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StartseiteEuropa heute40.000 neue Landwirte25.05.2011

40.000 neue Landwirte

Griechenland: Stadtflucht im Zeichen der Krise

Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit in den Städten Griechenlands beschließen viele junge Leute, aufs Land zu ziehen und sich mit Landwirtschaft über Wasser zu halten. Den griechischen Bauernverband freut das, denn die Neuankömmlinge sind hoch motiviert, lernfähig und bringen neue Technik wie Laptops und Internet aufs Dorf.

Von Gunnar Köhne

Erst flieht das Geld, dann der Mensch. (AP)
Erst flieht das Geld, dann der Mensch. (AP)

Vorsichtig führt Olga Palavidou einen schmalen Löffel in eine Wabenzelle. Die darin liegende Bienenlarve muss in eine sogenannte Weiselzelle umgebettet werden – damit sie dort von Ammenbienen zu einer Königin herangezogen werden kann. Eine Geduldsarbeit, die der drahtigen Athenerin aber bereits leicht von der Hand geht. Noch vor einem halben Jahr hätte sich die arbeitslose Einzelhandelskauffrau nicht vorstellen können, einmal weit ab der Hauptstadt auf dem Peleponnes Bienen zu züchten:

"Die Arbeitssuche war hoffnungslos. Da habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, aus der Stadt herauszukommen. Jemand gab mir den Tipp mit der Bienenzucht. Das sei ein guter Einstieg in die Landwirtschaft. Seitdem versuche ich mich weiter fortzubilden."

Die Imkerei ist harte Arbeit. Anfangs gab es zahlreiche Rückschläge; ihre erste Bienenzucht ging sogar vollständig ein. Doch nun hat sich Palavidou auf "Gelee Royale" spezialisiert, jenen proteinhaltigen Futtersaft, den die Ammenbienen für die Königinnenaufzucht produzieren. Eine Marktlücke, so hofft sie.

Olga Palavidou ist eine von landesweit rund 40.000 neuen Landwirten, die der griechische Bauernverband in den vergangenen zwei Jahren gezählt hat. In Hellas hat eine Stadtflucht eingesetzt - angesichts einer rasant steigenden Arbeitslosigkeit suchen immer mehr Athener und Thessaloniker ihr Glück als Bauer oder Fischer.

Einst waren ihre Eltern auf der Suche nach Arbeit und besseren Bildungschancen in die Ballungsräume gezogen – jetzt, in der Krise, erinnern sich viele daran, dass ihnen in ihrem Dorf noch ein Haus oder ein Stück Land gehört.

Auch Konstantina Papanastasiou entschloss sich in das Heimatdorf ihrer Eltern zurückzukehren, nachdem die staatliche Angestellte ihren Job verloren hatte. In dem 900-Seelen-Dorf Levidi in Arkadien stand das großväterliche Haus jahrelang leer. Konstantina hat es zu einer kleinen Pension umbauen lassen. Aus einem EU-Fonds für junge Unternehmensgründer erhielt die 27-Jährige dafür einen kräftigen Zuschuss. Die Rückkehr ins Dorf hat sie nicht bereut:

"Auch hier auf dem Land ist die Krise angekommen. Und viel zu verdienen gibt es hier auch nicht. Aber die Stimmung ist besser als in Athen. Denn hier kann man sich leichter über Wasser halten und die Unterstützung unter den Dorfbewohnern ist groß."

Im Dorf freut man sich über die Rückkehrer: dass die Bäckerstochter zurück ist und nun wieder im elterlichen Betrieb arbeitet, und dass Konstantinas Ehemann die Dorfkneipe übernommen hat.

"Ich glaube, es werden immer mehr junge Leute aufs Land ziehen – dann könnte es hier wieder so lebendig werden wie vor der Landflucht in den 50er-Jahren."

Der griechische Bauernverband kann sich vor Anfragen kaum retten: Was kann ich wo Erfolg versprechend anbauen? Wo gibt es gebrauchte Traktoren? Wie muss ich mit Dünger umgehen? Der Berufsverband freut sich über die Stadtflüchtlinge: Sie seien motiviert und lernfähig, heißt es. Mit Laptop und E-Mail brächten sie außerdem moderne Zeiten in die Provinz.

Auch Olga Palavidou hat einen Internetanschluss in die Bauernkate ihrer Großmutter legen lassen. Ansonsten verzichten sie und ihr Lebenspartner gern auf die Annehmlichkeiten des Großstadtlebens. Der Erlös aus Honig, Pollen und Gelee Royal deckt so gerade den Lebensunterhalt des jungen Paares. Aber dafür ist die Luft sauber und die Menschen sind freundlich, sagen sie:

"Gerade die Jungen sollten Athen schnell verlassen. Die Geschäfte sterben wie die Fliegen, da ist nichts mehr zu holen. Aber in den Dörfern, in der Landwirtschaft gibt es eigentlich immer Arbeit. Es gibt so viele verlassene Häuser. Wenn die alle wieder bewohnt werden, dann könnten vom Land noch mehr Impulse für ganz Griechenland kommen!"

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