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Seit 08:00 Uhr Nachrichten
StartseiteThemen der Woche50 Cent für die Schlachtreife08.01.2011

50 Cent für die Schlachtreife

Der Dioxin-Skandal und lasche Kontrollen

Nun rufen wieder alle nach noch mehr Kontrollen, nach noch mehr Gesetzen und härteren Strafen. Doch dieser x-te Dioxin-Skandal im Essen ändert nichts daran, dass auch der nächste Lebensmittelskandal kommt. Ganz bestimmt.

Von Stephan Börnecke, Frankfurter Rundschau

Legehennen sitzen in einem Freilaufgehege an einem Futterband (AP)
Legehennen sitzen in einem Freilaufgehege an einem Futterband (AP)

Auch die aktuelle Affäre um unser täglich Brot kann nur eines bewirken: Nämlich uns in der Erkenntnis bestärken, dass die Erzeugung unseres Essens nichts mehr zu tun hat mit gackernden Hühnern, grunzenden Schweinen und glücklichen Kühen. Es gibt keine Idylle. Sondern knallharte Geschäftspolitik bestimmt die Erzeugung unserer Nahrung. Unser Essen stammt in großen Mengen aus einem hoch industrialisierten Prozess. Der Skandal ist Folge einer Nahrungsmittelerzeugung, die nur funktioniert, wenn Hühner zu verhaltensgestörten Viechern herangezüchtet werden. Sie kommen schon nach einem Monat Mast auf den Teller.

50 Cent fürs Futter geben die Landwirte aus, damit ein Huhn nach 35 Tagen schlachtreif ist. Dass dann schon mal schlicht Dreck im Futter ist, darf nicht verwundern. Leider ist der Verbraucher an dieser Entwicklung nicht ganz unschuldig. Denn was er von Lebensmitteln verlangt - sie sollen gut und billig sein - das gilt auch fürs Futter: Es darf kaum etwas kosten und soll dennoch maximal wirken. Doch was die Tiere fressen, das essen wir.

Ein Blick in das Alarmsystem der EU lässt die Dimension erahnen. Allein in den ersten drei Tagen des neuen Jahres wurde sie um 100 Meldungen länger. Cadmium im Fisch aus Spanien, Blei im Joghurt aus Polen, Hepatitis-Erreger an Früchten aus Algerien, illegale Gentechnikpartikel in Reisnudeln aus China. Coli-Bakterien in Muscheln, Salmonellen im Fleisch. Und dann die Dioxin-Funde in Eiern und im Schweineschnitzel. Wo das Gift auch immer herkam, sicher ist eines: Da haben viele nicht so genau hingeguckt. Und nicht nur einer. Denn der Skandal stellt auch eine Schlappe für das brancheneigene Kontrollsystem QS dar. Qualität und Sicherheit soll das bedeuten. Doch Qualität und Sicherheit stehen nicht dahinter, wenn der Futterfette-Hersteller aus Schleswig-Holstein noch Mitte Oktober nach QS zertifiziert wurde. Da haben die Kontrolleure beide Augen zugedrückt. Denn die Firma wusste nicht nur, dass sie technische Mischfettsäuren zur Futtererzeugung verwendete. Sondern sie wusste offenbar auch, dass das Futter schon vor Monaten unstatthaft hohe Dioxinwerte aufwies.

Augenscheinlich geht es dem QS-System weniger um die Qualität von Lebensmitteln. Sondern eher um die Vereinheitlichung der Produkte. Genormte, austauschbare Lebensmittel aber sind das letzte, was aufgeklärte, bewusste Verbraucher wünschen. Um den Kostenfaktor Futter zu senken, haben Generationen von Tier-, aber auch Abfallexperten alle möglichen Verfahren ausprobiert, um die Fütterung billig zu machen und um Entsorgungskosten zu sparen. Die Zeche zahlt der Verbraucher: Eine fahrlässige Lockerung von Vorgaben bei der Behandlung von Kadavern bescherte uns BSE. Und niemand muss sich wundern, wenn Nikotin ins Huhn oder Altöl ins Futter gerät, weil irgendeiner auf die Kostenbremse drückte. Umwelt-, Verbraucher- und Tierschützer verlangen nun die Rückkehr zur Agrarwende. Doch nicht nur die Interessen der Agrar- und Nahrungsmittelkonzerne verbauen diesen Weg.

Die Chance auf eine echte Agrarwende schmilzt auch deshalb, weil die Zahl der Bauern täglich abnimmt. Es wird damit immer schwieriger, die Idee vom fairen Handel, von artgerechter Tierhaltung, von regional erzeugten Lebensmitteln zu leben. Denn nur die durchrationalisierten, tendenziell naturfernen Betriebe überstehen den von Industrie und Handel aufgebauten Kostendruck. Es besteht ein Hoffnungsschimmer: Denn die Finanzierung der EU-Agrarpolitik steht auf dem Prüfstand. Die EU-Milliarden müssen gezielt auf umwelt- und tierfreundliche Höfe gelenkt werden. Die Industrielandwirtschaft hingegen darf von den Subventionen nicht länger profitieren. Das ist, zusammen mit mehr Kontrolle und mehr Transparenz, der momentan einzige Weg, um uns vor weiteren Skandalen wenigstens halbwegs zu schützen.

Und was soll der Kunde tun? Er muss zur teureren, aber wertvolleren Bio-Kost greifen. Das gibt nicht nur Sicherheit, sondern setzt der anonymen Massenware ein Stoppsignal. Und im Supermarkt gilt: Finger weg vom vermeintlichen Schnäppchen und stattdessen das Schnitzel aus der Region bevorzugen. Denn die von den Discountern kräftig geschürte Billigheimer-Mentalität öffnet einer kriminellen Energie Tür und Tor.

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