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StartseiteKalenderblattGroßmeister grausamer Paradoxien02.02.2017

75. Todestag von Daniil CharmsGroßmeister grausamer Paradoxien

Nonsens, kafkaeske Bedrohung und bitterer Ernst: Diese Zutaten verschmelzen in den Texten Daniil Charms - heute ein Klassiker des 20.Jahrhunderts. Zu Lebzeiten konnte der russische Dichter indes kaum publizieren. Heute vor 75 Jahren verhungerte er im von den Deutschen belagerten Leningrad.

Von Doris Liebermann

Ein Porträt des Dichters Daniil Charms, das die Künstler Pavel Kas und Pavel Mokich auf sein ehemaliges Wohnhaus in St. Petersburg gemalt haben.  (imago / Sergei Konkov / TASS )
Ein Porträt des Dichters Daniil Charms, der Künstler Pavel Kas und Pavel Mokich auf Charms' ehemaligem Wohnhaus in St. Petersburg. (imago / Sergei Konkov / TASS )

"Begegnung. Da ging einmal ein Mensch ins Büro und traf unterwegs einen anderen Menschen, der soeben ein französisches Weißbrot gekauft hatte und sich auf dem Heimweg befand. Das ist eigentlich alles."

"Begegnung", ein kleiner Prosatext von Daniil Charms skurril und ohne Pointe, gelesen von seinem Übersetzer Peter Urban. Dessen großes Verdienst war es, den in der Sowjetunion noch lange nach seinem Tod verfemten Schriftsteller in Deutschland bekannt zu machen.

"Mich interessiert nur der 'Quatsch'"

Daniil Iwanowitsch Juwatschow, so sein richtiger Name, wurde 1905 in St Petersburg geboren. Seine Mutter war eine Adlige, der Vater ein ehemaliger politischer Gefangener. Schon als 17-Jähriger debütierte Charms unter seinem Pseudonym und verwendete noch einige andere, um mit ihnen nach Belieben das Namensschild an seiner Tür auszuwechseln. Daniil Charms: "Mich interessiert nur der 'Quatsch'; nur das, was keinerlei praktischen Sinn hat. Mich interessiert das Leben nur in seiner unsinnigen Erscheinung. Heroismus, Pathos, Schicksal, Moral, hygienisch Reines, Sittlichkeit und Glücksspiel sind mir verhasste Wörter und Gefühle."

Ab Mitte der 20er Jahre nahm Charms am literarischen Leben Leningrads teil und trug bei Abendveranstaltungen eigene und fremde Gedichte vor.

Immer wieder das Motiv der Verhaftung

Sein Ouevre weist ihn als aufmerksamen Beobachter seiner Zeit aus. Der Dichter reagierte auf den gewaltigen Umbruch von der zaristischen Epoche in die kommunistische - wie auf deren Übergang in die stalinistische. Bereits in den frühen Texten taucht das Motiv der Verhaftung auf, enden Konflikte aus nichtigen Anlässen tödlich, prügeln sich brave Bürger, bringen sich Genossen gegenseitig um. Nonsens, kafkaeske Bedrohung und bitterer Ernst gehen bei Charms eine osmotische Verbindung ein. Mit dem Wissen um die Verbrechen der Stalin-Zeit gelesen, gefriert dem Leser das Lachen im Hals, wenn die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit verwischt.

Charms-Übersetzer Peter Urban: "Aber dieser Russe sagt eben doch ganz klar: nicht seine Sachen sind alogisch oder absurd, sondern das Leben, das er beschreibt: das ist das eigentlich Absurde."

Lagerhaft wegen "feindlicher" Kinderliteratur

1927 gründete Charms zusammen mit den Schriftstellern Alexander Wwedenskij und Nikolaj Sabolotzki die Künstlervereinigung OBERIU, die "Vereinigung der Realen Kunst". In ihrem dada-ähnlichen Manifest fordern sie die Gleichberechtigung von Literatur, Film, Theater und Bildender Kunst. Ihre erste öffentliche, spektakuläre Veranstaltung fand unter dem Motto "Die Kunst ist ein Schrank" 1928 im Haus der Presse statt.

Schon zwei Jahre später wurde die Gruppe als staatsfeindlich erklärt und verboten, die Mitglieder verhaftet. Charms, der sich in dieser Zeit mit der Veröffentlichung von Kinderbüchern über Wasser halten konnte, wurde wegen "feindlicher Tätigkeit in der Kinderliteratur" zu drei Jahren Lagerhaft verurteilt, die Strafe wurde in Verbannung in die Provinzstadt Kursk verwandelt. Nach fünf Monaten durfte er nach Leningrad zurückkehren. " Unsere Lage", notiert Charms 1938, "hat sich weiter verschlimmert. Ich weiß nicht, was wir heute essen werden. Und was wir weiter essen werden, weiß ich ganz und gar nicht. Wir hungern."

Ein Koffer als "Heiligtum" 

Veröffentlichen konnte Charms seine Gedichte, seine Prosa, seine Dramen und Skizzen nicht – zu Lebzeiten erschienen außer elf schmalen Kinderbüchern nur zwei Gedichte für "Erwachsene". Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, zwei Wochen vor Beginn der Blockade Leningrads, wurde Charms denunziert, am 23. August 1941 erneut verhaftet und wegen "Verbreitung defaitistischer Propaganda" angeklagt. Peter Urban:" Da ist eben ein enger Freund von Charms, Jakov Druskin, in die Wohnung von Charms gestürzt und hat dort alles, was in der halb ausgebombten Wohnung war in einen Koffer gepackt und mitgenommen. Und er hat diesen Koffer unter Lebensgefahr immer bei sich geführt und durch die ganze Stalinzeit hindurch hat er diesen Koffer gewissermaßen als ein Heiligtum aufbewahrt."

Für unzurechnungsfähig erklärt, wurde Charms zur Zwangsheilung in die Gefängnispsychiatrie eingewiesen. Dort starb er am 2. Februar 1942 während der schlimmsten Hungermonate der Blockade Leningrads, wahrscheinlich an Unterernährung. Seine Manuskripte konnten – dank Jakov Druskin - vor der Vernichtung durch die sowjetische Geheimpolizei gerettet werden.

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