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StartseiteSport am Wochenende50 Jahre Bundesliga18.05.2013

50 Jahre Bundesliga

Der Historiker Nils Havemann blickt hinter die Kulissen des Bundesligabetriebs

Pünktlich zum Jubiläum präsentiert der Historiker Nils Havemann ein Buch, das sich mit der Bundesliga-Geschichte von den Anfängen bis in die Gegenwart befasst. Die Publikation "Samstags um halb vier. Die Geschichte der Fußballbundesliga" ist das Ergebnis eines dreijährigen Forschungsprojekts der Fritz-Thyssen-Stiftung.

Von Michael Barsuhn

Spieler von Borussia Dortmund feiern einen Torerfolg (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)
Spieler von Borussia Dortmund feiern einen Torerfolg (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)

"Tooor, Tooor, Tooor, Tooor, das ist unglaublich..."

Tore, Punkte, Meisterschaft. Dass der Fußball noch wesentlich mehr zu bieten hat, zeigt der Stuttgarter Historiker Nils Havemann. Sein Blick auf die Bundesliga ist der eines Wirtschaftshistorikers. Und dies ist offensichtlich genau die richtige Perspektive, um die Bundesligageschichte im Spiegel der gesellschaftlichen Veränderungsprozesse erklären zu können. Als das Wirtschaftwunder in den 1950er Jahren seine volle Blüte erreichte, gehorchte auch der Fußball längst den Gesetzen der freien Marktwirtschaft, wie Havemann erläutert, schon lange vor der offiziellen Einführung des Profifußballs im Sommer 1963.

"Das heißt also die Spieler wurden unter der Hand prächtig entlohnt. Teilweise bis zum sechs sieben fachen des durchschnittlichen Verdienstes eines normalen Arbeitnehmers. All das an der Steuer vorbei, während weiterhin nach Außen das Bild von braven Amateuren vermittelt wurde."

Es entstand eine Schattenwirtschaft: Zeitgenössische Aufnahmen der 50er Jahre, die die Fußballhelden als Schuhmacher beim Besohlen von Stiefeln oder als reisende Handelsvertreter beim Verkauf von Sportartikeln zeigten, waren, wie Havemann nachweist, vornehmlich für die Finanzämter bestimmt, um den Status der Gemeinnützigkeit des Fußballs nicht zu gefährden. Dieser Sonderstatus, der eigentlich für mittellose Kulturvereine und Museen bestimmt war, bewahrte den DFB und seine Bundesligavereine vor hohen Abgaben. Erst als der DFB den zuständigen Länderfinanzbehörden die Garantie abgerungen hatte, dass die Gemeinnützigkeit auch nach der Gründung einer Profiliga erhalten bleibt, erfolgte am 24. August 1963 der Startschuss:

"Guten Tag verehrte Sporthörer. Zum ersten Mal treffen wir uns zu dieser Stunde und auf dieser Welle, um Ihnen vom deutschen Meisterschaftsfußball zu berichten. Heute beginnen die Spiele der Bundesliga und wir sind mit unseren Mikrofonen in Gelsenkirchen beim Spiel Schalke gegen den VFB Stuttgart, in Bremen beim Spiel Werder Bremen gegen Borussia Dortmund und in Münster bei der Begegnung Preußen Münster gegen den HSV dabei."

Für die Bundesliga-Städte waren die Vereine prestigeträchtige Aushängeschilder. Dafür wurde kräftig investiert. Das Interessengeflecht zwischen Fußball und Kommunalpolitik und der saloppe Umgang mit Steuergeldern wird von Havemann detailliert nachgezeichnet: Regelmäßig wurden klamme Bundesligisten durch Finanzspritzen aus den Kommunalhaushalten reanimiert. Alleine Borussia Mönchengladbach erhielt stadtinternen Quellen zufolge von der Gemeinde zwischen 1964 und 1987 rund 25 Millionen D-Mark.

"Ursprünglich war es eigentlich gedacht, dass durch die Gründung der Bundesliga der Breitensport gefördert wird. Aber in der Realität war es genau umgekehrt, dass nämlich der Breitensport die Profis subventionierte. Nämlich dadurch, dass immer weniger Geld in die Belange der Amateure investiert wurde und dafür das gesamte Geld, also fast das gesamte Geld für die Bezahlung der Spielergehälter aufgewendet wurde."

All dies blieb den Fans zunächst verborgen. Erst der Bundesligaskandal 1971, bei dem der halbe Abstiegskampf verschoben worden war, legte die Schattenwirtschaft vieler Bundesligisten offen. Auch die Kommunen zogen sich nun verstärkt zurück. Für die Vereine war dieser Einschnitt paradoxer Weise kein Nachteil. Denn Klubs, die sich rascher von staatlicher Alimentierung lösten, waren zumeist schneller in der Lage, sich zu professionalisieren. Zu diesen erfolgreichen Vorreitern zählt Havemann den FC Bayern München und den Hamburger SV, die als erste das Merchandising gezielt ausbauten. Erst der Tennisboom der 1980er Jahre machte dem Fußball schwer zu schaffen:

"Becker jetzt von der linken Seite. Jetzt kommt der Aufschlag. Unerreichbar, unerreichbar für Kevin Curren. Der Wimbledon-Gewinner 1985 heißt Boris Becker."

Während Tennis ästhetisch und modern daherkam zeigte sich der Fußball nun immer häufiger von seiner hässlichen Seite: gewalttätige Übergriffe und rechtsradikale Fangruppierungen. Die Zuschauerzahlen in den Stadien gingen rapide zurück von durchschnittlich 26.000 im Jahr 1977 auf 18.000 im Jahr 1985. Spätestens Ende der 1980er Jahre war klar: die Bundesliga muss sich neu erfinden. Zupass kam hier das aufkommende Privatfernsehen, das den Fußball in Hochglanzoptik neu inszenierte und für TV-Rechte hohe Einnahmen in die Kassen der Profiabteilungen spülte. Bis heute stellt es eine Herausforderung für den deutschen Fußball dar, ein solidarisches Miteinander von Profis und Amateuren zu finden. Havemanns Analyse hat somit etwas Zeitloses.

Nils Havemann, Samstags um halb vier. Die Geschichte der Fußball-Bundesliga. Siedler Verlag, München 2013, 672 Seiten, 26,99 Euro.

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