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StartseiteKalenderblatt"Dann leb ich halt noch"07.06.2017

50. Todestag von Dorothy Parker"Dann leb ich halt noch"

Kaum jemand hat mit so leichter Hand wie Dorothy Parker derart Abgründiges zu Papier gebracht. Im New York der 20er-Jahre machte sie mit ihren pointierten Texten zunächst als Theaterkritikerin Karriere. Seit der Verfilmung ihrer bewegten Biografie Mitte der 90er-Jahre werden ihre Bücher wieder gelesen. Am 7. Juni 1967 starb sie vereinsamt in New York.

Von Carmela Thiele

Dorothy Parker, geborene Rothschild (1893-1967). Undatierte Aufnahme.   (imago)
In den Schoß gefallen war der 1893 geborenen Dorothy Rothschild ihre Karriere nicht. (imago)
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"A single flow'r he sent me, since we met.
All tenderly his messenger he chose;
Deep-hearted, pure, with scented dew still wet -
One perfect rose."

Dorothy Parker liest "One Perfect Rose", ein Gedicht, das sie Mitte der 30er-Jahre schrieb. Es endet überraschend mit der Frage, warum es nicht auch mal eine perfekte Limousine sein könne, statt einer einzigen, von Tau benetzten Rose. Die Autorin demaskierte den Materialismus der Frauen wie das kostengünstige Werben der Verehrer. Auch in ihren Kurzgeschichten schilderte Parker gerne das explosive Gemisch aus unausgesprochenen Wünschen und uneingestandenen Motiven, ein Dialog aus "Die Geschlechter": 

"Möchtest du nun, dass ich losgehe und dir Zigaretten hole, ja oder nein", sagte er. – "Himmel", sagte sie, "wenn du derart gerne gehen möchtest, dann fühle dich bitte nicht verpflichtet, hierbleiben zu müssen."

"Eine kleine, dunkelhaarige Elfe"

Berühmt wurde die New Yorker Schriftstellerin zu Beginn der 20er-Jahre, als sie mit Kollegen den Round Table im Algonquin Hotel gründete. Der Lunch war zweitrangig, die junge Frau genoss die Gesellschaft Gleichgesinnter. Das waren meist wie sie Kritiker von "Vanity Fair" oder des "New Yorker", die sich im Überschwang sogar gegenseitig in ihren Kolumnen zitierten. Dorothy Parker war eine der wenigen Frauen in dieser Runde. Über einen ihrer damaligen Kollegen sagte sie später: "Ich erinnere mich Woollcott sagen zu hören, dass Proust lesen so sei, als ob man sich ins schmutzige Badewasser eines anderen lege."

In den Schoß gefallen war der 1893 geborenen Dorothy Rothschild ihre Karriere nicht. Bereits als Fünfjährige hatte sie den Tod der Mutter zu verkraften, Bruder und Vater starben, bevor sie 21 Jahre alt wurde. Die junge Frau schlug sich als Klavierspielerin durch, schrieb erste Light Verses. Es gelang ihr, den Chefredakteur von "Vanity Fair", Frank Crowninshield, auf ihre Texte aufmerksam zu machen. Der war beeindruckt und brachte sie bei "Vogue" unter. Chefredakteurin Edna Woolman Chase erinnerte sich:

"1915 verstärkte eine kleine, dunkelhaarige Elfe, mit honigsüßer Stimme, aber beißendem Spott unser Team. [...] und sie war eingestellt, um Bildunterschriften und Artikel zu schreiben."

Bei "Vanity Fair" machte sie als Theaterkritikerin Furore

Zwei Jahre später heiratete die 24-Jährige den smarten Börsenmakler Eddie Parker. Sie sei jedoch nur fünf Minuten verheiratet gewesen, bemerkte sie. Denn die Vereinigten Staaten waren in den Ersten Weltkrieg eingetreten und ihr Ehemann meldete sich freiwillig. Dorothy wechselte wenig später zu "Vanity Fair", wo sie als erste Theaterkritikerin Furore machte.

"Schüsse kennzeichnen fast immer das Ende von Mr. Ibsens Heldinnen. Ich wünschte wirklich, dass er ab und zu die Damen Quecksilberdichlorid nehmen lassen würde, oder das Gas aufdrehen oder irgendetwas anderes Ruhiges und Ordentliches."

Die junge Kritikerin kommentierte treffsicher die Formelhaftigkeit Ibsens in diesem für sie offenbar wichtigen Detail. Privat ließ sie sich treiben, verliebte sich in die falschen Männer, suchte Trost im Alkohol, erlitt eine Fehlgeburt, überlebte drei Selbstmordversuche. Dennoch hat sie meist ihr Geld als Kolumnistin und Drehbuchschreiberin verdient, zahlreiche Bände mit Kurzgeschichten und Gedichten publiziert. Der britische Schriftsteller Sommerset Maugham zu Parkers Werk: "Ihr Stil ist leicht, aber nicht nachlässig, kultiviert, aber niemals affektiert. Er ist ein vielseitiges Werkzeug, um ihren vielseitigen Humor zur Geltung zu bringen, ihre Ironie, ihren Sarkasmus, ihre Zärtlichkeit und ihr Pathos."

Razors pain you;
Rivers are damp;
Acids stain you;
And drugs cause cramp.
Guns aren't lawful;
Nooses give;
Gas smells awful;
You might as well live.

Klingen verletzen,
Flüsse sind nass,
Säuren verätzen,
und Gift macht blass,
Knarren sind sträflich,
Schlingen sind hoch.
Gas riecht eklig,
dann leb ich halt noch.

Das selbstironische Gedicht "Resumé" entstand nach Parkers zweitem Selbstmordversuch. Nur wenige verstanden ihre widersprüchliche, zwischen Empfindsamkeit und Sarkasmus schwankende Persönlichkeit, die Mitte der 90er-Jahre Stoff einer preisgekrönten Verfilmung wurde. Vereinsamt starb Dorothy Parker am 7. Juni 1967 in New York. Ihren Nachlass vermachte sie dem Bürgerrechtler Martin Luther King und der National Association for the Advancement of Colored People in Baltimore.

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