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StartseiteAus Kultur- und Sozialwissenschaften600 Jahre Universität Leipzig09.07.2009

600 Jahre Universität Leipzig

Eine Jubiläumsausstellung präsentiert die modernen Wissenschaften im Jahrhundert der Aufklärung

Im Leipziger Alten Rathaus ist zurzeit die Ausstellung "Erleuchtung der Welt. Sachsen und der Beginn der modernen Wissenschaften" zu sehen. Sie ist dem 600. Gründungsjubiläum der Leipziger Universität gewidmet, deren Geschichte 1409 mit dem Auszug deutscher Studenten aus der Universität Prag begann.

Von Christian Forberg

Die Universitätsbiblio- thek Leipzig. (Universität Leipzig / Werner Drescher)
Die Universitätsbiblio- thek Leipzig. (Universität Leipzig / Werner Drescher)

Als im Jahre 1809 aus Anlass des 400. Jubiläums der Alma Mater Lipsiensis festlich getafelt wurde, saßen die 300 noblen Gäste im einstigen Gewandhaus. Dessen Seitenwände waren mit Sprüchen in lateinischer Sprache, mit Extrakten der Universitätsgeschichte verziert.

Im 15. Jahrhundert in Finsternis geboren, im 16. begabt und befestigt, im 17. unter Trümmern errettet, im 18. durch die Namen ihrer Söhne berühmt gemacht.

"Das 15. Jahrhundert in der Finsternis geboren - das ist natürlich ganz."

Detlef Döring, Professor an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, ist der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirates und damit praktisch das "Oberhaupt" der Ausstellungsmacher. Er lacht und schüttelt zugleich den Kopf: Nein, mit dieser Bewertung mag er nicht mitgehen.

"Da steht die Forschung heute auf völlig anderen Positionen: Dass auch die mittelalterliche Universität und das mittelalterliche wissenschaftliche Leben mit zu den Grundlagen der modernen Entwicklung gehört. Na gut, das 16. Jahrhundert wird ganz aus dem Blickwinkel der Reformation betrachtet. Auch das wird man heute so einfach nicht mehr nachsprechen wollen. Das 17. Jahrhundert, der 30-jährige Krieg hat den Universitätsbetrieb sehr beeinträchtigt. Das ist vielleicht noch am ehesten nachvollziehbar. Und die berühmten Söhne im 18. Jahrhundert - na gut, das kann man unterschreiben."

Johann Christoph Gottsched, Dichter und Universalgelehrter:

Gottsched trieb die Sprache Deutsch in die Moderne, als Schriftsteller, Lehrer für Weltweisheit, Theaterdichter, Publizist.

Johann Burkhard Mencke, Historiker und Dichter:

Mencke begründete die Geschichtswissenschaft als eigenständiges Universitätsfach und gab ab dem Ende des 17. Jahrhunderts, also bereits in der Frühzeit der Aufklärung, eine der führenden europäischen Gelehrtenzeitschriften jener Zeit heraus, die "Acta Eruditorum". Detlef Döring erklärt:

"Das war in erster Linie eine Rezensionszeitschrift. Das heißt, aktuelle Publikationen wurden damals - wie das auch heute gemacht wird - angezeigt beziehungsweise beschrieben und bewertet. Sie wurde noch in Latein geschrieben. Weil so eine Zeitschrift international zur Kenntnis genommen wird und Deutsch außerhalb der deutschen Grenzen wenig verbreitet war, hat man das Ganze in Latein gebracht."

Christian Friedrich Börner, Theologe und Bibliothekar.

Börner besorgte die Gesamtausgabe von Luthers Werken und baute maßgeblich die Universitätsbibliothek aus. Er leitete sie ein Vierteljahrhundert lang.

Christian Fürchtegott Gellert, Dichter und Philosophieprofessor.

Gellert war einer der führenden Köpfe einer ganzen Reihe junger Schriftsteller, die die Poetik über Gottsched hinaus in die Freiheit der Kunst führten, was in den 1740er-Jahren ein wichtiger Grund war, in Leipzig zu studieren.

Georg Jakob Kehr, Orientalist.

Kehr entdeckte als Erster, dass die in Europa gebräuchlichen Zahlen eigentlich aus Arabien stammen.

Johann Heinrich Winkler, Philosoph und Physiker.

Winkler, das Mitglied der Londoner Royal Society, rüstete die europäischen Wissens- und Partygesellschaften mit Elektrisiermaschinen aus.

Porträts dieser "Leuchten" der Leipziger Wissenschaft, ihre Werke, Sammlungen und Erfindungen stehen im Mittelpunkt der Ausstellung, wohl gegliedert nach Wissenszweigen aus heutiger, moderner Sicht und präsentiert in separaten Kabinetten. Die ganze Universitätsgeschichte wird ebenso summarisch als Überblick erfasst, wie auch das bewegte, interessante Studentenleben. Man konnte und wollte nicht alles präsentieren, was theoretisch möglich wäre, sagt die Kuratorin Cecilie Hollberg:

"Von daher haben wir uns gesagt: Das wird viel zu viel. Hier geht es um Wissenschaftsgeschichte. Viele Studenten sind später auch tätig geworden an der Universität. Viele berühmte Studenten sind hier gewesen, die auch gestreift werden in unserer Ausstellung und die in unterschiedlichen Abteilungen vorkommen; beispielsweise Goethe, der eben bei den Kunstakademien auftaucht, weil er bei Oeser Schüler war, oder natürlich im Bereich der deutschen Literatur, weil er 'Die Mitschuldigen', die Handschrift, auch mit Bezug auf Leipzig produziert hat. Insofern gibt es da einige Querverbindungen."

... die auch ein Jahrhundert zurückweisen: Die Ausstellung zum 500. Uni-Jubliäum war sehr stark Johann Wolfgang Goethe gewidmet, eingerahmt von den anderen Universitätsschätzen. Goethe hat in Leipzig drei Jahre lang Jura studiert. Eine Größe wurde er auf anderen Gebieten, jenseits von Leipzig.

Womit wir bei einer Klage wären, vorgetragen vom Leipziger Rechtshistoriker Bernd-Rüdiger Kern, der seiner Betrachtung der Juristenfakultät zu Zeiten der Aufklärung voranstellt:

Das Ansehen der Leipziger Juristenfakultät leidet bis heute darunter, dass sie es nicht vermochte, ihre namhaften Absolventen und potentiellen Dozenten der Aufklärungszeit an sich zu binden.

Von neun späterhin bedeutenden Absolventen des ausgehenden 17. Jahrhunderts, die Professor Kern aufführt, blieb einer in Leipzig: Griebner. Aber außer Rechtshistorikern kennt den keiner mehr.

"Thomasius und Leibniz, denke ich, kennt jeder. Bei Leibniz gibt es die Geschichte - ich weiß nicht, ob sie stimmt -, dass er zu jung war und die Professorengattin ihn nicht leiden konnte und nach Nürnberg, nach Altdorf gegangen ist und da promoviert hat. Und bei Thomasius ist es eine noch viel schwierigere Geschichte. Thomasius hat ja hier nicht Jura studiert. Er war an der Artistenfakultät, hat dort sozusagen seine Hochschulreife in Leipzig gemacht, ist dann an eine andere Hochschule gegangen, um Jura zu studieren, ist wieder zurückgekommen, durfte keine Juravorlesungen halten, hat sich dann als Advokat niedergelassen. Das war wohl nicht besonders erfolgreich - und dann hat er wieder Vorlesungen an der philosophischen Fakultät gehalten. Da konnte er Naturrecht machen. Das gehörte damals generell in die philosophischen Fakultäten."

Allerdings habe er sich als "Enfant terrible" der hiesigen Wissenschaftsszene mit allen Autoritäten so angelegt, dass er kaltgestellt und schließlich gefeuert wurde - und nach Halle an der Saale ging.

"In Halle hat er sehr erfolgreich die Universitätsgründung betrieben, den juristischen Unterricht so modern gestaltet, dass Halle aus dem Stand heraus die juristische Fakultät des 18. Jahrhunderts wurde; wurde abgelöst 1737 durch Göttingen. Aber da muss man wissen: Göttingen hat zu 100 Prozent die hallesche Universitätsverfassung übernommen. Das heißt: Göttingen ist eigentlich ein Ableger von Halle - geistig gesehen."

Und Halle ein Ableger von Leipzig, personell gesehen: Neben Thomasius wechselten der Theologe Francke, der Mathematiker und Philosoph Wolff unter anderen an die hallesche Universität, die unwidersprochen die Aufklärungsuniversität schlechthin darstellt, dank ihrer entdogmatisierten Theologie, dem modernen Naturrecht und historisierenden Staatsrecht, der klinischen Medizin und rationalen Philosophie, wie Ulrich Rasche in seinem Beitrag zum Essayband der Jubiläumsausstellung schreibt.

Was in Halle von Gründung an gewollt und durch das brandenburgisch-preußische Herrscherhaus sanktioniert war, hatte sich in Leipzig gegen mancherlei Widerstände durchzusetzen. Behutsam, wie Notker Hammerstein vor gut 20 Jahren die "vernünftelnde, elegante und gemäßigte Aufklärung" zu Leipzig beschrieb:

Behutsam, […] in Rücksicht auf die eigenen Traditionen und die bedeutungsvolle Rolle, die die Anstalt für lutherische Rechtgläubigkeit hatte, suchten die Neuerer unter den Professoren, zumeist Theologen und Philologen, einen offenen Bruch zu vermeiden. Die sich wandelnden Anschauungen und Methoden wurden scheinbar harmonisch mit dem Gewohnten gemischt.

Wobei - wie an allen anderen Universitäten - die Theologen das erste und letzte Wort hatten. Wie man sich das in der universitären Praxis vorstellen kann, erklärt Detlef Döring:

"Die Universität Leipzig war Ende des 17. Jahrhunderts die größte im deutschen Reich. Platzprobleme gab es natürlich. Es gab wenige Hörsäle, die zur Verfügung standen, und viele Professoren mussten in ihre eigenen Wohnungen ausweichen, dort Unterricht erteilen. Wobei - es gab Vorlesungen, wo 100 und mehr Studenten kamen. Die passten in keine Wohnung rein. Es gibt Auseinandersetzungen, wer welchen Hörsaal bekommen kann. Die Theologen meldeten immer ihr Prä an: Zuerst müssen wir zuerst 'zufriedengestellt' werden, dann die anderen. Ich habe Bestimmungen gelesen, in denen steht: Professor Müller kann den Hörsaal bekommen, es sei denn, Theologen melden ihre Ansprüche an. Dann muss er zurückstehen."

Ob der Sprachreformer Gottsched gegen dieses Prozedere opponiert hat? Gegen die unnatürlich verklausulierten Predigten der Theologen schon: Spott und Sarkasmus kippte er über sie aus. Seine Frau war wohl anderer Meinung. 1735 schrieb sie in einem Brief:

Die hohe Schule ist zahlreich und die vielen Fremden, die sich hier befinden, bringen der Stadt Nahrung und Ehre. Leipzig hat schöne Kirchen und gute Prediger - ein Vorzug, der in meinen Augen sehr wichtig ist.

Frau Gottsched schlägt damit einen Grundton an, der auch in der Jubiläumsausstellung ein Echo findet: Wenn über ihr das Motto "Erleuchtung der Welt" steht, so hat das auch viel mit einer besseren Ausleuchtung des Wissenschaftsstandortes Leipzig zu tun. Also werden die Scheinwerfer breit auf die gesamte aufstrebende Stadt gerichtet, statt spott-artig nur die Fakultäten zu beleuchten. In den Worten von Detlef Döring:

"Jena und Helmstedt lebten nur von der Universität. Leipzig war immer zuerst eine Handelsstadt, dann war sie auch eine Universitätsstadt. Dann war sie aber auch die Stadt des deutschen Buchhandels gewesen. Das ist diese einmalige Kombination von ganz verschiedenen Eigenschaften, die diese Stadt besaß, und die im Zusammenwirken das Besondere ausgemacht haben."

Es ist alles andere als Zufall, dass gerade in den 1680er-Jahren, am Beginn der Aufklärung, Leipzig die bisherige Nummer eins in Sachen Buchhandel ablöste - Frankfurt am Main. Wäre das in einer Stadt möglich gewesen, in der bornierte Theologen permanent Jagd auf Bücher machen? Es gab das materielle Eigeninteresse der Professoren, viele Bücher zu veröffentlichen - und es gab den Konsens der Eigenkontrolle:

"Der Geschichtsprofessor war verantwortlich für alle historischen Publikationen, die in Leipzig herauskamen. Der Philosophieprofessor für die philosophischen Publikationen und so weiter und so fort. Es bestand andererseits seitens der Leipziger Verlage ein Interesse, dass die Zahl der Buchverbote möglichst gering blieb, denn es war ja immer ein Geschäftsverlust gewesen, wenn man ein Buch nicht bringen konnte beziehungsweise zurückziehen musste vom Markt. In der Tendenz gesehen war die Freiheit relativ weit in Leipzig. Natürlich - bestimmte Titel durften auch hier nicht verlegt werden: Offene Angriffe gegen die Religion - das wurde auch hier nicht geduldet."

Gelehrte, Verleger und Kaufleute versuchten, Konflikte zu vermeiden und voneinander zu partizipieren. Das schloss das permanente Einbringen neuer Gedanken nicht aus, im Gegenteil: Nur mit ihnen konnte man sich auch auf dem Markt behaupten. Der gewonnene Reichtum floss zu guten Teilen wieder in die Wissenschaftslandschaft zurück: Sammlungen wurden angelegt und öffentlich gemacht. Die Ratsbibliothek mit ihren zahlreichen Schätzen aus vielen Wissenschafts- und Kunstzweigen wetteiferte mit der Universitätsbibliothek.

Das ist auch in einer Parallelausstellung "Leipziger, eure Bücher!" zu sehen. Sie wurde Ende Juni in der Universitätsbibliothek eröffnet. Überhaupt sei die Ausstellung das
Resultat vieler Beteiligter, von Universität und Stadt Leipzig, von Institutssammlungen und auswärtigen Museen. Kuratorin Cecilie Hollberg nennt Beispiele:

"Die Sammlung Linck: Das ist ein riesengroßes Kunst- und Naturalienkabinett; eine Apothekerfamilie, die über drei Generationen gesammelt hat, angefangen über paläontologische Stücke bis zu Instrumenten aus der Astronomie oder - Missgeburten würde man heute sagen - Spirituspräparate und anderes mehr. Das ist eben eine Privatsammlung gewesen, die heute noch erhalten ist, allerdings in Waldenburg. Sie wurde dann verkauft von der dritten Generation. Aber sie ist noch erhalten. Das ist das große Glück dieser Sammlung. Es gibt natürlich auch viele Sammlungen, die in alle Winde zerstreut sind. Das ist das Schicksal dieser privaten Sammlungen. Da rede ich jetzt beispielsweise von den Kunstsammlungen von Winckler, von Richter, die im Museum der bildenden Künste in Teilen sind; in Teilen sind sie aber auch im Stadtgeschichtlichen Museum. Und da habe ich mich auch bemüht, bestimmte Dinge wieder zusammenzuführen, dass man sagen kann: Sie sind zwar heute in unterschiedlichen Häusern, aber hier sehen wir sie noch mal zusammen."

Ab heute steht dieser Reichtum der Leipziger Aufklärung also zu besichtigen, wohl gegliedert nach Wissenszweigen, aber geschlossen in seinem Kontext: einer einst reichen Handelsstadt, die seit sechs Jahrhunderten auch eine Universität hat.

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