Dienstag, 22.05.2018
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteKommentare und Themen der WocheDie moralische Verantwortung für Israel kennt kein Ablaufdatum26.04.2018

70 Jahre Israel Die moralische Verantwortung für Israel kennt kein Ablaufdatum

Das einzigartige Verhältnis Deutschlands zu Israel bedarf keiner weiteren Begründung, kommentiert Klaus Remme den Bundestagsbeschluss zum 70. Jahrestag der Gründung Israels. Die Verantwortung müsse auch jenseits von Resolutionen täglich gelebt werden - gerade angesichts des wachsenden Antisemitismus.

Von Klaus Remme

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Die Flaggen von Israel und Deutschland wehen am 01.06.2015 auf dem Flughafen von Tel Aviv (Israel). (picture alliance / Jens Büttner)
Zum 70. Jahrestag der Gründung Israels: Der Bundestag hat sich zum Existenzrecht Israels bekannt und zum Engagement gegen Antisemitismus aufgerufen (picture alliance / Jens Büttner)
Mehr zum Thema

Shalicar, Publizist "Deutschland beschäftigt mich sehr, nach wie vor"

Staatsgründung vor 70 Jahren Israel feiert sich 70 Stunden lang

70 Jahre Israel Kibbuz zwischen Mythos und Gegenwart

70 Jahre Israel Kibbuz als Kraftquelle des Landes

Das Bemühen um den parlamentarischen Schulterschluss war erkennbar, heute im Bundestag. Dass es aber selbst bei einem Thema wie dem 70. Jahrestag der Gründung Israels nicht möglich ist, Einstimmigkeit zu demonstrieren, ist dennoch bedauerlich.

Staat in prekärer Lage

Wer immer sich auf den Weg nach Israel macht, egal ob als Schüler, als Tourist, als Geschäftsmann oder als Politiker, der wird den Besuch nicht mehr vergessen. Über das Mittelmeer zu fliegen, in Tel Aviv zu landen, das allein vermittelt einen Eindruck von der geografischen Enge und der daraus resultierenden prekären Lage Israels. Das einzigartige Verhältnis Deutschlands zu Israel bedarf keiner weiteren Begründung. Alle Redner in der heutigen Debatte betonten die moralische Verantwortung Deutschlands für diesen Staat, dessen Gründung auf das Engste mit dem Zivilisationsbruch, der Schoah, verbunden ist. Diese Verantwortung muss jenseits von Resolutionen tagtäglich gelebt werden.

Am heute beschlossenen Antrag von Union, SPD und FDP ist wenig auszusetzen. Das ist ein Grund dafür, warum die Grünen nach der Aussprache heute trotz eigenem Antrag zugestimmt haben. Dieser zweite Antrag, der heute mehrheitlich abgelehnt worden ist, war differenzierter und ehrlicher: Die deutsch-israelische Freundschaft ist unbestritten ein hohes Gut. Wer für eine Zwei-Staaten Lösung plädiert, der wird nur glaubwürdiger, wenn er nicht verschweigt, dass die Akzeptanz dieser Lösung nicht nur, aber auch durch die israelische Siedlungspolitik verloren hat.

Beschämender deutscher Antisemitismus

An der grundsätzlich pro-israelischen Haltung lässt auch dieser heutige unterlegene Antragstext keinen Zweifel. Der wachsende Antisemitismus in Deutschland - das ist die beschämende innenpolitische Kehrseite dieses Jahrestages. Die ausführliche Passage im Antrag von Union, SPD und FDP ist vor dem Hintergrund der aktuellen Schlagzeilen mehr als gerechtfertigt.

"Antisemitismus darf kein Kollateralschaden werden." Dieser Satz wird nicht allein dadurch falsch, weil er heute von Alexander Gauland ausgesprochen wurde. Wenn Tausende von Kindern und Jugendlichen aus der Krisenregion Naher und Mittlerer Osten nach Deutschland kommen, Kinder und Jugendliche, die Zeit ihres Lebens das jüdische Volk und den jüdischen Staat als Feindbild vermittelt bekamen, dann wird sich diese Prägung nicht über Nacht und schon gar nicht von allein ändern. Zu Recht werden deshalb im heute beschlossenen Antrag unter anderem neue Bildungsangebote im Rahmen der Integrationsarbeit gefordert. Und nein, damit soll das Problem nicht allein in Richtung Flüchtlinge weggedrückt werden.

Die moralische Verantwortung für Israel kennt kein Ablaufdatum. Sie stellt sich für uns und für kommende Generationen, egal wo wir herkommen und egal seit wann wir hier in Deutschland leben.

Klaus Remme  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Klaus Remme (Deutschlandradio / Bettina Straub)Klaus Remme, geboren in Cloppenburg. Studium der Politischen Wissenschaften und Osteuropäische Geschichte in Freiburg und Wien. Berufliche Stationen: Institute for Defense & Disarmament Studies, Boston, BBC World Service, London, Norddeutscher Rundfunk. Seit 1996 beim Deutschlandfunk. Von 2007 bis 2012 Korrespondent von Deutschlandradio in Washington. Seitdem Korrespondent im Hauptstadtstudio mit Schwerpunkt Außen- und Sicherheitspolitik. 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk