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StartseiteKultur heute"Abkehr vom gedruckten Journalismus und auch von Traditionen"25.07.2013

"Abkehr vom gedruckten Journalismus und auch von Traditionen"

Einschätzung des Branchenbeobachters Stefan Winterbauer zum Verkauf der Springer-Titel

Die Axel Springer AG verkauft mehrere Zeitungen und Zeitschriften an die Funke-Gruppe. Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner setze damit seine Strategie konsequent um, Springer zum führenden digitalen Medienunternehmen auszubauen, sagt Stefan Winterbauer vom Branchendienst "Meedia".

Stefan Winterbauer im Gespräch mit Karin Fischer

Ein Teil der vom Springer-Verlag verkauften Titel (picture alliance / dpa / Marcus Brandt)
Ein Teil der vom Springer-Verlag verkauften Titel (picture alliance / dpa / Marcus Brandt)
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Springer verkauft mehrere Blätter

Karin Fischer: Der Axel Springer Konzern verkauft seine Traditionstitel: Das "Hamburger Abendblatt", die "Berliner Morgenpost", die "Hörzu", "Bild der Frau", "Funkuhr", "Bildwoche" und einiges mehr geht für 920 Millionen Euro an die Essener Funke-Gruppe, das ist der frühere WAZ-Konzern. Dass das Thema mehr ist als eine Wirtschaftsnachricht, hat mit dem rasanten Umbruch in der Medienbranche überhaupt zu tun, in der die Springer AG, wie mit "Bild" vorgemacht wurde, an vorderster Front mitmischen will. Fürs digitale Zeitalter und die neuen Märkte wird der Konzern radikal umgebaut. Was mit relaxt aussehenden Kumpelbildern von Kai Dieckmann im Silicon Valley anfing, ist jetzt in einen millionenschweren Deal gegossen. - Frage an den Medienexperten und Branchenbeobachter Stefan Winterbauer: Welche Strategie genau steckt hinter diesem Deal?

Stefan Winterbauer: Nun, der Vorstandsvorsitzende von Springer, Mathias Döpfner, hat es bei einer der jüngsten Bilanz-Pressekonferenzen gesagt: Er will mit Springer das führende digitale Medienhaus Deutschlands bauen. Und was wir jetzt erleben, das ist quasi die absolut radikale und konsequente Umsetzung dieser Strategie. Es ist eine Abkehr von dem gedruckten Journalismus in weiten Teilen bei Springer und auch eine Abkehr von Traditionen. "Hörzu" und "Abendblatt" in Hamburg waren ja die ersten Medien, die Axel Springer gegründet hat.

Fischer: Die Zeitungslandschaft in Deutschland ist eine Kulturlandschaft – das kann man, glaube ich, so sagen -, die aber seit Jahren unter dem Verlust des Anzeigengeschäfts und unter dem Druck zu Fusionen leidet, was das Inhaltliche betrifft, und schon längst verdienen Medienkonzerne ja nicht mehr an Journalismus auf Papier, sondern an ganz anderen Geschäftsbeteiligungen. Ist das jetzt das lange befürchtete, aber sozusagen offiziell eingeläutete Ende des gedruckten Blattes?

Winterbauer: So offiziell eingeläutet weiß ich nicht. Es ist ja ein schleichender Prozess. Es gibt ja nach wie vor immer noch gedruckte Blätter, und sogar Axel Springer wird auch nach diesem Deal noch gedruckte Zeitungen verlegen, nämlich die "Bild"-Zeitung und "Die Welt" in verschiedenen Ausprägungen, und es wird auch noch von anderen Verlagen sicherlich ganz lange gedruckte Medien geben. Wahrscheinlich wird es die nach unseren Zeitbegriffen immer noch geben. Aber die Schwerpunkte verschieben sich. Print ist nicht mehr das tonangebende Medium, sondern Print ist rückläufig. Die Auflagen, die sinken kontinuierlich ab. Dementsprechend sinken auch die Umsätze, die Gewinne ab, und die Verlage müssen das natürlich irgendwie kompensieren, und das versucht man mit anderen Geschäftsfeldern, mit digitalen Geschäftsmodellen.

Fischer: Wenn der ehemalige WAZ-Konzern, die Essener Funke-Gruppe, jetzt das Portfolio sozusagen aufkauft, dann bekräftigt der doch andererseits seinen Glauben daran, dass Traditionsblätter noch gefragt sein werden und nicht nur in der Zahnarztpraxis.
Winterbauer: Ja, das stimmt. Die haben sogar an ihre Mitarbeiter bei der Funke-Gruppe eine interne Mail herumgeschickt nach dem heutigen Deal, wo sie reingeschrieben haben, "Wir glauben an Print". Herr Döpfner von Springer hat auch eine Mail an die Kollegen bei Springer herumgeschickt, da hat er einen solchen Satz nicht reingeschrieben. Das sind sozusagen ein bisschen die alte und die neue Medienwelt, die sich jetzt da sortiert haben.

Fischer: Sie haben die Blätter, um die es geht, als wesentlichen Bestandteil der Unternehmens-DNA bezeichnet. Wenn die Springer jetzt fehlt, fehlt dann wirklich was, oder bedient man im Netz einfach einfacher diese zersplitterten Leser-Zielgrüppchen, die ja auch heute schon mit Hunderten von Spezialzeitschriften angesprochen werden?

Winterbauer: Es fehlt natürlich irgendwo schon etwas. Das Unternehmen Springer, wie es heute sich zeigt, hat nur noch relativ wenig vielleicht mit dem Unternehmen zu tun, wie es früher einmal von Axel Springer gegründet wurde. Aber das ist eine Entscheidung, die diese Manager getroffen haben. Die haben gesagt, wir sagen jetzt bewusst, wir kappen die alten Zöpfe, wir verzichten auf die Tradition, wir setzen alles voll aufs Zukunftsgeschäft.
Die Funke-Gruppe macht eine ganz andere Strategie. Die sagen, wir glauben weiter an Print. Aber ehrlich gesagt ist diese letzte Strategie mit dem "wir glauben weiter an Print" auch ein bisschen aus der Not heraus geboren, wäre jetzt meine Interpretation, weil die haben einfach keine wirklich tragfähig erscheinenden digitalen Zukunftsmodelle zu bieten im Moment.

Fischer: Muss man sich denn nicht auch Sorgen um die journalistischen Inhalte machen?

Winterbauer: Einerseits, andererseits. Es machen sich natürlich viele Leute Sorgen darum. Dann heißt es, ja der Journalismus erlebt jetzt einen Ausverkauf oder so, hat der "Spiegel" zum Beispiel formuliert. Das würden die bei Springer natürlich ganz anders sehen. Die sagen, ja, wir investieren doch jetzt bei der "Bild"-Zeitung und bei der "Welt"-Gruppe auch in investigativen Journalismus, die "Bild"-Zeitung deckt so und so viele Geschichten auch auf neben dem ganzen Trash, den man sonst auch sicherlich darin findet. Allerdings wenn man jetzt sich die Funke-Gruppe anschaut mit ihren Zeitungen in Nordrhein-Westfalen, die vor allem durch Sparprogramme und Entlassungen in der Vergangenheit Schlagzeilen gemacht haben – wenn man jetzt nach den Rettern des Journalismus sucht, ist man wahrscheinlich bei dieser Gruppe auch an der falschen Adresse, weil da wird auch eigentlich nur gespart, es wird zusammengelegt und die sind jetzt auch nicht als Verteidiger des wahren und guten Journalismus in Erscheinung getreten in jüngerer Zeit.

Fischer: Stefan Winterbauer vom Internet-Branchendienst Meedia zum geplanten Verkauf von "Abendblatt", "Hörzu" und Co durch den Springer Verlag an die Essener Funke-Gruppe, für den das Kartellamt noch grünes Licht geben muss.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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