Forschung aktuell / Archiv /

 

Abgetaucht: Leben und Arbeiten unter Wasser

Beitragsreihe "Rückblicke auf die Zukunft"

Von Frank Grotelüschen

Heute finden sich weder Farmen noch Siedlungen am Meeresgrund, nicht mal mehr eine ständig besetzte Forschungsstation.
Heute finden sich weder Farmen noch Siedlungen am Meeresgrund, nicht mal mehr eine ständig besetzte Forschungsstation. (dradio.de)

Utopien.- Noch vor einigen Jahrzehnten hatten Forscher und Ingenieure die Vision, dass einst Unterwasserfarmer, die im großen Stil Fische züchten, das Hungerproblem der Welt lösen könnten. Doch in der Realität scheiterte die Sache mit den Tauch-Bauern kolossal.

"Das sich mit Sicherheit ausbreitende, sozial so gefährliche Hungerelend auf unserer Welt kann nur noch mit gänzlich neuartigen Methoden bekämpft werden!"

1967. In seiner Sendereihe "Auf der Suche nach der Welt von morgen" wagt der Journalist Rüdiger Proske einen Blick nach vorn – oder besser gesagt: einen Blick nach unten.

"Viele hoffen, dass in Zukunft das Meer als Quelle für Nahrungsmittel stärker herangezogen werden kann. Der Mensch hat begonnen, die Tiefe des Meeres zu erforschen und sie in seine Umwelt einzubeziehen. Er wird unter Wasser Seetiere züchten, nach Öl und Erdgas suchen, auch daraus Lebensmittel machen und nach wertvollen Metallen schürfen."

Visionen, die die Forscher in den 60er-Jahren dazu treiben, eine Unterwasserstation nach der anderen in den Weltmeeren zu versenken. Allen voran Jacques Cousteau, französische Taucher-Legende, Markenzeichen: rote Wollmütze. Zwischen 1962 und 1965 baut er gemeinsam mit der Ölindustrie die Versuchstationen Conshelf 1 bis 3. In Tiefen bis zu 100 Metern müssen Taucher, sogenannte Aquanauten, wochenlang in engen Stahlcontainern ausharren. Die Versuche glücken. Cousteau fühlt sich bestätigt.

"Man wird zunächst Versuchsfarmen anlegen. Keine Farmen für Fische, sondern für andere Seetiere. Wir wollen zunächst mal herausfinden, welches die produktivsten Arten sind. Arten, die man an einem Platz halten kann, ohne Zäune haben zu müssen. Denn auf dem Meeresgrund Zäune zu bauen, wäre natürlich Unsinn."

"Voraussetzung für solche Planungen ist die Fähigkeit des Menschen, lange Zeit unter Wasser leben zu können. Er ist heute dabei, sich diese Fähigkeit zu erwerben. Er hat bereits gelernt, in einer Helium-Stickstoffatmosphäre zu leben und unter Drücken zu arbeiten, die man früher für tödlich hielt. So gerüstet wird der Mensch bis zum Jahre 2000 die Festlandsockel der Kontinente erobert haben – zusammengenommen ein Gebiet so groß wie Afrika."

Ermutigende Ergebnisse kommen auch aus Amerika. 1964 lässt die US-Marine Sealab 1 zu Wasser: Vier Aquanauten leben und arbeiten zehn Tage lang in 65 Metern Tiefe in einem Unterwasserhaus. Das Problem: Bei solchen Tiefen herrscht ein hoher Wasserdruck. Sauerstoff wird giftig, Stickstoff wird zum Narkosegas. Deshalb atmen die Aquanauten eine Atmosphäre aus 16 Prozent Stickstoff, vier Prozent Sauerstoff und 80 Prozent Helium. Was aufgrund der hohen Schallgeschwindigkeit von Helium dazu führt, dass sich gestandene Mannsbilder anhören wie Mickey Mouse. Dennoch:

"Die Aquanauten gewöhnten sich schnell an die neue Umwelt. Das Wasser war warm, die Sicht gut. Und es gab keine Schwierigkeiten, die vorgesehenen Forschungs- und Erkundungsprogramme auszuführen. Als das Unternehmen Sealab 1 am 31. Juli 1964 schließlich zu Ende ging, war klar, dass der Mensch tatsächlich in der Lage ist, für längere Zeit auf dem Boden des Meeres zu leben!"

Der Erfolg beflügelt die Fantasien. Immer tiefer soll es gehen, immer länger sollen die Aufenthalte dauern, immer näher scheinen Unterwasserstädte, -farmen und –fabriken zu rücken.

Das ehrgeizigste Projekt folgt 1969: Sealab 3, ein 18 Meter langer Zylinder mit Platz für zehn Aquanauten. Sealab 3 soll in 185 Metern Tiefe liegen – Weltrekord für eine Unterwasserstation. Projektleiter Scott Carpenter gibt sich optimistisch.

"Wir zeigen, dass sich der Mensch der neuen Umwelt besser anpasst als all die Apparate, die wir mit herunternehmen. Wir können die Tiefe offenbar aushalten. Wir kennen nur noch nicht alle Tricks."

15. Februar 1969: 100 Kilometer vor der Küste von Los Angeles wird die Station abgesenkt. Doch dann, in 185 Metern Tiefe, bekommt die Hülle ein Leck, Helium tritt aus. Verzweifelt versuchen Taucher, das Leck abzudichten. Bei einem aber versagt das Sauerstoffgerät, er stirbt. Die Projektleitung bricht das Experiment ab. Sealab 3 ist gescheitert.

Der Unfall markiert den Wendepunkt in der Forschung. Zwar werden in den70er-Jahren noch weitere Tauchlabors getestet, darunter die deutsche Unterwasserstation "Helgoland". Doch nach und nach merkt man, dass der Mensch wohl doch nicht so geeignet ist für das Leben unter Wasser – und zwar gleich aus mehreren Gründen: So entpuppt es sich als schwierig, die Stationen so gut abzudichten, dass kein Atemgas entweichen kann. Um wieder auftauchen zu können, müssen die Aquanauten eine Woche in einer engen Dekompressionskammer verbringen. Und:

"Je höher der Druck in Unterwasserhäusern ist, umso schwieriger wird die Auswahl der Verpflegung. Rohe Eier entwickeln plötzlich giftige Gase, dehydrierte Lebensmittel verwandeln sich in Staub. Und bestimmte Speisen werden nicht mehr gar."

Schwierigkeiten über Schwierigkeiten. Die Folge: Heute finden sich weder Farmen noch Siedlungen am Meeresgrund, nicht mal mehr eine ständig besetzte Forschungsstation. Doch immerhin:

In Florida lässt sich das weltweit einzige Hotel am Meeresboden buchen: Jules' Undersea Lodge, ein ehemaliges Unterwasser-Labor, liegt bescheidene sieben Meter tief und kann gerade mal sechs Gäste beherbergen. Die allerdings dürfen keinesfalls wasserscheu sein. Denn es gibt keine Verbindung nach oben. Wer also einchecken will, der muss tauchen.

Unterwasserstädte

Conshelf I, II und III
Scott Carpenter über SEALAB
Jules' Undersea Log
SEALAB bei der Navy
SEALAB bei Wikipedia

Zur Beitragsreihe "Rückblicke auf die Zukunft"

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Forschung Aktuell

BotanikPilze sammeln im Supermarkt

Eine Frau steht zum Bezahlen in einem Supermarkt an der Kasse.

Ein englischer Pilzforscher musste nicht weit reisen, um neue Pilzarten zu entdecken: Er fand sie in seiner Einkaufstasche. Eine der neuen Arten, die der Supermarkt vor Ort unwissentlich im Angebot hatte, trägt nun den Namen "Weißer Kuh-Leberpilz".

MedizinBakterienanalyse zur Früherkennung von Darmkrebs

Bestimmte Bakterienkonstellationen im Darm könnten ein Warnsignal für Darmkrebs sein, so die Annahme einiger Forscher. Am Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie in Heidelberg will man der Hypothese auf den Grund gehen - und sucht dabei neue Wege der Früherkennung.

Umstrittenes FrackingMethan im Trinkwasser gibt Rätsel auf

Ein Fracking-Bohrturm in der Abenddämmerung. 

Fracking ist äußerst umstritten. Kritiker fürchten, dass durch das Aufpressen von Gesteinsschichten Trinkwasser verunreinigt werden könnte. In Pennsylvania und Texas haben Forscher nun über 130 Wasserproben genommen und ein Analyseverfahren entwickelt, das endlich Klarheit bringen soll.