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StartseiteMarkt und Medien60 Jahre "Der Spiegel"16.12.2006

60 Jahre "Der Spiegel"

Ein Gründungsmitglied erzählt

Leo Brawand ist der letzte lebende Gründungsredakteur des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel", das in vierzehn Tagen seinen 60.Geburtstag feiern wird. Mehr noch: Brawand war als knapp 22-Jähriger sogar schon beim Vorgängerblatt "Diese Woche" tätig, das vom britischen Presseoffizier John Chaloner gegründet worden war.

Von Brigitte Baetz

Das erste Titelbild des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" vom 4. Januar 1947 (AP Archiv)
Das erste Titelbild des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" vom 4. Januar 1947 (AP Archiv)

Deutschland, im Oktober 1962. Die Spiegel-Affäre erschüttert die Bundesrepublik Deutschland. Leo Brawand erinnert sich:

"Als der Chef vom Dienst rauf kam und sagte: Herr Brawand, da unten ist der Teufel los. Landesverrat. Augstein soll nach Kuba geflohen sein. Das war ja nach der Kubakrise. Was sollen wir denn wohl machen? Und da hab ich gesagt: Machen wir erstmal weiter, damit das Blatt erscheint und habe dann hier über die noch meine freie Leitung meine Frau angerufen, sie soll Josef Augstein, unseren Anwalt aus Hannover holen und in dem Moment hört ich Schritte. Habe ich meine Jacke vom Stuhl genommen und bin in diesen Schrank rein. Und hab so weit ein bisschen aufgemacht und sah, der Hausmeister, der kam dann an mit drei bewaffneten Leuten von der Bundesanwaltschaft und sagte: "Hier heft sei ook schon dicht gemokt". Und die gingen dann wieder weg und haben dann aber die Tür versiegelt und zugeschlossen und ich habe sie nachher aufgemacht mit einer Schere und mit einem Brieföffner und bin dann über die Treppe abgehauen, obwohl mir nichts passiert wäre."

Die Affäre um den angeblichen Landesverrat des Nachrichtenmagazins brachte Rudolf Augstein für 103 Tage ins Gefängnis - und machte den "Spiegel" populärer als er jemals war - mit einer Auflagensteigerung von bis zu 200.000 Exemplaren. Und doch, so erzählt Brawand, hatten die Redakteure Angst, dass es das Magazin vielleicht bald nicht mehr geben würde.

"Die Angst war schon begründet. Beispielsweise ja eben, weil sich ein Teil etwa der Anzeigenkunden dann doch abgewendet hat von uns oder andere, etwa die Papierlieferanten - ich hatte auch Prokura bekommen, nachdem alle anderen im Gefängnis waren - nur gegen Vorkasse liefern wollten. Also, die Bedrohung war schon echt und das war ja auch der Sinn der Sache. Wie John Jahr, unser Seniorchef, gesagt hat, sie wollen den "Spiegel" kaputt machen. Das war die Idee. Umso mehr dann die Gegenkräfte, die wir dann mobilisiert haben."

Lange Jahre galt "Der Spiegel" als das Vorzeigeblatt der kritischen Intelligenz. Das Widerständige, Rebellische war ihm quasi in die Wiege gelegt worden, denn die Gründungsmannschaft hatte eine Grundüberzeugung: So etwas wie das Dritte Reich dürfe es nie wieder geben. Mit dem gleichen Impetus halfen jüdische Emigranten wie Harry Bohrer, der erste Chefredakteur von "Diese Woche", aus der der "Spiegel" hervorging, die Pressefreiheit in Deutschland einzuführen. Die zornigen jungen Männer, Frauen waren wie auch in späteren Zeiten, kaum welche darunter, gingen mit einer gewissen Naivität an ihre neue Aufgabe heran.

"Man muss auch bedenken: Ein großer Teil von uns war im Krieg verwundet worden. Augstein war vier Mal verwundet, überlegen Sie mal: Er konnte vier Mal tot sein. Ich selber habe in Russland drei Kugeln abbekommen. Wir hatten kaum was zu essen, keiner hatte eine Wohnung, mit Ausnahme von Augsteins Eltern. Also die Überlegung: Was machst Du hier? Da waren wir alle ein bisschen leichtfertig, beziehungsweise haben gedacht: Ach was kann es schon schaden, nicht? Etwas besseres als den Tod werden wir überall finden, wie bei den Bremer Stadtmusikanten. "

Und es gab wahrlich mehr zu gewinnen, vor allem nachdem die Engländer, entnervt von immer neuen kritischen Artikeln der deutschen Journalisten gegen die Alliierten, die Zeitschrift "Diese Woche" in deutsche Hände gaben, unter anderem in die von Rudolf Augstein.

"Der sah zunächst mal aus wie ein College-Student, blass und klein wie ich auch und sehr zurückhaltend, aber immer sehr beredt, historisch außerordentlich bewandert und einer der furchtlos war in diesen ganzen Dingen, auch später übrigens, wenn er sollte gekidnappt werden. Er war von einer merkwürdigen Einstellung, wenn er sagte: Was solls? Allerdings wusste er sehr genau, was Macht und Einfluss sind, auch in der Redaktion. Er hat sich ja dann so eine Art Alleinvertretungsanspruch für den "Spiegel" geschaffen, so dass es später wirklich hieß: der "Spiegel" ist Augstein, Augstein ist der "Spiegel"."

Der eigentliche Gründer des Spiegel, der Presseoffizier John Chaloner, der aus einer bekannten englischen Verleger- und Journalistenfamilie stammte, fühlt sich bis heute ausgebootet. Vor allem von Rudolf Augstein, der ihm eine Beteiligung verweigerte.

"Also, das ist schon etwas, was ihn beeinflusst und ihm weh getan hat. Ich hab Dutzende von Briefen hier, in denen er geschrieben hat: Ich habe Rudolf dieses Blatt auf dem silbernen Tablett serviert und was habe ich davon? "

Anders als Augstein, der zum mehrfachen Millionär wurde und anders als sogar die einfachen Redakteure beim Spiegel, die weit über dem Durchschnitt verdienen, konnte Chaloner nie mehr an seine große Zeit anknüpfen - damals als er, selbst kaum 22-jährig, im Cabrio des ehemaligen Nazi-Außenministers Ribbentrop durch Nachkriegsdeutschland fuhr und einen entscheidenden Anteil an der Entstehung einer unabhängigen deutschen Presse hatte.

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