Seit 04:05 Uhr Radionacht Information

Freitag, 27.04.2018
 
Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
StartseiteCorsoPsychedelisches Löschpapier16.04.2018

75 Jahre LSDPsychedelisches Löschpapier

Am 16.April 1943 entdeckte der Schweizer Chemiker Albert Hofmann LSD. Schriftsteller, Schauspieler und Musiker experimentierten mit dem Rausch. Dabei hatte die Droge enormen Einfluss auf die Popkultur: Ohne LSD hätte es kein Studioalbum "Sgt. Pepper" gegeben, bestätigte der Kulturwissenschaftler Alexander Fromm im Dlf.

Alexander Fromm im Gespräch mit Juliane Reil

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein in Folie eingeschweißter LSD-Trip mit dem Gesicht von Marylin Monroe. Lysergsäurediethylamid, kurz auch LSD, ist ein chemisch hergestelltes Derivat der Lysergsäure, die als Mutterkornalkaloid natürlich vorkommt. LSD ist eines der stärksten bekannten Halluzinogene. (picture alliance / dpa / Markus C. Hurek)
Ein in Folie eingeschweißter LSD-Trip mit dem Gesicht von Marylin Monroe. (picture alliance / dpa / Markus C. Hurek)
Mehr zum Thema

Erster LSD-Rausch vor 75 Jahren Welt in neuen Farben und Formen

Per Instagram auf der Frankfurter Buchmesse "LSD auf der Buchmesse ist lustig"

Ahnungslos im LSD-Rausch Die Menschenversuche der CIA

Aufputschmittel Nur ein kleines bisschen LSD

Gehirnforschung mit LSD Drogen nehmen für die Wissenschaft

Juliane Reil: Popmusik und Drogen – dieses teilweise fatale Wechselspiel hat eine lange Geschichte. Ohne Gras kein Reggae, ohne Ecstasy kein Techno, und auch die Hippie-Ära wäre ohne LSD wahrscheinlich nicht denkbar gewesen. Die Beatles, Jim Morrisson, Pink Floyd oder auch ein Film wie "Easy Rider" wurden von der chemischen Substanz inspiriert. Vor genau 75 Jahren entdeckte der Schweizer Chemiker Albert Hofmann LSD. Und zwar im Selbstversuch:

"Vergangenen Freitag, den 16. April, musste ich mitten im Nachmittag meine Arbeit im Laboratorium unterbrechen und mich nach Hause in Pflege begeben, da ich von einer merkwürdigen Unruhe, verbunden mit einem leichten Schwindelgefühl befallen wurde."

Der Schweizer Chemiker, Arzneimittelforscher, Wissenschaftler und Entdecker der halluzinogenen Droge LSD (Lysergsäurediäthylamid) Dr. h.c. Albert Hofmann (picture-alliance/ dpa / Gisin)Der Schweizer Chemiker Dr. h.c. Albert Hofmann (picture-alliance/ dpa / Gisin)

Albert Hofmann erlebte einen Horror-Trip. In einer geringeren Dosis konnte LSD aber auch zu einem angenehmen Rausch führen, den viele Kreative für sich entdeckten. Der Kulturwissenschaftler Alexander Fromm hat sich mit dem Einfluss von LSD auf die Popkultur – insbesondere auf die Popmusik – auseinandergesetzt. Hallo Herr Fromm.

Alexander Fromm: Hallo, ich grüße Sie.

Beginn als Experiment der CIA

Reil: Ja wie kam eigentlich LSD dann als Präparat aus dem Labor nach draußen und wurde dann zur hippen Modedroge. Können Sie uns da einen kurzen Abriss einfach liefern?

Fromm: Also einerseits Therapeuten. Man hat experimentiert, in Hollywood gab es dann mehrere. Zum Beispiel Cary Grant, war ein großer Schauspieler, der war in einer Therapiesitzung, auf der auch LSD verwendet wurde und ja, er hat darüber gesprochen, und dadurch hat sich das dann rumgesprochen, also er hat ein Interview gegeben für eine Zeitschrift, und dadurch ging es erstmal in Hollywood rum. Also warst du schon bei diesem Therapeuten, der kann und so weiter, da läuft es ja über Mundpropaganda. Und das andere wäre die CIA. Die CIA hat in den 50ern mit LSD und anderen Drogen geforscht, weil die waren auf der Suche nach einem Wahrheitsserum, haben dann auch Freiwillige gesucht, also wie hier in der U-Bahn, suche gesunde, junge Männer für irgend ein Medikament. Und so haben die das eben auch gemacht.

Reil: Also LSD war zu dem Zeitpunkt einfach legal, und...

Fromm: Es war legal bis 1966, also 66 wurde es in Kalifornien zuerst verboten, und 71 war es dann weltweit, über die UNO. Also die USA haben ihren Einfluss über die UNO geltend gemacht.

Reil: Und was war jetzt das Neue oder das reizvolle an LSD, dass Kreative und Künstler da so raufgesprungen sind, im Gegensatz zu anderen Drogen der Zeit, Cannabis zum Beispiel?

Fromm: Naja. Es ist halt eine Droge, die nicht betäubt, sondern die halt richtig in das Bewusstsein eingreift. Also das Gehirn ist hochgradig aktiv und man schaltet zum Beispiel diese Ich- und Du-Grenze aus. Also die Leute, die dann eine hohe Dosis LSD haben, die können dann nicht mehr zwischen Innen- und Außenwelt unterscheiden, die fühlen sich dann, ja, als Teil eines großen Ganzen, und das ist halt eine mystische Erfahrung, für die mussten früher die Heiligen ganz schön lange beten und meditieren. Und wenn so ein Rockstar das chemisch besorgen kann, dann macht der es halt so.

Einfluss auf die Musikgrößen der 60er

Reil: Kann man das so krass sagen: Ohne LSD keine Sergeant Peppers Lonely Heart's Club Band?

Fromm: Also aus meiner Perspektive ja, ich würde es so sagen. Ich habe halt immer so auf gut Glück recherchiert, und mir ist dann hinterher aufgefallen, Moment mal, die Musiker in den 60ern, die eine neue Schiene von Rockmusik erfunden haben, hatten in der Zeit auch Experimente mit LSD. Also ich sage mal, die Byrds, die haben den Folk-Rock erfunden, also die haben Folklore und Rockmusik der Beatles miteinander kombiniert, dann haben sie den Raga Rock erfunden, Santana hat mit LSD experimentiert und den Latin Rock erfunden, also so eine mexikanisch-spanisch angehauchte Version vom Psychedelic Rock, und so geht es durch die ganzen 60er Jahre.

Reil: Welchen Einfluss hatte LSD auf den Krautrock würden Sie sagen?

Fromm: Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss. Also es geht ja schon los, die erste Platte von Amon Düül heißt glaube ich "Psychedelic Underground", die ist von 68. Dann gibt es aus dem gleichen Jahr einen Song von einer Band, die heißt Guru Guru, und das ist "Der LSD-Marsch". Und so zieht sich das bis in die 70er hinein, also auch Kraftwerk haben am Anfang mit LSD experimentiert, und Rio Reiser 1970 sein erster LSD-Trip und danach hat er seinen Jugendtraum umgesetzt und eine Rockband gegründet, nämlich Ton Steine Scherben. Ich würde sagen, es hat schon einen enormen Einfluss, einfach weil auch zu viel darüber gesungen wird. Also es gibt zwar viele Drogen, die halt gute und schlechte Seiten haben, aber schon, dass wir über LSD reden und nicht über den Geburtstag von Heroin zeigt ja schon, dass die irgendwie eine besondere Rolle spielt in der Popkultur.

Revival in der Social Media Szene

Reil: Genau. Ohne das auch verklären zu wollen; LSD ist eine Droge, die aber nicht unbedingt abhängig macht.

Fromm: Nein, LSD macht nicht abhängig. Es ist sogar so der Fall, dass, wenn man es mehrere Tage hintereinander nehmen würde, die Wirkung verfliegt, also die Wirkung sich aufhebt. Man müsste die Dosis erhöhen und irgendwann hätte man gar keine Wirkung mehr.

Reil: 1966, haben Sie vorhin gesagt, ist LSD verboten worden. In den 80er Jahren kehrte LSD dann nochmal als Partydroge in der Techno-Szene zurück. Und ja, wir erleben ja eigentlich immer wieder Revivals von Psychedelic Rock. Warum erlebt eigentlich diese Droge kein Revival?

Fromm: Das Problem ist ja, LSD ist illegal. Und der Schwarzmarkt gibt keine Börsennotizen raus, also wir können da nur spekulieren. Aber ich habe in den letzten Jahren viel über LSD als Micro-Dosing gelesen, also angeblich gibt es ein Revival, Comeback, und das ist mehr in der Techi-Szene in Kalifornien, also die Leute, die uns hier die ganze Social Media verkaufen, Google, Facebook, Twitter. Und in den Bereichen ist Kreativität gefragt, und da soll es wohl einen Trend geben, der sich Micro-Dosing nennt, also man nimmt immer ganz kleine, ganz klitzekleinste Mengen, die keiner psychischen Wirkung an sich spürbar hinterlassen, aber die die Kreativität wohl antriggern sollen. Es ist halt noch spekulativ, manche sagen, das ist mehr eine Einbildung, so ein Placebo-Effekt, aber das ist so etwas, was ich medial wahrnehme, Micro-Dosing.

Reil: Meint Alexander Fromm, der eine Kulturgeschichte des LSD im Vergangenheits-Verlag veröffentlicht hat: Der Titel lautet "Acid ist fertig". Dankeschön, Herr Fromm.

Fromm: Gerne. Tschüss.

Reil. Bis dann.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Alexander Fromm: "Acid ist fertig. Eine kleine Kulturgeschichte des LSD"
Vergangenheits-Verlag, Berlin 2018. 200 Seiten, 12,99 Euro.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk