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StartseiteBüchermarktAbschied vom Schweigen08.02.2011

Abschied vom Schweigen

Friederike Roths "Abendlandnovelle". Suhrkamp Verlag

"Abendlandnovelle" ist nach über einem Jahrzehnt Publikationspause ein Neuanfang für Friederike Roth. Doch reine Prosa legt die Lyrikerin auch diesmal nicht vor. Die neue "Novelle" ist eher ein prosaisches Langgedicht.

Von Anja Hirsch

Friederike Roth 1983 bei der Verleihung des Ingeborg-Bachmann-Preises. (picture alliance / dpa)
Friederike Roth 1983 bei der Verleihung des Ingeborg-Bachmann-Preises. (picture alliance / dpa)

"Tollkirschenhochzeit" hieß der erste Lyrikband von Friederike Roth. Erschienen war er 1978, in einer Zeit, von der man später sagte, Autoren transportierten ein neues Ich-Gefühl. Man misstraute der verrätselten Nachkriegslyrik, wollte aber zugleich, wie etwa Nicolas Born, weg vom "Ausstattungsgedicht, von Dekor, Schminke und Parfüm". Amerikanische Poeten wie William S. Bourroughs waren en vogue, filmische Montage - etwa bei Rolf Dieter Brinkmann - willkommenes Handwerk für den Bau eines Gedichts. Friederike Roth, damals 30 und gerade frisch promoviert mit einer Arbeit über den Soziologen Georg Simmel, bediente keinen dieser Trends. Sie ließ Erwachsene in kühlen Formeln verunsicherte Kinder beschwichtigen, die noch an "Honigschlecken" glaubten; sie erzählte in abgründig verspielten Versen von Bräuten mit "milchweißer Blume und schwarzer Wurzel", die aussahen, als könnten sie "das Feuer noch einmal erfinden". Und sie sparte nicht aus, wie es dann endete mit diesen milchweißen Bräuten, wie sie auf "Irrwurz" traten. Enttäuschte Liebe durchzog diese frühen Gedichte.

Friederike Roth: "Ich denke, dass komischerweise in jüngeren Jahren ich eher mit dem Konstatieren von höllenhaften Zuständen beschäftigt war und auch diese Ahnung, das mit diesem Abendland und diesem Fortschritt kann nicht ewig so weitergehen beziehungsweise auch mit einer Biografie - man wird geboren, man heiratet oder wie auch immer, und a und b und c, dann kommt die Großmutter wieder rein, und je jünger ich war, um so weniger habe ich das wirklich Verletzende dieser Diskrepanz empfunden und konnte Dunkelheit stehen lassen."

Heute ist Friederike Roth, lange als Hörspieldramaturgin tätig, 62 Jahre alt. "Abendlandnovelle" ist nach über einem Jahrzehnt Publikationspause ein Neuanfang. Krankheit und die Scheu, den eigenen Tonfall nur noch nachzumodellieren, hatten die Autorin gebremst:

"Diese Literaturbetriebsdynamik, die wirklich dazu führen kann - bei mir war das wirklich: Ein Preis zog den anderen nach sich - und diese Dynamik hat mich wirklich so misstrauisch gemacht, weil ich irgendwann gemerkt hab, ich hab am frühesten gemerkt, dass ich mich selber nachmache und imitiere."

Reine Prosa legt sie auch diesmal nicht vor. Die neue "Novelle" ist eher ein prosaisches Langgedicht in Form eines Tryptichons - eine angemessene Form für diese punktgenau rhythmisierte Sprachkomposition, die gleichwohl die alte Handschrift wohltuend erkennbar werden lässt. Alles, was nach "Tollkirschenhochzeit" bis Anfang der 90er-Jahre erschien, schwankt zwischen Vers und Erzählung, zwischen Finsternis und Stern. Die gefeierten Lyrikbände tragen Namen wie "Schieres Glück", verheimlichen aber nicht den schwarzen Vogel, das Dunkel, das nach den Menschen greift. Immer deutlicher durchzieht den frühen Schwermutszauber mit den Jahren dann ein kühner, abgeklärter Ton; eine Lust, alles ins Groteske zu kippen. In der Erzählung "Ordnungsträume" trägt der Gelehrte Pfaff einer Schildkröte verstörende Monologe vor; im Theaterstück "Der Ritt auf die Wartburg" suchen drei frustrierte Frauen ihr Glück im sagenhaften Osten. Roths Sprachstücke taumeln zwischen Atlantis und Hölle. Mythen spielen darin schon immer eine wichtige Rolle - als Hoffnungsträger, die zugleich ihre Splitter herzeigen. "Abendlandnovelle" erzählt nun von dem wohl zwiespältigsten Mythos, der uns seit Jahrhunderten eingeflüstert wird: dass die abendländischen Werte - griechische Demokratie, römisches Recht - Heilsbringer sind, gleichsam Ordnungsstifter der Welt.

"Der leise Zweifel, der sich bei mir in den letzten Jahren immer stärker eingestellt hat, an den sogenannten Errungenschaften der abendländischen Zivilisation, die haben sich eben einfach verstärkt, durch das Festklammern an Individualität, an Interessendurchsetzen - die Kehrseite von solchen Medaillen ist ja immer dann die Konkurrenz, die Einzigartigkeit, das Streben nach Mobilität, das Streben nach noch mehr Fortschritt, nach noch mehr Wachstum, und irgendwann, denke ich, fängt man als halbwegs normal denkender Mensch sich an, zu überlegen: Wohin führt eigentlich eine Fortschrittsvorstellung, die die Lösung sein soll und sich aber darstellt wie die nach oben offene Richterskala? Also irgendwann - wo soll's denn noch hin fortgeschritten werden?"

Friederike Roth setzt den Spaten tief und weniger abstrakt, als man vermuten könnte. Der erste von drei Teilen ist eine Meditation über das Anfangen. Keineswegs gewendet als die hinlänglich bekannte Angst vor dem weißen Blatt. Eher ist es eine vorgeburtliche Feier der Erwartung: Die vibrierende Ruhe perlt. Lieber nichts ändern an der Jungfräulichkeit dieses Augenblicks vor allem Schöpfungsakt. Wie Miniaturikonen, die am Rande schon abblättern, fügen sich die Sprachbilder aneinander. Manche Sätze laufen einfach ins Leere, verstummen noch vor dem letzten Wort, als wachte man plötzlich auf inmitten eines zu schönen Traums. Kritische Stimmen schieben sich ein. Soll man wirklich einen Schritt wagen und alle anderen möglichen Schritte dafür verwerfen? Und was folgt dem ersten Kuss? Alles "Sprechblasen, leer"; die Liebe - "eine gläserne Treppe zum Himmel ins luftige Nichts". Wann fing überhaupt diese ganze "Begehrerei" an? Wie unter einem Vergrößerungsglas erscheint das ewige Hin- und Hergezerre der Paare als eine skurrile Choreografie und die Partner als "Hase- und Igeleinheit", nie zeitgleich am Glück bringenden Ort. Im erschöpften Rückblick schüttelt man verwundert den Kopf und wälzt naturgemäß die philosophische Grundfrage schlechthin: Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? Bei Roth ist diese Zeile zum Seufzer gewandelt, eher trockene Diagnose: "Einfach da/alles was ist und nicht vielmehr nicht ist/(dieses ewige Rätsel)."

"Es ist kein Klagegesang im Sinne eines Lamento, geschweige denn im Sinne einer pädagogischen Feststellung, um dann Kassandra-mäßig zu sagen: Eigentlich müssen wir's so machen und so. Es klagt, aber es jubiliert auch zum Teil."

Der Mittelteil klopft noch geduldig ab, was hoffen ließ: Märchen, Wiegenlieder, "Kindheitsflaum". Später dann die Religion. Doch "der Herr" betrachtet selbst nur aus sicherer Entfernung den schleichenden Abendlanduntergang. Er lächelt entrückt über diese Oper aus Täuschung, Lüge, Manipulation. Ein Notboot bietet er zur Rettung des Abendlandes höchstens an, mit Platz für nur wenige. Ganz allmählich also weitet sich so der Blick. Es geht weg vom Einzelnen, weg vom ersten Kuss, hin zur ersten Pyramide, zur großen Menschheitsgeschichte. Sie erscheint in Roths Text freilich nicht minder merkwürdig. Warum zum Beispiel kommen Menschen plötzlich auf die abstruse Idee, aus einem Schwanenknochen eine Flöte zu bauen? Sie gilt gemeinhin als ältestes gefundenes Musikinstrument, einzig und allein erfunden, um schönen Klang zu erzeugen:

"Das ist bei mir schon ein bisschen das zweite Thema: Das Verhältnis von Natur und ihrer Geschichte zur Menschheitsgeschichte. Und Menschheitsgeschichte fängt ja irgendwann mal an, während Natur - das wird ja allemal noch nicht so ganz klar gesehen, wie diese Urknallnummer ablief. Interessieren würde es mich auch, aber deswegen liest man natürlich naturwissenschaftlich neueste Entwicklungen, ist ja auch alles ganz wunderbar, aber irgendwann sagt man: Warum hat Natur sich zu menschlichem Bewusstsein hin entwickelt?"

Friederike Roths "Abendlandnovelle" ist Abrechnung und Stundengebet zugleich, aufgespannt zwischen dem Sehnsuchtsort Orplid, der hier als Zitat aus einem Mörikegedicht aufblitzt, und dem Tod, der stille Fermaten in diesem Text setzt. Ein kleines Wunder, das dieses "sich halbwegs zum Ende hinexistieren", wie es einmal heißt, tatsächlich zusehends an Schwerkraft zu verlieren scheint. Das liegt vor allem an einer Sprache, von der man sich abstoßen kann wie von einer federnden, alles mitbedenkenden Textfläche. Ähnlich wie etwa bei Elfriede Jelinek werden auf verschiedenen Ebenen riskante Sehnsüchte vorgeführt - allerdings formal nicht in ausschweifender Manier, sondern zu virulenten Punkten verengt. Also ein politischer Text?

"Ich habe ein bisschen ein Problem mit Literatur mit gesellschaftspolitischem Anspruch, weil das genaue Beobachten dessen, was man beschreibt, fast zwangsläufig Hand in Hand geht mit einer ganz bestimmten Haltung, und sei es die des Zweifels, sei es die des Anarchischen, des Subversiven, und das ist natürlich politisch. Und ich denke, wenn ich diese Welt, in der ich lebe, so wunderbar und toll fände und keinerlei Zweifel an der hegen würde, dann würde ich nicht schreiben. Dann gäbe es ja nix zu sagen."

Die "Abendlandnovelle" nimmt zugleich Abschied - vom Schweigen, das angesichts aller Umstände die einzig mögliche Konsequenz wäre. Gegenentwurf ist hier die genaue Arbeit an der Sprache, das Vertrauen auf den eigenen, unverwechselbaren, eine bestimmte Form erzwingenden Ton. Abgenutzte Begriffe wie "Heimat" blitzen kurz auf, aber nur, um neu befüllt zu werden - als "zartes Dazwischen". Und wenn man glaubt, es schleiche sich ein klischeehaftes Bild ein, weißer Schnee und rote Kirschen, entkräftet die nächste Passage in diesem Langzeitgespräch jeden Vorbehalt: Die erzählende Stimme führt ihr Misstrauen gegen den eigenen Text, gegen verführerisch ausgerufenes Glück immer schon mit sich - und holt trotzdem aus, wütend, lachend, regelmäßig unterbrochen und stets nah an den Toten mit ihrem "nach innen gekehrten Lächeln".

"Ich denke, dieser sogenannte Dialogpartner, also dass da andere Stimmen reinkommen, die sind wirklich polyvalent. Das hat sich beim Schreiben aber zwangsläufig so ergeben, kaum hatte ich eine Gewissheit, wie ich dachte, hingeschrieben, meldete sich schon der Gegner dieser Gewissheit beziehungsweise der, der immer sagte: Wäre ja schön, wenn."

Ähnlich wie im postdramatischen Theater der 90er-Jahre geht es auch bei Friederike Roth weniger um Spannung und Auflösung, eher um das haarscharfe Benennen von Gesten und Diskursen. "Abendlandnovelle" bietet verschiedene, auch drucktechnisch eingerückte Schaltflächen, auf denen vorgeführt wird, wie glänzende Sprachikonen zu modernen Icons verfallen, zu Abziehbildern eines Kreislaufs, der weder Anfang noch Ende hat. Beziehungen und Gefühle sind Wirtschaftssysteme, Labyrinthe hin zur letzten Pflegestation, auf denen der Mensch keineswegs die gut gefüllten Archive seiner Erinnerungen durchpflügt, sondern wirr herumtappt - im "Nebelgedächtnis", "Mehltaugedächtnis", "Schimmelgedächtnis". Der Text lebt aus Sprachgebilden wie diesen, ohne davon überdüngt zu werden. Mitunter bringt er über der großen Idee eine lebensernste Stille hervor - und daneben sogar ein kleines Vergnügen am Ornamentalen dieses grotesken Kreislaufs:

"Ja, ich kann ja wirklich keine Lösungen anbieten, aber ich kann dazu ein bisschen vielleicht auch verführen, dass man es einfach nur sich anguckt und drüber staunt oder drüber lacht, obwohl es thematisch der Ausgangspunkt derselbe ist zu den früheren Texten."

Friederike Roths "Abendlandnovelle" ist im Suhrkamp Verlag erschienen, Berlin 2010. Es hat 101 Seiten und kostet 15,90 Euro.

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