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StartseiteKalenderblattMelancholie in C-Dur05.03.2017

75 Jahre Schostakowitschs "Leningrader Symphonie" Melancholie in C-Dur

Inmitten des von den Deutschen belagerten Leningrads schrieb der führende Sowjetkomponist Dimitrij Schostakowitsch ein patriotisches Meisterwerk gegen Krieg, Terror und Gewalt: die "Leningrader Symphonie". Heute vor 75 Jahren wurde sie uraufgeführt - und bald darauf zum Welterfolg.

Von Thomas Zenke

Ein Schwarz-Weiß-Bild mit stark beschädigten Gebäuden in Leningrad im Zweiten Weltkrieg (picture-alliance / dpa)
Die deutsche Luftwaffe warf im Zweiten Weltkrieg Tausende von Spreng- und Brandbomben auf das belagerte Leningrad. (picture-alliance / dpa)
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Am Morgen des 22. Juni 1941 überfiel die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion. Anfang September schloss sich der Belagerungsring um die Metropole Leningrad. Die deutsche Luftwaffe warf Tausende von Spreng- und Brandbomben und zerstörte gezielt Nahrungsmittellager und Öltanks. Als die Blockade Anfang 1944 endete, waren unter der Zivilbevölkerung über eine Million Opfer zu beklagen, die meisten starben an Hunger.

Der russische Komponist Dimitij Schostakowitsch mit seiner Frau während eines Aufenthalts in Westberlin am 31. Mai 1972. Der russische Komponist Dimitij Schostakowitsch mit seiner Frau im Jahr 1972.
Für Dmitrij Schostakowitsch war es patriotische Pflicht, sich an der Verteidigung seiner Geburtsstadt zu beteiligen. Er ließ sich als Milizionär registrieren, aber willkommener war laut Stalins Direktive sein Einsatz an der so genannten "Kunstfront". Also lieferte Schostakowitsch den kämpfenden Truppen die gewünschten "Lieder der Mobilmachung". Und er arbeitete fieberhaft an seiner Siebenten Symphonie.

Sarkatisches Zitat von Hitlers Lieblingsoperette

Die Exposition des 1. Satzes erklingt in hellem C-Dur - liedhaft, aber von Melancholie umschattet. Einzelne Instrumente schwingen sich auf in höchste Lagen und verlieren sich im Pianissimo wie zuletzt die Solo-Violine. Sie wird abgelöst von dem leise einsetzenden Marschrhythmus einer Trommel und einem Pizzicato "con legno" der Geigen und Bratschen, also geschlagen mit dem Holz des Bogens auf die Saiten.

Das intonierte "Invasionsthema" zitiert sarkastisch das schal-frivole "Heut geh´ ich ins Maxim" aus Léhars "Die lustige Witwe", Hitlers Lieblingsoperette. Elfmal wird es eisern variiert  in Anspielung auf Ravels "Bolero". Es eskaliert in einem gewaltigen Crescendo aus Schlagzeugsalven und alarmierenden chromatischen Glissandi der Blechbläser. In der Reprise dann Leere und Trauer. Und wieder wird die  Trommel gerührt – ganz leise ...

"Verlorene Illusionen" könnte man das folgende Scherzo überschreiben. Übermütige Tanzrhythmen, Erinnerungen an beschwingte Episoden werden zersetzt von Gewaltmotiven, und die reich abgetönten Klangfarben wechseln zwischen Dur und Moll. Erhaben dagegen, geradezu archaisch setzt das anschließende Adagio ein. Dominiert von Holzbläsern schreitet der choralartige Satz voran wie zum letzten Geleit – bis ein plötzliches Dur eine Groteske aus schrillen Tönen und schrägen Rhythmen entfesselt. Das Finale greift "attacca" ein, verdichtet und steigert sich zu einem siegesgewissen Dennoch; indes sind Zwischentöne der Klage auch hier nicht zu überhören.

Legendäre Aufführung in der belagerten Stadt 

Schostakowitschs Leningrad gewidmete Symphonie wurde am 5. März 1942 in Kuibyschew uraufgeführt; das dorthin evakuierte Orchester des Moskauer Bolschoi-Theaters spielte unter der Leitung von Samuil Samossud. Stalin hatte auf ein internationales Echo spekuliert: Briten und Amerikaner, die Verbündeten gegen Hitler, sollten erkennen, dass es nicht zuletzt um die Verteidigung großer gemeinsamer Kultur ging.

Legendär war indes die Aufführung in Leningrad. Eine Militärmaschine hatte mit der Partitur an Bord auf "Weisung von oben" den Belagerungsring überflogen. Musiker des dezimierten Rundfunkorchesters, die in den Volksmilizen eingesetzt waren, wurden zurückbeordert; Musikern, die geschwächt vom Überleben bei den Proben rebellierten, die Streichung von Sonderrationen angedroht. Das Konzert wurde live im Rundfunk übertragen und über Lautsprecher bis zu den Schützengräben der Belagerer. Die "Heldenstadt" im Widerstand triumphierte!

Eine Frau geht in St. Petersburg auf einer Straße an der Warntafel aus der Blockadezeit vorbei. (Deutschlandradio / Robert Baag)Im heutigen St. Petersburg hängt noch eine Warntafel aus der Blockadezeit: "Bürger! Bei Artillerie-Beschuss ist diese Straßenseite am gefährlichsten" (Deutschlandradio / Robert Baag)
Ein Husarenstück war die Wiedergabe der Partitur auf Mikrofilm. Dieser wurde gleich nach der Uraufführung in Richtung Westen ausgeflogen – unter Umgehung der feindlichen Linien zunächst nach London, dann in die USA. Die Presse berichtete darüber und steigerte so die Popularität der Symphonie und ihres Komponisten. Das Cover von Time Magazine zeigte Schostakowitsch mit Feuerwehrhelm, im Hintergrund Brände und Ruinen und eingeritzt Noten der Symphonie; darunter die Zeile: "Inmitten explodierender Bomben in Leningrad hörte er die Klänge des Sieges."

Um die Aufführungsrechte bewarben sich die berühmtesten Dirigenten und die Spitzenorchester der USA. Am 19. Juli 1942 brachte NBC mit seinem Orchester unter Arturo Toscanini die amerikanische Erstaufführung - im Rundfunk.

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