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Abgleiten ins Radikale

Wolf Schmidt: "Jung, deutsch, Taliban", Ch. Links Verlag

In Deutschland ist eine neue Generation von fanatischen Gotteskriegern herangewachsen - darunter viele junge Männer und Frauen, die zum Islam konvertiert sind. In seinem Buch "Jung, deutsch, Taliban" geht Wolf Schmidt der Frage nach, warum diese Glaubenskrieger es riskieren, sich für ihren Kampf aus dem Leben bomben zu lassen.

Von Jan Kuhlmann

Islamische Fundamentalisten bei einer Demonstration in Solingen.  (picture alliance / dpa / Melanie Dittmer)
Islamische Fundamentalisten bei einer Demonstration in Solingen. (picture alliance / dpa / Melanie Dittmer)

Es ist nicht nur der Fanatismus der deutschen Dschihadisten, der Angst macht – ihre Bereitschaft etwa, das eigene Leben für ihren Glauben zu opfern. Unheimlich sind die zumeist jungen Muslime auch deswegen, weil sich nur schwer verstehen lässt, was sie antreibt. Wie kommen junge Menschen dazu, ihr Leben im geordneten Deutschland aufzugeben – um in Afghanistan oder Pakistan in den Glaubenskrieg zu ziehen? Nur wenige deutsche Fachleute und Autoren haben bislang versucht, die Motive der Täter zu entschlüsseln, sagt der Berliner Journalist Wolf Schmidt:

"Ganz anders als im Ausland. In Norwegen oder auch in den USA gibt es eine ganze Reihe von Think Tanks, die da wirklich nah dran sind, die das ganz genau beobachten, die Szene, die Gruppen, und so weiter und so fort. Und in Deutschland ist es erstaunlich wenig. Und das hat mich natürlich auch gereizt, zu sagen: Müsste man sich doch eigentlich mal viel genauer anschauen."

Seit mehreren Jahren beschäftigt sich der 32-Jährige mit dem Thema. Sein Buch "Jung, deutsch, Taliban" ist sehr gut recherchiert. Der Politikredakteur der linken Tageszeitung "taz" hat radikale Moscheen und Gerichtsprozesse besucht, etliche Interviews geführt und Internetseiten ausgewertet. Er wirft einen differenzierten Blick auf das Phänomen. Bei vielen der Dschihadisten sind Brüche im Leben zu erkennen: geschiedene Eltern, ein früh verstorbener Vater, schwierige soziale Verhältnisse, Drogen und Kriminalität. Und dennoch lässt sich kein typisches Profil eines Dschihadisten aufstellen.

"Es gibt Leute, bei denen erkennt man einfach nicht, was sie eigentlich dazu geführt hat, ihr Leben so radikal zu ändern. Also, sie haben in Ämtern gearbeitet, sie haben angefangen, Zahnmedizin zu studieren, hatten eigentlich ein relativ bürgerlich-gesichertes Leben – und trotzdem haben sie diesen Weg eingeschlagen. Und deswegen ist man manchmal auch ein bisschen ratlos einfach, wie es dazu kommen konnte."

Es ist Schmidt hoch anzurechnen, dass er weder wild spekuliert noch den Wissenden spielt, wo er keine genauen Erkenntnisse besitzt. So ausführlich er nämlich recherchiert hat: Wirklich nah kommt er den jungen Dschihadisten nicht. Allerdings ist dieses Manko dem Autor kaum anzulasten. Denn Interviews mit den Tätern sind fast unmöglich. Viele von ihnen sind im Glaubenskrieg umgekommen oder leben noch immer in Terrorlagern. Aussteiger gibt es kaum, schon gar keine, die offen reden wollen. Verurteilte Täter schweigen lieber. Auch betroffenen Eltern fällt es schwer, Licht ins Dunkel zu bringen, hat Wolf Schmidt beobachtet.

"Alle Eltern, mit denen ich gesprochen habe, haben gesagt, wir wussten wirklich nicht, dass unser Kind hier in so eine gefährliche Ecke abrutscht. Sonst hätten wir natürlich etwas getan. Uns ist das so nicht bewusst gewesen."

Wer in die Dschihadisten-Szene abgleitet, will damit auch immer gegen die eigene Gesellschaft protestieren. Unmut über Missstände treibt die jungen Männer und Frauen an. Der fromme Salafismus und der noch radikalere Dschihadismus stellen für sie einen Gegenentwurf zur frustrierenden Realität dar. In der Schwarz-Weiß-Ideologie mit einfachen, aber klaren Regeln finden sie Halt. Über das Internet und in Gruppen radikalisieren sie sich gegenseitig. Dass sie sich dem radikalen Islam zuwenden, ist manchmal reiner Zufall, beobachtet Schmidt.

"Ich habe immer wieder gehört bei manchen Leuten mit Biografien: Ja, also, da hätte auch die NPD um die Ecke kommen können oder Scientology und dann wären sie dort gelandet."

Schmidts Buch ist auch deshalb lesenswert, weil er weder die Gefahr verharmlost noch in Hysterie verfällt. Es handelt sich bei den Dschihadisten um eine Splitterbewegung – jedoch um eine, die zur äußersten Gewalt bereit ist. Die Kölner Kofferbomber, die Sauerland-Gruppe oder der Attentäter vom Frankfurter Flughafen – sie beweisen die Gefahr für Deutschland.

"Trotzdem glaube ich, dass viele von diesen jungen Leute in meinen Augen so etwas wie gefährliche Dilettanten sind, die auch nicht die Superbrains oder die Masterminds des Bösen sind, die da irgendwelche unglaublichen Pläne aushecken, auf die sonst kein anderer jemals käme. Manchmal kommt das ja so rüber, als ob das eine außerirdische Art von Terrorismus wäre."

Was tun gegen diese gefährlichen Dilettanten? Es ist nicht überraschend, dass taz-Redakteur Schmidt wenig von mehr Sicherheitsmaßnahmen und neuen Überwachungsgesetzen hält – wobei seine Kritik an Polizei und Geheimdiensten insgesamt milde ausfällt. Zu Recht wirft Schmidt der Politik vor, die Prävention bislang völlig vernachlässigt zu haben. Beim Präventionsgipfel des Bundesinnenministeriums seien nur Floskeln ausgetauscht worden, schreibt er. Auch die Arbeitsgruppe "De-Radikalisierung" im Gemeinsamen Berliner Terrorabwehrzentrum der Sicherheitsbehörden hat noch nichts Konkretes vorgelegt. Viele Worte also – wenig Taten. Allerdings sieht Schmidt auch die Gesellschaft in der Pflicht:

"Ich habe schon versucht, herauszuarbeiten, vor allem im letzten Kapitel, dass diese ganzen Maßnahmen, die im Bereich der Prävention gestartet werden sollten, dass das in meinen Augen eigentlich nicht der Staat machen sollte. Da haben die Behörden, da hat der Verfassungsschutz, da haben die erstmal nichts verloren, sondern das muss die Gesellschaft selber hinkriegen."

Das ist ein gut gemeinter Wunsch – allerdings einer, der kaum weiterhilft. Denn auch das muss Schmidt zugegeben: Ansätze zum Engagement gegen Dschihadismus gibt es in der Gesellschaft – mehr aber auch nicht. Hier sind dann doch die Politik und die ihr nahestehenden Organisation wie die politischen Stiftungen gefordert: Sie müssen das Problem stärker thematisieren, auch dann, wenn es gerade keinen aktuellen Anlass gibt. Das gilt im Übrigen auch für die muslimischen Verbände und Moscheegemeinden. Mit sehr viel Detailkenntnis hat Wolf Schmidt ein im Ton sachliches Buch geschrieben. Wer es gelesen hat, versteht mehr darüber, was die jungen Dschihadisten aus Deutschland antreibt.

Wolf Schmidt: "Jung, deutsch, Taliban",
Ch. Links Verlag, 208 Seiten, 16,90 Euro
ISBN: 978-3-861-53663-5

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