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StartseiteKalenderblattAdolf Wohlbrück - der melancholische Verführer09.08.2017

50. Todestag Adolf Wohlbrück - der melancholische Verführer

Für Adolf Wohlbrück war Schauspielern kein Beruf, sondern eine Berufung. In den 30ern stieg er mit Filmen wie "Viktor und Viktoria" zum Star des deutschen Kinos auf. Als Nazigegner und Homosexueller ging er früh ins Exil, nannte sich Anton Walbrook und blieb stets eine Figur von Eros und Eleganz, wie es sie nur im Kino gibt.

Von Georg Seeßlen

Die roten Schuhe, (THE RED SHOES) GB 1948, Regie: Michael Powell, mit Adolf Wohlbrück und Moira Shearer (imago stock&people)
Moira Shearer und Adolf Wohlbrück in "The Red Shoes". (imago stock&people)

"Ich verdanke alles meinem Oberlippenbart - außer meinem Talent".

So sprach einst in einem Interview der ansonsten eher pressescheue Schauspieler Adolf Wohlbrück. Ein Star des deutschen Kinos der 30er-Jahre, und dann noch viel mehr: ein Star des internationalen Kinos. Als sogenannter Halbjude, bekennender Nazigegner und Homosexueller ging er früher als etliche Kollegen ins Exil. Und mehr Glück als manche andere hatte er dabei auch.

Eine Rolle fürs ganze Leben

Es gibt Menschen, die müssen tanzen, so wie andere leben müssen. Wie die Tänzerin in dem Film "Die roten Schuhe". Und es gibt Menschen, die müssen schauspielen. So wie Adolf Wohlbrück, der sich in diesem englischen Film aus dem Jahr 1948 Anton Walbrook nannte. Aus naheliegenden Gründen. Und der in diesem ein klein wenig dekadenten Rausch von Farbe, Tanz und Melodrama eine Rolle innehatte, die er beinahe sein ganzes Leben lang spielte. Den Mann mit dem melancholischen Charme eines weltgewandten Verführers, der am Ende doch häufig Opfer seines eigenen Spiels wird.

Adolf Wohlbrück, geboren am 19. November 1896 in Wien. Beruf: Schauspieler. Nein: Die Berufung, die Erscheinung Adolf Wohlbrück zu sein. Auf der Bühne, im Film: dieser kühle, selbstsichere, todessüchtige Sex Appeal. Diese Bewegungen eines Grandseigneurs in einer Welt, in der es für Grandseigneurs eigentlich schon keinen Platz mehr gibt. Dieser abschätzende, ironische Blick. Diese Kunst, elegante Kleidung nicht nur zu tragen, sondern mit ihr zu einem Gesamtkunstwerk zu verschmelzen. Ein Mensch, der seinen Mitmenschen Leidenschaft, Aufruhr und Unruhe bringt, aber selten Glück. Eine männliche Diva. Ein homme fatal. Täter und Opfer im erotischen Maskenspiel, so wie in Reinhold Schünzels frivolem Spiel mit den Geschlechterrollen in dem Film "Viktor und Viktoria" von 1933.  

 "Ja, ja, ich habe Sie heute abend bewundert. Mein Kompliment. Die Täuschung ist Ihnen phantastisch gelungen. Ich habe Sie tatsächlich, ich hab Sie für eine Frau gehalten." ("Viktor und Viktoria")

Seine Homosexualität hat Wohlbrück nie ernsthaft verleugnet. Er spielt sie mit in seinen Rollen, in kleinen Gesten, eleganten Manierismen, Maskierung und Demaskierung. War Adolf Wohlbrück ein perfekter Verwandlungskünstler, ein maskierter Selbstdarsteller, ein verspiegeltes Sex-Symbol?

"In der Sonne komme ich mir selber komisch vor"

Jedenfalls war er kein technischer Schauspieler. Er war immer Adolf Wohlbrück, mal in seiner heiter-ironischen, mal in seiner melodramatischen, mal in seiner freundlich-eleganten Variante. Er war, was man den Diven des Films nachsagt, ein Geschöpf des Lichts, ein Geschöpf des Dekors, ein Geschöpf des Kinos.

"Ich bin kein Naturschauspieler, ich kann nicht unter freiem Himmel losmimen. Ich brauche einen künstlichen Raum, künstliches Licht, eben Atmosphäre. In der Sonne komme ich mir selber komisch vor. "

Wenn er nicht Verführer, Charmeur in Frack und Zylinder ist, dann ist Adolf Wohlbrück am eindrucksvollsten, wenn man ihn von der düsteren Seite her sieht. Er ist "Der Student von Prag", der seine Seele dem Teufel verkauft, der Mann, der seine Frau in den Wahnsinn treiben will in der britischen Version von "Gaslicht". Und schließlich der Mörder in der deutschen Fernsehversion des Thrillers "Laura" aus dem Jahr 1962. Der Mann, der seinen eigenen verpatzten Abgang kommentiert und ihn damit natürlich erst richtig imposant macht.

"Das letzte Kapitel meines Lebens ist geschrieben. Eine Parodie auf mich selbst, natürlich." ("Laura")

Beinahe wäre er fünf Jahre später einen jener Bühnentode gestorben, die für viele Schauspieler Traum und Albtraum zugleich sind. Er brach inmitten einer Theateraufführung in München zusammen. Kurze Zeit später erlag er einem Herzinfarkt. Es war der 9. August 1967. Es war ein ungewöhnlich regnerischer Tag.

(*) Anmerkung der Redaktion: Bei dem ursprünglich verwendeten Bild handelte es sich offenbar nicht um den Schauspieler Adolf Wohlbrück sondern um Marius Goring. Die Bildbeschreibung der Agentur war falsch. Wir haben das Bild ausgetauscht.

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