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StartseiteAus Kultur- und Sozialwissenschaften500 Jahre Reformation - Was Feiern wir eigentlich?09.02.2012

500 Jahre Reformation - Was Feiern wir eigentlich?

Diskussion am Lehrstuhl für Kirchengeschichte der Universität Jena

2017 wird dem Thesenanschlag Martin Luthers als Beginn der Reformation der katholischen Kirche gedacht. Die evangelische Kirche befindet sich mitten in der Vorbereitungsdekade der 500-Jahr-Feier der Doch was genau ist denn mit "der Reformation" eigentlich zu feiern?

Vn Christian Forberg

Die Schlosskirche in Wittenberg: Martin Luther schlug hier am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an die Tür. (AP Archiv)
Die Schlosskirche in Wittenberg: Martin Luther schlug hier am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an die Tür. (AP Archiv)

Um das 500. Reformations-Jubiläum langfristig in der Gesellschaft zu verankern und als touristische Ressource zu erschließen, wurde eine Reformationsdekade ausgerufen: Zehn Jahr Vorbereitung auf das Jahr 2017 und seinen 31. Oktober, an welchem Luther die 95 Thesen an die Schlosskirche Wittenbergs genagelt haben soll - die legendäre Stunde Null der Reformation. Was seit Langem mehr als nur bezweifelt wird, und das in vielerlei Hinsicht. Aber es passt halt so gut, und so rennt man auch bei diesem Jubiläum der vermarktungsfähigen Legende hinterher.

"Mit großem Eifer bemühen sich staatliche und kirchliche Institutionen, das Herannahen des Reformationsjubiläums zu gestalten und durch bisweilen kopflose Geschäftigkeit für sich zu vereinnahmen. Betriebswirtschaftliche Leitworte wie Innovationsaspekt, Kooperationsaspekt, Effizienzaspekt oder Nachhaltigkeitsaspekt bestimmen die Diskussion."

Christopher Spehr, Lehrstuhlinhaber Kirchengeschichte an der Uni Jena, hatte zur Podiumsdiskussion eingeladen. Die inhaltliche Vorarbeit hatte Thomas Kaufmann bereits geleistet: Der Göttinger Reformationsexperte veröffentlichte im vergangenen November seine Thesen um "Das schwierige Erbe der Reformation", wie der Artikel in der Frankfurter Allgemeinen überschrieben war.
So wenig wie einst Luther wollte er sie als umstürzlerischen Frontalangriff gewertet wissen:

"Unstrittig ist natürlich, dass die evangelischen Kirchen in Deutschland, denen ich mich selbstverständlich eng verbunden weiß, etwas zu feiern haben. Sie stehen, ihrem Selbstverständnis nach, in einer Tradition mit der Reformation. Das kann nicht ernsthaft strittig sein."

Strittig dagegen sei der von einem wissenschaftlichen Beirat gezimmerte Rahmen,

"... in dem die Reformation als Ausgangspunkt von Differenzierungs-, Pluralisierungs-, ja Modernisierungsprozessen bewertet wird, die das gesamte private und öffentliche Leben, gesellschaftliche Strukturen und Wirtschaftshandeln, kulturelle Wahrnehmungsmuster und Mentalitäten ebenso wie Rechtsauffassungen, Wissenschaftskonzepte und künstlerische Ausdrucksgestalten prägend bestimmt und grundlegend und dauerhaft geprägt habe. Grund genug für festiven Optimismus?"

Nein, sagte Thomas Kaufmann, weil diese Geschichten vom direkten Strahlen der Reformation in die Gegenwart wenig mit der erforschten Geschichte zu tun habe. Da wäre zum einen der verengende Blick auf Luthers Reformation als Einzahl. Es habe weit mehr Bestrebungen verschiedener Konfessionen gegeben, sowohl vor als auch – und um so mehr – nach der "Stunde Null". Das späte Mittelalter war kein borniertes, auf eine korrupte Papstkirche zentriertes System mehr, sondern vielmehr ein offenes System, das Raum für viele "Reformationen" bot. Auch innerhalb der katholischen Kirche, wie das mehrere Jahre dauernde Konzil von Trient belegt. Allerdings, fügte der Dogmatikprofessor Joseph Freitag von der Uni Erfurt seitens der katholischen Kirche an, allerdings sei dieses Konzil ohne Reformation und Abspaltung der evangelischen Kirche nicht denkbar. Ein Grund für die Katholiken zum Mitfeiern?

"Nein. Was haben wir zu feiern? Um es ganz einfach zu sagen: Es gibt ein protestantischen Christen ist das die Geburtsstunde ihrer Freiheit. Für die Katholiken ist es der Punkt, dass das wesentliche Moment der Einheit gebrochen ist. Das ist ungefähr so, als wenn der eine geboren wird und dem anderen werden zwei Beine weggeschossen. Und das soll das gleiche Erlebnis sein? Das ist nicht zu machen."


Insgesamt gebe es drei historische Prozesse, die die Entwicklungen jener Zeit bestimmten: Humanismus, Reformation und territoriale Entdeckungen inklusive der Kolonisation.

"Mein Bild, was ich dafür habe, ist etwas wie bei Zöpfen: Die werden normalerweise aus drei Strängen geflochten. Die bleiben unterscheidbar, aber die bilden einen Zopf."

Für die Einbettung der Reformationen in den Geschichtsprozess plädierte auch Georg Schmidt, Historiker für die Frühe Neuzeit an der Uni Jena. Auch er wandte sich gegen die schnelle, aber schlichte Gangart, dass heute hohe Werte wie Freiheit, Toleranz und Pluralismus ihren Urgrund bei den Reformern in der Kirche haben:

"Das sind weder die Reformatoren gewesen, die das durchgesetzt haben, noch die Gegner der Reformatoren, sondern das waren v. A. a. Politiker oder die herrschaftliche Schicht, die ein friedliches Nebeneinander trotz antagonistischer Gegensätze durchgesetzt hat. Dem können wir uns direkt nähern; wir dürfen nur nicht den Fehler machen, dass wir das unmittelbar mit den Reformatoren verbinden oder den Papst selbst. Für Toleranz ist niemand eingetreten und konnte auch niemand, der den wahren Glauben durchsetzen wollte."

Meilenstein war dabei der 1555 geschlossene, fragile Religionsfrieden zu Augsburg, der das Prinzip "Wer der Herr ist, bestimmt den Glauben" fixierte. - Thomas Kaufmann korrigierte eine weitere Legende: Das Priestertum aller Gläubigen, wobei die Betonung auf "aller" liegt. Er betonte, dass es beinah ausschließlich allein auf die Obrigkeit zutraf:

"Der Protestantismus verdankt sein historisches Überleben einer tief greifenden und notorischen Staatsverbundenheit. In Bezug auf die Freiheit und das allgemeine Priestertum stellt sich das Erbe der Reformation demnach weniger als ein zu bewahrender Schatz, denn als eine traditionspolitische Ressource dar, die unter bestimmten historischen Bedingungen in Anspruch genommen wurde und die zu prüfen und zu erproben auch unserer Gesellschaft aufgegeben ist."

Siegfried Kasparick, Probst der Evangelischen Kirche zu Wittenberg, griff diesen Gegenwartsbezug auf, wandte sich aber zunächst gegen einen neuen Mythos: Nicht die EKD habe die Dekade erfunden, sondern ein kleiner Kreis politischer und kirchlicher Würdenträger, der auf Anfragen aus vielerlei Richtung schnell reagieren wollte:

"Mythen entstehen ganz, ganz schnell, und Gott sei Dank ist kirchliche Wirklichkeit in Deutschland mehr als EKD; es gibt ganz unterschiedliche Wege in den Landeskirchen, den Weg nach 2017 zu gehen. - Man macht es sich ja sehr leicht mit erhobenen Zeigefinger daher zu kommen und zu sagen: wir sind nicht katholisch, und was in der Gesellschaft passiert ist ganz problematisch und wir haben Lösungen, die ihr nicht habt, und so was alles. Aber die Frage ist: Wie evangelisch sind wir selber, und wo passiert bei uns, was wir den anderen vorwerfen? Wie ist das wirklich mit dem Priestertum aller Gläubigen? Oder wie ist es mit der Verständlichkeit der Sprache? Also: Kritische Fragen auf das, was in der eigenen Kirche da ist aus den Impulsen der Reformation, und dann in einem guten Diskurs mit den Partnern sowohl im gesellschaftlichen als auch konfessionellen Bereich. Da werden wir das ganz große Event nicht verhindern, aber ein paar inhaltliche Geschichten einbringen."

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