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StartseiteBüchermarkt652 km nach Berlin08.04.2002

652 km nach Berlin

Hoffmann und Campe, 208 S., 21,90 EUR

<em>Meine Freundin Moumou und ich haben eine kranke Schwäche für dicke, faule, unanständige Männer mit Hang zur Brutalität und Philosophie. Das könnte jetzt Bud Spencer sein. Aber er ist es nicht. Es ist Mike Malangre.</em>

Claudia Kramatschek

So klingt er, der typische Sound von Silvia Szymanski: eine verführerische Tonlage zwischen bewusstem Tabubruch und gespielter Naivität. Sex gab es für ihre Heldinnen nie genug, und doch erzählte Szymanski davon im Gestus der unschuldigen Leibesphilosophin, die doppelte Böden erahnen ließ, wo nichts als nackte Tatsachen zu erwarten waren. Eine Spezialistin ist sie für das Abgründige, und das vermag sie noch im scheinbar Harmlosen zu entdecken. Harmlos etwa wie die Provinz, in der all ihre Geschichten bis dato spielten - und vom miefigen Grauen Kunde geben, von dem das bundesdeutsche Leben - Hauptstadt hin, Hauptstadt her - flächendeckend befallen ist 652 km nach Berlin sind es auch von Streifenfeld, dem Schauplatz ihres neuen Roman. Streifenfeld, das ist ein kleines Kaff an der Nähe zur holländischen Grenze nicht weit von Finkenrath, Szymanski-Fans bestens vertraut. Auch in Streifenfeld passiert nicht viel, außer man heißt Szymanski und weiß der Ereignislosigkeit Stimme zu verleihen; eine Ereignislosigkeit, deren so liebevolle wie böszüngige Chronistin diese Autorin ist. Erneut sind es episodenhafte Momentaufnahmen der Alltäglichkeit, die ihre Ich-Erzählerin - Sophia Sowa ist ihr Name - uns liefert: eine Busfahrt durch das Dorf, ein Nachmittag im Schwimmbad, ein Tanzfest im Nachbarort. Szenen der Beschaulichkeit, könnte man meinen. Doch Sophia alias Szymanski verleiht ihnen den Charakter eines Lauschangriffs, wenn sie Volkes Stimme sprechen lässt, wie ihm der Mund gewachsen ist - und offenbart, dass nicht alles so ist, wie die wohlgeordnete Kulisse es glauben machen will. Da helfen weder Goldverputz an den Häusern, noch Ewiggrün in den Vorgärten: Wenn von "Überfremdung die Rede ist, wo unschuldige Pflanzensorten gemeint sind, und "Nicht essen darf, wer nicht arbeitet" - dann fängt Szymanski mit untrüglichem Gespür wieder einmal den beklemmenden Bodensatz der kleinbürgerlichen Gemütlichkeit ein: all das klebrige nicht-gelebte Leben, das doch die eigentliche Verzweiflung des modernen Menschen ist. Und die fühlt sich am wohlsten in der Provinz, jenem Miniaturmodell der Wohlstandsgesellschaft, die die Totsanierung alles Alten zu ihrem Kostüm erhoben hat.

Leichen also im Keller - und nicht umsonst wohl ist der junge Amir, in den Sophia sich ein wenig verliebt, ein Flohmarktspezialist, mit dem sie auf ihren Streifzügen in der Umgebung die Überreste gelobter Leben begutachtet. Denn wie Szymanski ist Sophia eine Melancholikerin des Vergangenen: Wohin geht, was einmal war? Was bleibt von dem, was nicht mehr ist? Und so nimmt Sophia uns gleichermaßen mit auf Streifzüge in die fernere und nähere Vergangenheit, wenn sie in ihrer Erinnerung nicht allein die bizarren Charaktere ihrer Familie wieder aufleben lässt - allen voran Oma Finkenrath, die nach dem Krieg als Schmugglerin ihr Dasein sicherte -, sondern ebenso die ungeschriebene Geschichte jener kleinen Orte Streifenfeld und Finkenrath, wo Hitler einmal auf Grenzbesichtigung kam und die Amis die Grenze überschritten. Dazu Sizymanski:

In diesem Wald ist Krieg gewesen, erzählte ich Amir. Die Amis kamen hier von Holland rüber. Als ich klein war, gab es hier noch viele Bunker. Da hinten sind Sandwerke, mit ganz weißem Sand, aus dem man Glas macht. Als Kinder gingen wir dorthin, es war wie der Grand Canyon. Der Klärsee ist kristallklar und türkis, man wäscht den Sand darin. Da habe ich zum ersten Mal gesehwn, was Treibsand ist. Wie die Dinge mir nichts, dir nichts verschwinden.

Mir nichts, dir nichts - da ist es wieder; jenes Staunen des Kindes, mit dem Szymanski für uns die Welt anblickt, auf dass sie uns nur umso fremder zurück anstarrt. "Wozu lebte man denn überhaupt?", so fragt sich Sophia gegen Ende des Buches. "Ich war zwar aufgebrochen, das herauszufinden, aber was ich fand, waren nur Rätsel." Das klingt in seinem schlichten Understatement so suggestiv, wie man es kennt von der Autorin - und bestätigt nur ein weiteres Mal, dass sich auch im neuen Roman all jene Ingredienzien finden, die ihn so berauschend machen: den Sound der Szymanski. Und doch bleibt diesmal ein Ungenügen zurück denn es scheint, als wäre Sand im Getriebe. So wollen sich weder die einzelnen Erzählstränge - Traumsequenzen ergänzen das Provinzporträt - so recht eine n Ganzen fügen und wirken eher disparat denn fragmentarisch. Und auch die Sprache lässt die sonst übliche melodische Glätte vermissen - da gibt es Ungelenkes im Stil, das schlichtweg knirscht. Es ist, als fehle dem neuen Roman bei aller sprachlichen wie thematischen Spitzfindigkeit das pulsende Zentrum, sein wahrhaft dunkles Herz. Vielleicht ist das ja einfach nur der Sex. In diesem Sinne, Frau Szymanski: Darf s nicht wieder ein wenig mehr Sex sein mit Mike? Szymanski:

Mike erzählte von der bösen Gangsterwelt der Rockmusik und wie er sich rächen würde an seinen Herrschern für die Demütigungen, und offerierte uns dazu eine erlesen glitschige Auswahl an Obszönitäten und Gewaltphantasien. Er flößte seine erregend ordinäre Sprache in unsere gierigen Ohren, und wir zwickten ihn begeistert in seinen struppigen Pelz wie Schneeweißchen und Rosenrot den Bären. So spielten wir die Girlies, während Mike .... wie soll man das beschreiben? So was sieht man niemals in den Medien. Aber im Leben gibt's das schon, dieses unglaublich Asoziale."

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