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Seit 10:05 Uhr Gottesdienst
StartseitePolitische Literatur (Archiv)Abgesang auf einen Traum31.03.2008

Abgesang auf einen Traum

Heinz Bude über "Die Ausgeschlossenen"

Wenn es darum geht, soziale Ungleichheit zu beschreiben, dann hat sich der Dualismus zwischen arm und reich inzwischen verschärft zu einem zwischen drinnen und draußen. Die Rede ist auch von "sozialer Exklusion". Diesem Problem hat der Kasseler Soziologe Heinz Bude bereits vor zwei Jahren gemeinsam mit Andreas Willisch einen Sammelband gewidmet. Jetzt hat Bude seine Thesen zu einem düster pessimistischen Abgesang auf den Traum von der gerechten Gesellschaft verdichtet. Gabriele Gillen hat ihn gelesen.

Armut in Deutschland: Lebensmittelverteilung an Bedürftige in München. (AP)
Armut in Deutschland: Lebensmittelverteilung an Bedürftige in München. (AP)

Dass hierzulande die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, ist uns allen bekannt; auch dass die Einkommen der großen Geldvermögensbesitzer in den letzten Jahren gewaltig gestiegen, während die Löhne und Gehälter real gesunken sind. In seiner Diagnose der gesellschaftlichen Ungleichheit geht es dem Kasseler Soziologen Heinz Bude aber nicht nur um die fortschreitende Polarisierung zwischen hohen sicheren und geringen unsicheren Einkommen, sondern um soziale Exklusion, um die wachsende Zahl von Menschen, die systematisch, total und dauerhaft aus dem gesellschaftlichen Zusammenhalt ausgeschlossen sind:

"Was sie können, braucht keiner, was sie denken, schätzt keiner, und was sie fühlen, kümmert keinen."

Das galt schon immer für Obdachlose und Langzeitarbeitslose, für Drogenabhängige oder psychisch Kranke, für die so genannten Randgruppen also, die in der reich gewordenen Bundesrepublik einst mit Hilfe von Sozialarbeit oder Bildungswesen in die Gemeinschaft der Leistungsträger zurückgeholt werden sollten. Doch der Grundsatz "Leistung gegen Teilhabe" gilt nicht mehr - nicht für die, die (tief im Herzen die Angst vor dem Absturz) noch drin sind, und erst recht nicht für die, die schon draußen hocken. Diese sozial Ausgeschlossenen stellen zudem

"(…) eine Provokation für jede 'anständige Gesellschaft’ dar. Denn sie führen der saturierten Mehrheit vor Augen, dass aufgrund bestimmter sozialer Mechanismen Menschen vor der Türe stehengelassen, aus ihren sozialen Kreisen ausgeschlossen oder nach Ableistung ihres Beitrags zum Ganzen ihrem Schicksal überlassen werden."

Heute, so Bude, ist aus dem Randgruppen- ein Massenphänomen geworden, von dem Millionen betroffenen sind:

"Kinder, die in Verhältnissen aufwachsen, wo es für keinen Zoobesuch, keinen Musikunterricht und nicht für Fußballschuhe reicht; junge Leute ohne Hauptschulabschluss, die sich mit Gelegenheitsjobs zufrieden geben müssen; Frauen und Männer im mittleren Alter, die 'freigesetzt’ worden sind und keine Aussicht auf eine Wiederbeschäftigung haben; Scheinselbständige und Projektmitarbeiter ohne soziale Rechte und politische Stimme; Minijobber und Hartz IV-Aufstocker, denen es kaum zum Leben reicht; Kunden der Bundesagentur für Arbeit, die in einer Maßnahmenkarriere verloren gegangen sind; und verschämte alte Leute, die sich in ihre Zweizimmerwohnung zurückgezogen haben. Gemeinsam ist ihnen, dass sie für sich keine Perspektive mehr sehen, dass sie den Mut verloren haben und zu der Überzeugung gelangt sind, dass es auf sie nicht mehr ankommt."

Bude belegt, dass diese düstere Analyse nicht nur subjektive, sondern auch objektive Wirklichkeit ist. Der Traum von der gerechten Gesellschaft ist ausgeträumt, der Modernisierungsoptimismus der 90er Jahre hat ausgedient. Wer noch nicht aus der Mitte rausgefallen, wer noch nicht ausgeschlossen ist, hält sich die Angst vor dem Absturz mit der Verachtung der vermeintlichen Versager vom Leib. Wer in millionenschweren Verhältnissen lebt, fühlt sich in der Regel gerecht bezahlt, aber nicht zuständig.

Die große Erzählung von einer schrittweisen Bewältigung der sozialen Frage durch eine erweitere Integration der Gesellschaft ist am Ende. Das belegt der von der Soziologie längst akzeptierte Begriff der Exklusion, der Austausch der Kategorien Mangel und Privileg durch die Kategorien Ausschluss und Makel. Und Heinz Bude zeigt auf, dass die Modernisierung die gesellschaftliche Integration nicht befördert, sondern im Gegenteil die Segregation verschärft. Integration durch Differenzierung? Nein!

"Das Switchen zwischen den verschiedenen Sphären und Bezügen funktioniert nämlich nur so lange, wie Zurücksetzungen in der einen durch Höherschätzung in einer anderen Sphäre ausgeglichen werden können. Hat jedoch der Ausschluss aus einem Folgen für den Einschluss in ein anderes Subsystem, dann mehren sich die Misserfolge und verstärkt sich die Abweichung: keine zertifizierte Ausbildung, keine reguläre Beschäftigung, kein ausreichendes Einkommen, keine gesunde Ernährung, (…) kein Interesse an den politischen Angelegenheiten, kein Zugang zur Rechtsberatung, keine ausreichende Krankenversicherung (...) "

Differenzierung bedeutet so nicht Rettung, sondern Haltlosigkeit. Keine Hoffnung, nirgends. Auch stetiges Wirtschaftswachstum würde die Lage nicht zum Besseren wenden. Wachstum, so Bude, eröffne zwar Chancen für die Mobilen und Flexiblen, die auch am Wochenende ihre dienstlichen E-Mails kontrollieren und überall ihr Handy dabei haben, aber die Ausbreitung "projektförmiger Aufgabenbewältigung" und "wissensbasierter Facharbeit" verlange sogar einem Lagerarbeiter "gewisse systemanalytische Kompetenzen" ab und trage dadurch zum Ausschluss der gering oder gar nicht Qualifizierten bei. Für die bleiben allenfalls die von den Betrieben ausgelagerten "Jedermannarbeitsmärkte", auf denen die Entlohnung zum Leben nicht reicht und nach dem Prinzip des "hire und fire" gewirtschaftet wird.

Von Ausschluss bedroht sind jedoch nicht nur die Ungelernten, die Unwissenden oder die nach tiefen sozialen Kränkungen Unmotivierten. Bedroht ist auch der Mittelstand. Auf allen Ebenen und in den verschiedenen Milieus ist die berufliche und damit die gesellschaftliche Stellung prekär geworden. Armut verfestigt sich an den größer werdenden Rändern der Gesellschaft, erreicht aber auch ihre Mitte.

Bude berichtet vom sozialen Abstieg eines einst erfolgreichen Verlagsleiters, der mit Mitte 40 nach einer betrieblichen Umstrukturierung nicht mehr zum neuen Profil passte und nach Arbeits- und Statusverlust jeglichen Halt verlor. Seinem zuständigen Fallmanager im Jobcenter gilt er als genauso wenig vermittelbar wie der promovierte Mathematiker, dem die Universität nach 12-jähriger Forschungstätigkeit eine Vertragsverlängerung verweigerte.

"Die Milieus teilen sich in relative Gewinner und relative Verlierer. Es ist im Zweifelsfall eine Frage der Energie, des Geschicks und der Berechnung, aber auch eine der Gelegenheiten und des Glücks, ob die Leute in ihrem jeweiligen Viertel auf der sonnigen oder auf der schattigen Seite der Straße landen."

Wo die Verbindung zwischen Anstrengung und Erfolg derart locker wird, wächst die Angst, zu den Verlierern zu gehören, und die Anstrengung, sich von ihnen abzugrenzen. Bude erkennt im Trend zu Privatschulen, in der kontinuierlich steigenden Nachfrage nach Bioprodukten und im Boom der Sicherheitsindustrie Hinweise auf die bereits weit fortgeschrittene Spaltung der Gesellschaft. Denen, die drin sind, gelten die draußen als bildungsresistente, schlecht ernährte und gefährliche "Überschussbevölkerung", zu der es Distanz herzustellen gilt. "Soziale Entmischung" ist die Folge, gesellschaftliche Agonie die Gefahr, die aus ihr resultiert.

"Wenn die vermittelnde Kommunikation zwischen denen, die drinnen sind, und denen, die draußen bleiben, abbricht, zerreißt die soziale Spaltung das soziale Band des Zusammenlebens."

Heinz Bude belegt seine Thesen mit beeindruckenden soziologischen Miniaturen aus den Welten der Ausgeschlossenen. In Ostdeutschland zum Beispiel findet er sie vor allem auf dem Land. Dort waren 1990 noch 15 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung in der industrialisierten Landwirtschaft tätig, heute sind es gerade 2 Prozent. Die Biografien der Alten wurden entwertet, den Nachwachsenden Orientierungen und Perspektiven genommen. Die Folge war und ist eine "selektive Abwanderung."

Vor allem gut ausgebildete und ehrgeizige junge Frauen suchen ihr Glück im Westen, zurück bleiben neben den Alten träge und trotzige junge Männer, die sich an Tankstellen und auf Parkplätzen treffen und sich einig sind in ihrer "unversöhnlichen Feindschaft gegen das Bestehende" und gegen Fremde. In den von hoher Arbeitslosigkeit und Verwahrlosung geprägten Quartieren der Großstädte trifft Bude auf eine Gesellschaft,

"die den integrativen Klassenkonflikt der Industriegesellschaft hinter sich gelassen hat und an dem konfliktuösen Nebeneinander der Gemeinschaften im postindustriellen Rahmen zu zerbrechen droht."

Die sozial Ausgegrenzten bunkern sich hier in Gruppen ein und zelebrieren einen "Kult der spektakulären Lebensführung". In ethnisch organisierten Gangs drangsalieren sie sich gegenseitig, wüten aber eigentlich gegen eine "offene Gesellschaft" ohne Geborgenheit, die sie damit überfordert, selbst Verantwortung für ihr Schicksal zu übernehmen, für das es aber keinerlei Bahnen gibt.

Das Risiko sozialer Exklusion ist unter anderem besonders hoch für alleinerziehende Mütter, betroffen sind aber auch "prekäre Individualisten", die sich von Projekt zu Projekt hangeln und dabei zeitweise auf die Alimentierung durch den Rest-Wohlfahrtsstaat angewiesen sind. Das mit der Agenda 2010 eingeführte Prinzip des "Fordern und Förderns" hat ihnen ihre Nischen genommen und so auch sie ausgeschlossen.

Heinz Bude zeichnet genau das erschreckende Bild einer zerfallenden Gesellschaft und trägt damit wesentlich zur Aufklärung über die Verhältnisse bei, in denen wir leben. Das macht sein Buch für die, die hinschauen wollen, äußerst empfehlenswert. Doch scheint der Fatalismus, den er den Ausgeschlossenen attestiert, auch ihn infiziert zu haben.

Bude erzählt den Weg in die gesellschaftliche Agonie als Tragödie, aus der es keinen Ausweg gibt. Er bleibt in der Beschreibung der strukturellen Entwicklungen stecken. Doch diese Strukturen und die daraus resultierenden und zutreffend beschriebenen Verwerfungen verdanken wir der neuen totalitären Ideologie des Neoliberalismus, die Solidarität und Gemeinsinn diskreditiert. Dagegen gilt es, mit Energie und Widerstand den Traum von einer gerechten Gesellschaft wiederzubeleben. Vielleicht aber erhofft sich Bude, durch seinen vorschnellen Absang auf diesen Traum, eine mobilisierende Wirkung für seine Rückeroberung…


Heinz Bude: Die Ausgeschlossenen
Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft.
Hanser Verlag, München, 2008,
140 Seiten, 14,90 Euro

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