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Seit 06:50 Uhr Interview
StartseiteForschung aktuellAbriss ohne Spuren23.07.2007

Abriss ohne Spuren

Auch der Rückbau von Atommeilern beschäftigt Forscher

<strong>Technik. - Zwischen 1957 und 2004 wurden in Deutschland rund 110 Nuklearanlagen gebaut, darunter Kraftwerke, aber auch Forschungsreaktoren oder Wiederaufbereitungsfabriken. Eines ist allen gemein - sie werden ausrangiert und abgebaut. Wissenschaftler begleiten den technisch sehr anspruchsvollen Rückbau, um auch daraus zu lernen. Der Wissenschaftsjournalist Mirko Smiljanic berichtet darüber im Gespräch mit Gerd Pasch.</strong>

Auch nach ihrer Laufzeit bereiten Nuklearanlagen weiter viel Arbeit - beim Abriss. (AP)
Auch nach ihrer Laufzeit bereiten Nuklearanlagen weiter viel Arbeit - beim Abriss. (AP)

Gerd Pasch: Mit der Abrissbirne alleine kommt man beim Rückbau von Atommeilern nicht sehr weit, Herr Smiljanic?

Mirko Smiljanic: Man könnte sicherlich die Abrissbirne benutzen, keine Frage, besonders klug wäre das aber nicht. Das Problem sind die radioaktiv kontaminierten Materialien, also Brennelemente, die sicherlich vorher schon entfernt werden: darunter Druckbehälter, Dampfrohre und so weiter, davon gibt es eine ganze Menge in einem solchen Kraftwerk. Beim unkontrollierten Abriss würde natürlich radioaktives Material in die Umwelt entlassen und das will ja niemand.

Pasch: Wie kann man das verhindern?

Smiljanic: Da gibt es grundsätzlich zwei Wege: erstens, das Kernkraftwerk wird einfach dicht gemacht. Sicherer Einschluss heißt das, so geschehen zum Beispiel beim AKW Lingen, das bis 1977 am Netz war. Die Idee dabei sieht so aus: Mit den Jahren und Jahrzehnten reduziert sich die Strahlenbelastung, so dass nach 30 bis 40 Jahren der Rückbau insgesamt einfacher wird. Der Nachteil liegt auf der Hand, die Ruine muss die gesamte Zeit über betrieben werden, beheizt werden. Das kostet Geld, außerdem muss sie bewacht werden. Die zweite Variante sieht so aus, und diese wird häufiger benutzt: Das AKW wird abgeschaltet und sofort rückgebaut. Bekanntestes Beispiel sind die Blöcke im AKW Greifswald beziehungsweise Lubmin, das AKW Rheinsberg, aber auch Stade, Mülheim-Kärlich, Obrigheim und Würgassen sind hier zu nennen. Die radioaktive Belastung des Materials wird dabei zunächst einmal in drei Kategorien unterteilt. Das meiste, rund 95 Prozent, ist sauber und wird sofort frei gemessen und in den Stoffkreislauf entlassen. Vier Prozent sind schwach kontaminiert und ein Prozent strahlt selbst und muss in ein Endlager. Zunächst einmal wird aber das saubere Material rausgeräumt.

Pasch: Was passiert dann mit dem schwach strahlenden Material?

Smiljanic: Bei den schwach strahlenden Materialien ist es so, dass die Oberfläche kontaminiert oder verdreckt ist, also wird sie dekontaminiert, unter anderem mit Säurebädern, aber auch mit Sandstrahlgebläsen. Dazu zählen zum Beispiel auch Rohre, die mit radioaktivem Dampf in Berührung gekommen sind. Zum Beispiel beim Siedewasserreaktor Gundremmingen A ist das der Fall: Turbinen, Kondensatoren und so weiter. Alles, was anschließend frei gemessen werden kann, kommt sofort in den Stoffkreislauf zurück, der Rest wandert für 70 Jahre ungefähr in ein Zwischenlager. Gleiches gilt natürlich für die stark belasteten Teile wie Druckbehälter.

Pasch: Müssen eigentlich Spezialwerkzeuge für den Rückbau eingesetzt werden?

Smiljanic: Bei den 95 Prozent des normal belasteten oder des gar nicht belasteten Materials nicht. Man kann trotzdem nicht mit der Abrissbirne arbeiten, man muss es wirklich Stück für Stück heraussägen, ganz vorsichtig frei messen und so geht es immer weiter. Das dauert entsprechend sehr lange. In den kritischen Bereichen muss man allerdings wirklich Spezialwerkzeuge haben: zum Beispiel gibt es Roboteranlagen, die unter Wasser große Werkstücke schneiden und zertrennen können. In den 70 Jahren der Zwischenlagerung ist die Strahlung so weit abgeklungen, dass der Rest als schwach strahlendes Material entsorgt werden kann. Dann wandert es in den Schacht Konrad, so ist es zumindest politisch zurzeit vorgesehen. Der Rest wandert dann in ein hoffentlich existierendes Endlager.

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