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StartseiteTag für Tag"Zur Freiheit gehört, den Koran zu kritisieren"11.03.2016

Abdel-Samad und Khorchide "Zur Freiheit gehört, den Koran zu kritisieren"

Die beiden gehören zu den bekanntesten muslimisch geprägten Menschen in Deutschland. Der eine kritisiert den Islam fundamental, der andere will ihn reformieren. Der eine ist Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad, der andere ist Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Theologie. Die beiden streiten miteinander – in einem Buch und öffentlich.

Von Marie Wildermann

l: Hamed Abdel-Samad, deutsch-ägyptischer Politologe und Autor, während einer Fernsehsendung 2013 - r:Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie, vor dem Schloss in Münster. (l: dpa picture alliance/ Karlheinz Schindler - r: Rolf Vennenbernd / picture alliance / dpa)
Hamed Abdel-Samad (l) und Mouhanad Khorchide (r) bei einem Streitgespräch, das auch als Buch erschienen ist (l: dpa picture alliance/ Karlheinz Schindler - r: Rolf Vennenbernd / picture alliance / dpa)
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Die Eingangsfrage ging an Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Theologie. Hat der Islam ein Gewaltproblem?

Khorchide erwiderte, er habe ein Problem mit der Fragestellung an sich.

"Also welcher Islam? Der Islam von Taliban, der Islam von IS, mein Islam? Islam von wem hat ein Gewaltproblem? Warum ich das sage? Weil der Islam nicht vom Himmel gefallen ist. Wir haben viele Positionen, viele theologische Schulen, auch was die Gotteslehre angeht, unterschiedlichste Positionen – und das ist alles im Laufe von 1400 Jahren entstanden."

Hamed Abdel-Samad kontert.

"Wenn wir im Koran 206 Passagen haben, die eindeutig Gewalt verherrlichen, Krieg verherrlichen, dann kann kein Mensch ernsthaft behaupten, dass dieser Prophet ein friedlicher Prophet war."

Gegen eine solche wortwörtliche Interpretation wendet sich wiederum Khorchide; genau so würden auch Salafisten mit dem Koran umgehen. Es komme vielmehr darauf an, dass der Leser die Verse in ihrem historischen Kontext versteht.

"Und nicht sie als Imperative ins Hier und Heute überträgt; sondern: Das ist eine deskriptive Beschreibung eines kriegerischen Kontextes im 7. Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel. Das und jenes ist damals passiert."

Dann geraten die beiden aneinander:

Khorchide: "Meine Methodik ist zu sagen, in jedem Text gibt es einen Geist, der dahinter ist. Geist der Barmherzigkeit ist durch und durch im Koran drin."

Abdel-Samad: "Wie zum Beispiel 'Schlagt auf ihre Hälse ein', das ist sehr barmherzig.

Khorchide: "Jetzt tust du wieder…"

Abdel-Samad: "Nein, nein, das ist ein Tenor, der sich durch den gesamten Koran durchzieht, 400 Mal Hölle und Höllenqual."

Für Khorchide sind Aussagen über die Barmherzigkeit Gottes entscheidend, Abdel-Samad hingegen sieht den Koran als Anleitung zur Gewalt.

"Der Geist im Koran ist nicht für das Leben oder für die Barmherzigkeit, sondern eindeutig für Ausgrenzung gegenüber Andersgläubigen und Nicht-Gläubigen, sogenannten Ungläubigen, aber auch eine klare Verurteilung und Aufruf zu Gewalt gegen Leute des Buches, das heißt gegen Juden und Christen."

Und so gehen die Argumente hin und her, beide Lesarten, so wird deutlich, sind im Koran angelegt. Aber es stellt sich schon die Frage, ob jener Mann, den Muslime als ihren Propheten bezeichnen, gar nichts Positives hervorgebracht hat.

Abdel-Samad: "Jeder Tyrann hat was Positives, er war mal nett zu seinen Ehefrauen, zu seinem Hund. Es gibt keinen Menschen, der 24 Stunden am Tag böse ist, in den ersten 23 Jahren hat er meditative Koranverse gebracht, die mir am meisten gefallen, die sehr berührend sind. Manchmal bekommt man den Eindruck, dass der Koran von zwei unterschiedlichen Menschen verfasst wurde."

Auch Khorchide ist gegen eine Lesart, die Gewalt und Feindseligkeit fördert. Aber Veränderungen brauchen seine Zeit, so seine Position. Er setze alles daran, Reformen voranzubringen, damit der Islam, ähnlich wie das Christentum in Europa, eine Aufklärung durchlaufen könne.

Dass die beiden Kontrahenten in ihren Zielen gar nicht so weit voneinander entfernt liegen, wird in der Schlussrunde deutlich: Forderungen an die Politik.

Khorchide: "Wichtig ist, den aufgeklärten Islam zu unterstützen, zu überlegen: Wer sind unsere Partner? Welches Islambild wollen wir? Welche islamischen Diskurs unterstützen wir? Und welche nicht? Welche Art islamischer Religionsunterricht unterstützen wir und welche nicht? Das hat die Politik in der Hand."

Darin stimmt Abdel-Samad mit Khorchide überein. Die konservativen Islamverbände würden alles daransetzen, die Deutungshoheit über den Islam zu behalten und Einfluss auf Lehre und Forschung an den Universitäten zu nehmen.

Khorchide und Abdel-Samad im Streitgespräch - das ist eine Sternstunde intellektueller Auseinandersetzung mit dem Islam, wie sie selten zu erleben ist. Und auch auf der menschlichen Ebene. Denn die beiden Kontrahenten schaffen es trotz ihrer unterschiedlichen Positionen sich zu respektieren oder auch wertzuschätzen. Mehr noch: Etwas verbindet sie.

Khorchide: "Sein Vater ist gestorben, und dann hat er was auf Facebook gepostet: "Ich würde gern beten. Betet ihr bitte!" Das war so spirituell, wenn das kein Schrei nach Liebe, nach Spiritualität ist, was sonst?"

Und Abdel-Samad antwortet:

"Ich habe Mouhanad menschlich auf einer ganz anderen Ebene kennengelernt. Er gehörte zu den Menschen, die, nachdem die Morddrohungen gegen mich ausgesprochen wurden, mich sofort kontaktiert hat und mir jede Hilfe angeboten hat und seitdem sind wir gute Freunde."

"Und wie ich eingangs gesagt habe, wenn er einmal mit seinem Konzept des barmherzigen Islam durchkommt, dann, verspreche ich Ihnen, kein islamkritisches Buch mehr zu schreiben."

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