechsel der chinesischen Wirtschaft von einer stark ressourcengetriebenen Industrieproduktion zu einer mehr wissensbasierten Ökonomie unterstützt werden, so Professor Jiping Wang. Das deutsche duale Ausbildungssystem in Schule und Betrieb soll dafür wichtige Anstöße liefern:

"Deswegen stehen wir vielleicht vor einer richtigen Chance, das heißt, wir können unsere langjährigen Bemühungen, nämlich die erfolgreichen Faktoren des dualen Systems wirklich mal in das chinesische System einpassen."

Interesse am deutschen Modell der dualen Berufsausbildung

Das wäre auch ein besonderer Erfolg für Professor Josef Rützel von der TU Darmstadt. Er hat nämlich mitgeholfen, das Institut für Berufsbildung an der Tongji-Universität in Schanghai aus der Taufe zu heben. Das chinesische Interesse am deutschen dualen System ist tatsächlich vergleichsweise neu, bestätigt Rützel:

"Es gibt nur Ansätze von einzelnen Projekten, einzelnen Modellen zum dualen System. Das was wirklich am System unterschiedlich ist, ist die Frage: Wer steuert eigentlich das System, wer greift in dieses System ein, welche Anteile haben eigentlich die Betriebe, wie ist die Bewertung dessen, was man im Betrieb lernt und so?"

Genau zu diesen Fragen stehen nun in China wohl große Änderungen bevor. Das ist ein Thema des aktuellen Workshops zur Berufsbildung in Deutschland und China, den Josef Rützel mit Hilfe des Deutschen Akademischen Austauschdienst, kurz DAAD, organisiert hat. Auch die Deutschen könnten von den Chinesen lernen, betont der Darmstädter Berufsbildungsforscher:

"Umgekehrt bringen die mich auf ganz andere Fragen, auch Fragen von Autonomie und Selbstständigkeit. Wir denken immer, das ist alles hierarchisch. Stimmt überhaupt nicht, die haben an vielen Stellen mehr Freiheiten, vielmehr Gestaltungsmöglichkeiten als wir haben. Es gibt natürlich auch konkrete Forschung zur Lehrerbildung: Also - wie bildet ihr aus? Wie machen wir das? Wie muss man das machen? Wie ist das mit der Fachdidaktik und wie ist es mit den Methoden?"

Chinesische Unternehmen sehen Nachholbedarf

Jiping Wang hebt jedoch hervor, dass insbesondere die starke Beteiligung der deutschen Wirtschaft am dualen Ausbildungssystem hierzulande auch für China Vorbildcharakter haben könnte. Denn die chinesische Wirtschaft hat in den zurückliegenden Jahren aus der Sicht des Schanghaier Wissenschaftlers zu wenig für die Facharbeiterausbildung des Landes getan. Jiping Wang:

"Die Unternehmen müssen auch dabei mitwirken und gleichzeitig durch das wirtschaftliche Wachstum und auch die demografische Entwicklung haben die Unternehmen allmählich auch bemerkt, dass sie bei der Berufsbildung etwas tun müssen."

Noch bis Mittwoch läuft der vierte deutsch-chinesische Workshop zur Berufsbildungsforschung weiter. Angesichts des Aufbruchs in der chinesischen Berufsbildung ist wohl klar: Es dürfte nicht der letzte gewesen sein.

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