Montag, 18.06.2018
 
Seit 19:05 Uhr Kommentar
StartseiteEuropa heuteJugoslawien - Sonderrolle für den Vielvölkerstaat05.03.2018

68 - Europa auf den Barrikaden (1/5)Jugoslawien - Sonderrolle für den Vielvölkerstaat

Das 68er-Beben war auch in Jugoslawien zu spüren. Die Studenten im Vielvölkerstaat solidarisierten sich, auch sie waren gegen den Krieg in Vietnam und applaudierten den Protestierenden in Frankreich. Einen Umsturz des Systems wollte die Jugend Jugoslawiens nicht.

Von Rayna Breuer

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
 Studentenproteste 1968 in Belgrad (dpa / UPI)
Auf einer Kundgebung am Pfingstmontag, den 03.06.1968, im Universitätviertel in Belgrad in Jugoslawien fordern Studentenführer eine Hochschulreform (dpa / UPI)
Mehr zum Thema

68er-Bewegung "Der kapitalistische Pferdefuß lugte schon hervor"

Vor 50 Jahren Geburtsstunde der Kampfparole der 68er-Studentenproteste

"Der lange Sommer der Theorie" Geschichte der geistigen Revolution der 68er

Theoretische Auseinandersetzung Die 68er-Generation und ihre geistige Revolte

Die Kriegsgeschichten der 68er

50 Jahre 68er-Bewegung Kein Ende der Faszination?

Auf den Barrikaden Europa und das Erbe der 68er

Die 68er Bewegung - Dossier der Bundeszentrale für Politische Bildung

"Hej Sloveni" singen die Studenten. Es ist die Hymne der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien. "Genosse Tito, wir schwören auf Dich", skandieren die Protestierenden. Es ist Anfang Juni 1968.

"Im Gegensatz zu den Studenten im Westen, die die Grundlagen der Regime in Frankreich, Spanien und den USA ablehnten, haben die Studenten hier darauf insistiert, dass das Regime sein Wort hält. Dass es macht, was es versprochen hat", sagt Bozidar Jaksic, zu jener Zeit Assistent der Philosophischen Fakultät in Sarajevo und zufällig im Sommer 1968 in Belgrad. Das Regime zu stürzen, war nicht das Ziel, doch die Studierenden rüttelten heftig am Fundament. Gegen die – wie sie sagten – rote Bourgeoise, gegen die Parteibürokratie und ihre Privilegien, für mehr Chancengleichheit. Es war die Wut über eine Gesellschaft, die als heuchlerisch empfunden wurde, die die jungen Leute zum Protest trieb.

Protest der Plattenbaubewohner

"Wir wollen Arbeit", skandieren hier die Studenten. Die Ehefrau von Bozidar Jaksic, Anka, war bei dieser Demonstration in den ersten Reihen dabei.

"Ich habe in der Studentenstadt gelebt, von wo aus der Protest begann. Es waren vier gleich aussehende Plattenbauten mit grauen Fluren, wir waren zu fünft in einem Zimmer. Ohne Bad. Es war ein armes, entbehrungsreiches Leben, ohne Geld für kulturelle Veranstaltungen."

Erinnert sich Anka Jaksic.

"Als dann am 2. Juni 1968 eine Vorführung für die Mitglieder der Jugendbrigade veranstaltet werden sollte, wollten wir Studenten auch dahin. Die Jugendbrigadiere waren die Lieblinge des Regimes, sie passten in das ideologische System, sie entsprachen dem Prototypen des neuen sozialistischen Menschen und sie wollte man mit dieser Aufführung belohnen. Wir, Studenten, haben keinen Zutritt bekommen. Diese Unterschiede, dass die können und wir nicht, das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte."

Tito und das Ende der Geduld

Sie zeigt auf ein Foto. Man sieht einen Studenten auf dem Boden liegen, über ihm ein Polizist mit Schlagstock. Der Protest drohte, außer Kontrolle zu geraten. Bis die Studenten den Aufstand probten, hatte Josip Broz Tito mit seinem Modell der Selbstverwaltung Teilfreiheiten gewährt. Und auch jetzt schien es, als begegne er der Protestbewegung mit wohlwollender Sympathie. Aber was dann kam, sprach eine andere Sprache:

Viele Studenten wurden im Nachgang verhaftet. Bozidar Jaksic saß drei Monate in U-Haft, seine Frau Anka durfte beruflich nicht aufsteigen. Andere lockte Tito in den Apparat und assimilierte so den Protest durch Postenvergabe. Und: Tito zog die Zügel an, die Parteiführung beendete den Liberalisierungskurs.

Lebemann und Genießer: Der jugoslawische Staatspräsident Josip Broz Tito mit seiner Frau Jovanka in ihrem Haus auf der Insel Vanga 1956.  ( imago/United Archives International)Lebemann und Genießer: Der jugoslawische Staatspräsident Josip Broz Tito mit seiner Frau Jovanka in ihrem Haus auf der Insel Vanga 1956. ( imago/United Archives International)

Zu viel Freiheit, so die Lehre des Regimes, bekomme dem Vielvölkerstaat offenbar nicht. Die Zentralisierung der Macht, im Nachgang zum Protest der 68er, weckte andere Gegenbewegungen: Der kroatische Frühling, die Proteste im Kosovo im November 1968, all das waren Rufe nach mehr Autonomie. Der Anfang vom Ende Jugoslawiens. 

Geburtsstunden des Nationalismus

"Ich glaube, dass diese Bewegungen viel früher ihren Ursprung haben. 1968 war nur ein Test, der auf der einen Seite gezeigt hat, welche Rolle der integrative Faktor des Jugoslawentums in der Gesellschaft spielte und auf der anderen Seite, wie weit die nationalistischen Ideen gehen können. 1968 hat lediglich jene Bewegungen, die schon vor 1968 begannen, sichtbar gemacht."

Februar, 50 Jahre nach den 68er-Studentenprotesten. Im Zentrum von Belgrad wollen mehrere Menschen den serbischen Nazi-Kollaborateur Milan Nedic rehabilitieren. Anita Mitic von der Jungen Initiative für Menschenrechte war auch dabei - auf der Gegendemo.

"Wir haben sie nicht einen Satz zu Ende sagen lassen. So laut haben wir dagegen geschrien. Ich denke, es war sehr wichtig, dass wir uns dagegengestellt haben."

Seit zehn Jahren engagiert sich die 27-jährige Belgraderin für Themen wie Vergangenheitsbewältigung, Demokratie und Transparenz in der Gesellschaft.

"Leider haben wir gesehen, wohin der ganze Nationalismus der 90er geführt hat. Nationalismus hat sich in letzter Zeit institutionalisiert, es ist normal geworden. Es ist sogar eine Schande, sich nicht als Nationalist zu bezeichnen. Das ist widerlich. Viele junge Menschen identifizieren sich mit rechten Ideologien."

Besucher lesen die Namen von bosnischen Muslimen, die beim Massaker vom Srebrenica umgebracht worden. (picture alliance / dpa / Fehim Demir)Besucher lesen die Namen von bosnischen Muslimen, die beim Massaker vom Srebrenica umgebracht worden. (picture alliance / dpa / Fehim Demir)

Mehrfach wurde Anita für ihre Aktionen angeklagt - einmal wegen der Organisation einer Andacht für die Opfer des Srebrenica Massakers in Belgrad. Für Anita stehen die Zeichen für eine Versöhnung auf dem Balkan derzeit schlecht.

Wie Anita Mitic, würde auch Anka Jaksic, erneut öffentlich ihren Widerstand zeigen – genau, wie sie das 1968 auf den Straßen Belgrads getan hat.

"Ich glaube, dass die Gesellschaft einen falschen Weg eingeschlagen hat und das macht mir Angst. Wenn ich mich gegen die repressiven Formen rechter Ideologien engagieren könnte, würde ich es machen, selbst in diesem Alter."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk