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StartseiteInformationen am Morgen"Ich habe mir immer gewünscht, dass ich nach Deutschland komme"07.12.2015

60 Jahre Gastarbeiter in Deutschland"Ich habe mir immer gewünscht, dass ich nach Deutschland komme"

Ein paar Jahre in Deutschland arbeiten, Geld für ein Haus sparen und in die Heimat zurückkehren. Mit dieser Vorstellung sind die meisten der so genannten Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. So auch die heute 80 Jahre alte Emine Polat aus der Türkei. Sie und ihre Familie fühlen sich so heimisch in Deutschland, dass ihr Enkel mit dem Begriff Gastarbeiter nur noch wenig anfangen kann.

Von Kemal Hür

Gastarbeiter aus Jugoslawien auf einem Bahnsteig des Frankfurter Hauptbahnhofs am 15.12.1972. (pa/dpa/UPI)
Die ausländischen Arbeitskräfte sollten beim Wiederaufbau helfen und nach einigen Jahren in ihre Heimatländer zurückkehren. (pa/dpa/UPI)
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In der großen Küche der Wohngemeinschaft sitzen zwei Frauen und zwei Männer um einen Esstisch. Sie sind alle über 70 Jahre alt und dement. Zwei Pflegerinnen servieren ihnen Tee und Kaffee. Sie unterhalten sich mit ihnen auf Türkisch. Es ist eine betreute Wohngemeinschaft für türkischsprachige ältere Bürger. Mit am Tisch sitzt still die kleine, zierliche Emine Polat. Die 80-jährige Frau hat heute Besuch. Ihre Tochter Meral und ihr Enkel Emir sind da. Emir begrüßt seine Großmutter mit einem Handkuss und versucht, sich mit ihr zu unterhalten. Emine Polat antwortet einsilbig. Sie ist 1968 nach Deutschland gekommen – als Gastarbeiterin, wie es damals hieß. Mit diesem Begriff kann ihr Enkelsohn Emir nur wenig anfangen.

"Wenn jemand zu Gast ist und wieder zurückkehrt, für eine befristete Zeit hier arbeitet, ist er ein Gastarbeiter, denke ich mal."

Genauso hatte es Deutschland geplant. Nach dem Zweiten Weltkrieg fehlten dem Land Arbeitskräfte,  besonders in der Bau- und Metallbranche. Deutschland schloss am 20. Dezember 1955 das erste Anwerbeabkommen mit Italien ab und warb Arbeitskräfte an. Später folgten Vereinbarungen mit Griechenland, Jugoslawien, Portugal und der Türkei. Die ausländischen Arbeitskräfte sollten beim Wiederaufbau helfen und nach einigen Jahren in ihre Heimatländer zurückkehren.

Sehnsucht nach den Eltern

Emirs Großmutter Emine Polat kam mit 33 Jahren nach Berlin und arbeitete zunächst in einer Fabrik für Haushaltsgeräte, später in der Küche eines Krankenhauses. Sie hatte ihre Kinder in Istanbul bei den Großeltern zurückgelassen. Die heute 53-jährige Tochter Meral sehnte sich nach ihren Eltern. Sie sah sie nur im Sommer, wenn sie in der Türkei Urlaub machten.

"Ich hab mir immer gewünscht, dass ich nach Deutschland komme. Als die in Urlaub in die Türkei kamen, habe ich mir immer gewünscht, dass meine Mutter mich auch mitnimmt. Aber erst nach der Grundschule bin ich hierhergekommen."

Eine typische Geschichte für fast alle Einwandererfamilien. Meral Polat kam 1973 nach Deutschland. Kurze Zeit später erklärte der damalige Bundeskanzler Willy Brand einen Anwerbestopp. Die spätere Regierung von Helmut Kohl bot Anfang der 80er Jahre ausländischen Arbeitern  10.500 D-Mark an, wenn sie Deutschland verließen. Kohl in seiner ersten Regierungserklärung 1982:

"Integration ist nur möglich, wenn die Zahl der bei uns lebenden Ausländer nicht weiter steigt."

Tausende verließen Deutschland wieder

Die Rückkehrprämie konnten nur diejenigen in Anspruch nehmen, die in Kurzarbeit waren, oder durch Konkurs ihrer Arbeitgeber erwerbslos geworden waren. 14.000 Menschen nahmen das Geld an und verließen Deutschland. Zu wenige, fand ein damals junger Bundestagsabgeordneter und machte Wahlkampf auf dem Rücken der schuldlos arbeitslos gewordenen Menschen.

"Wir können weder das Arbeitsamt noch das Sozialamt für die ganze Welt sein", so Horst Seehofer, der heutige bayrische Ministerpräsident 1983 in einer Bundestagsdebatte. Ein paar Monate nach dieser Debatte wurde der Enkelsohn von Emine Polat geboren. Der 31-jährige Emir Özdemir ist mit einer deutschen Berlinerin verheiratet. Sie haben drei Kinder. Weder Emir, noch seine Mutter, noch seine Großmutter denken heute daran, in die Türkei zu gehen. Sie alle fühlen sich in Berlin heimisch. Seine Großmutter habe sich in der hiesigen Gesellschaft sehr gut integriert; schließlich lebe sie in einer WG, sagt Emir:

"Weil bei uns ist es eigentlich nicht üblich, dass man sich von der Familie trennt und woanders lebt. Aber wie man sieht, geht's doch. Und es klappt gut."

Gastarbeiterbegriff in Italien fast vergessen

In Italien übrigens, wo die ersten Gastarbeiter herkamen, sei der Begriff Gastarbeiter fast völlig vergessen, meint der Vertreter des italienischen Botschafters, Alessandro Gaudiano. Von den zwei Millionen Arbeitern, die in den 50er Jahren nach Deutschland gekommen seien, seien zwei Drittel wieder zurückgegangen.

"Sie haben dazu beigetragen, auch Italien in Richtung Deutschland und Europa zu öffnen. Andererseits, die, die hier geblieben sind, haben die italienische Lebensart nach Deutschland gebracht, einen gewissen italienischen Way of Life – nicht nur in der Esskultur -, der heute wirklich zu deutscher Gesellschaft völlig gehört."

Die Gastarbeiter sind hier heimisch, Deutschland ist zum Einwanderungsland geworden. Nur Parolen, wie "das Sozialamt der Welt" sind dieselben wie vor 30 Jahren geblieben.

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