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StartseiteHintergrundDer gefürchtete Wellensalat ist Geschichte17.12.2015

Abschied von der MittelwelleDer gefürchtete Wellensalat ist Geschichte

Eine Ära geht zu Ende, wenn an Silvester die letzten Mittelwellensender in Deutschland abgeschaltet werden. Damit ist der Übergang in das digitale Zeitalter unwiderruflich vollzogen. Viele schauen auch wehmütig zurück auf dieses große Kapitel Radio, wie wir aus den Reaktionen und Zuschriften der DLF-Hörer wissen.

Von Marcus Heumann

Altes Deutsche Welle Gebäude in Köln mit Deutschlandfunk im Vordergrund (imago)
Ende des Jahres schaltet der Deutschlandfunk seine sieben Mittelwellen-Sender ab. Doch die Mittelwelle zu erhalten, wäre teuer - und ist auch nicht mehr der neueste Stand der Technik. (imago)
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"Wellensalat: Durcheinander, Nebeneinander sich gegenseitig störender Mittelwellen-Sender, die auf fast gleicher Welle senden."

So definiert der Duden einen Begriff, der auf einer imaginären Liste vom Aussterben bedrohter Wörter sicher einen prominenten Rang einnehmen würde und der sehr bald wohl nur noch Funkamateuren und DXern, den Freunden des Radio-Fernempfangs, geläufig sein wird. Denn je mehr Sender im Zuge der Digitalisierung von den amplitudenmodulierten, also den AM-Frequenzbändern des Radiogeräts verschwinden, umso weniger kommen sich in die Quere - der von unseren Eltern und Großeltern noch gefürchtete "Wellensalat" ist damit wortwörtlich "von gestern".

Es endet ein Stück Radiogeschichte

Am 31. Dezember 2015 werden mit der Abschaltung der Mittelwellensender von Deutschlandradio die letzten deutschen Stationen aus diesem Frequenzbereich stillgelegt - ein Jahr, nachdem zu Silvester 2014 bereits die Langwellen des nationalen Hörfunks verstummten. Und es ist keine Übertreibung, zu konstatieren, dass damit ein Stück deutscher Radiogeschichte endet- in Berlin bei Deutschlandradio Kultur wie auch beim Deutschlandfunk in Köln.

Denn Rundfunkhören in Deutschland - das bedeutete bis an die Schwelle der 50er Jahre Empfang auf Mittel- und Langwelle, in Kriegs- und Nachkriegszeiten mitunter auch über Drahtfunk. Der danach einsetzende rasche Siegeszug der Ultrakurzwelle in Europa war ein Resultat des 2.Weltkrieges: Auf der Kopenhagener Wellenkonferenz, bei der 1948 die internationale Frequenzvergabe auf Mittel- und Langwelle neu geregelt wurde, blieben deutsche Vertreter als Kriegsverlierer außen vor; das Resultat war entsprechend:

"Und zwar ist es hier zu einem Vorgang gekommen, der mit Recht in der deutschen Öffentlichkeit als eine Demontage der deutschen Wellen bezeichnet worden ist. Wir haben von den 18 Wellen, die wir vorher hatten, insgesamt nur 8 Wellen in allen vier Zonen behalten."

Bilanzierte im März 1950 der CDU-Abgeordnete Rudolf Vogel im Deutschen Bundestag. Während aber die sowjetische Besatzungszone bzw. DDR auf die Überlassung von Frequenzen zählen konnte, die ihr die Sowjetunion zur Verfügung stellte, trieb die junge Bundesrepublik vorrangig den Aufbau eines UKW-Netzes voran - und machte damit aus der Not zumindest qualitativ eine Tugend:

O-TON NWDR (Hörer der Ultrakurzwelle West): "Ja, das gesprochene Wort ist so klar, also es ist einem so nah, es ist so persönlich. Besonders auch die Hörspiele. Wenn ich die gegen Mittelwelle vergleiche, dann kommt es mir vor, dass - weil ich erblindet bin - dass ich sehe im Theater, als ob ich im Schauspiel wäre."

Doch wie ihr Name schon sagt: Die Ultrakurzwelle taugte aufgrund ihrer geringen Reichweite nicht für grenzüberschreitende Programme. Dass für solche ab 1953 auch in Westdeutschland neben den in Kopenhagen zugestanden Mittelwellen wieder eine Langwelle betrieben werden konnte, war nur mit Zustimmung der Alliierten Hohen Kommission möglich, die dem Nordwestdeutschen Rundfunk erlaubte, den ehemaligen Reichssender Hamburg von Mittel- auf Langwelle umzubauen.

Mit einer extrem schwachbrüstigen Sendeleistung strahlte er fortan ein Versuchsprogramm aus, das zunächst nur aus Musik und einem einmal pro Stunde gesendetem Testton bestand. "Reichskneipensender" wurde im Volksmund das namenslose, gern in Gaststätten als Hintergrundberieselung genutzte Programm genannt, das sich ab 1958 mit der Stationsansage "Deutscher Langwellensender" meldete und inzwischen auch Nachrichten und Wortbeiträge, übernommen vom NDR, sendete.

Altes Radio (Stock.XCHNG / mikael cronhamn)Altes Radio (Stock.XCHNG / mikael cronhamn)

Das Pausenzeichen des Deutschen Langwellensenders belegt dabei schon akustisch, welcher Sender wenige Jahre später aus ihm hervorgehen sollte: Der Deutschlandfunk. Ende der 50er Jahre stand die Bundesrepublik noch immer fast unbewaffnet im Kalten Ätherkrieg da, in dem die DDR mit ihren leistungsstarken Mittel- und Langwellensendern - darunter der speziell an westdeutsche Hörer gerichtete "Deutschlandsender" - technisch haushoch überlegen war. Nachdem im November 1960 mit dem Gesetz über die Errichtung von Rundfunkanstalten des Bundesrechts die juristischen Voraussetzungen geschaffen worden waren, holte die Bonner Republik ein halbes Jahr nach dem Mauerbau endlich zum grenzüberschreitenden medialen Gegenschlag aus.

"Als Schüler auf dem Weg zur Ingenieurschule, hörte ich immer an der Ostsee Langwelle 153 ganz rechts. Es hieß immer nur, der Sender ganz rechts, den müssen Sie mal anwählen, bekomme Sie gute Nachrichten, bekamen Sie erst mal eine gute Musik, das war ja eine Versorgung aus dem Sender in Moorfleet bei Hamburg, so ging es ja mal los."

Jürgen Kablitz, langjähriger Sendeleiter des DLF.

"Und dann gab es die Frequenzen 549 Kilohertz und 756 Kilohertz mit der Zielsetzung, dann auch noch weitere Frequenzen zu bekommen. Die weitere Ausbaustufe war dann die 1.539 Kilohertz, und dann, ganz wichtig, die 1.269 Kilohertz, die dann ja auch zur Frequenz wurde für den Seewetterbericht und die Seewarnnachrichten."

Ganze 20 Kilowatt Sendeleistung waren dem Hamburger Langwellenstrahler in Billwerder-Moorflet zugestanden worden, der dort bis Ende 1962 - nun mit dem Deutschlandfunk-Programm- seinen Dienst verrichtete. Parallel startete die erste DLF-Mittelwelle in Mainflingen, ebenfalls mit einer Leistung, die gemessen an den Sendestärken der Ostblocksender und unter Berücksichtigung der Spezifika dieses Wellenbereiches, ein schlechter Witz war.

"Der Bereich in Mittel-, Langwelle, der hat ganz unterschiedliche Empfangs- und Übertragungseigenschaften, abhängig von der Tageszeit, abhängig auch von der Jahreszeit."

Reinhard Deuscher, Leiter der Abteilung "Programmverbreitung" im Deutschlandradio.

"Das heißt, es kann Ihnen passieren, dass Sie tagsüber das Signal relativ gut empfangen, und abends empfangen Sie – das kennen Sie vielleicht auch, diesen Effekt –, dann empfangen Sie auf einmal viele Sender gleichzeitig, die überlagern sich, das ist einfach die Physik, weil abends der Raumwellenanteil überwiegt, und die Leitfähigkeit der Schichten über der Erde ändern sich, und dadurch werden diese Wellen viel weiter transportiert. Das heißt, Sie haben extrem unterschiedliche Übertragungseigenschaften."

"Die, sagen wir mal, damaligen Ostblocksender waren ja enorm leistungsstark, und das war eigentlich unser größtes Problem. Man hat das nicht gezielt auf unsere Frequenzen gesetzt, zu stören, sondern man hat auf der gleichen Frequenz oder der benachbarten überlagernden Frequenz so hohe Leistungen aufgebaut, dass wir schlichtweg weggedrückt wurden."

Zum Beispiel von der jugoslawischen Station aus Novy Sad oder dem rumänischen Sender Brasov. Noch im November 1964 war die Empfangssituation so unbefriedigend, dass sich ein empörter Herbert Wehner im Bundestag den Staatssekretär im Bundesministerium für Post- und Fernmeldewesen, Hans Steinmetz vornahm:

"Und ich möchte deshalb fragen, ob das Ministerium bereit ist, ernsthaft nachzuprüfen und dem Bundestag zu sagen, weshalb Zonensendungen jederzeit und überall, in jeder Stärke, in jedem Nachbarland hörbar, aber der Deutschlandfunk nur selten, nur bruchstückweise und nur zu bestimmten Nachtzeiten hörbar ist."

Zu diesem Zeitpunkt sendete der Deutschlandfunk – abgesehen von der ebenfalls nach Mainflingen verlegten und dort auf 50kW Sendeleistung hochgefahrenen Langwelle – auf der Mittelwelle mit 200 Kilowatt aus Königslutter bei Braunschweig, 20 Kilowatt aus Ravensburg und eben aus Mainflingen mit 300 Kilowatt. Eine flächendeckende Versorgung Gesamtdeutschlands lag damit noch immer in weiter Ferne - von den europäischen Nachbarländern ganz zu schweigen.

Ein umfassendes Bild Deutschlands in Rundfunksendungen für Deutschland und Europa zu vermitteln – so lautete der Programmauftrag von Deutschlandfunk bis Ende 1993, als die europäischen Fremdsprachenprogramme mit der Gründung von Deutschlandradio zur Deutschen Welle wechselten. Dass für den erwähnten damaligen Programmauftrag ein Netz leistungsstarker Mittelwellensender unabdingbar war, lag auf der Hand.

in Sessel neben einer Anrichte mit Fernsehgerät und Radio aus den 50er-Jahren (imago / Westend61)Ein Sessel neben einer Anrichte mit Fernsehgerät und Radio aus den 50er-Jahren (imago / Westend61)

Doch für den Deutschlandfunk bedeutete dies einen Kampf an zwei Fronten: an der rundfunkpolitischen und an der Technischen. Die anderen Anstalten der ARD zeigten wenig Neigung, dem DLF für die Verwirklichung seines gesetzlichen Auftrages wenigstens einen Teil ihrer eigenen Mittelwellensender zur Verfügung zu stellen. Und so musste Intendant Franz Thedieck noch 1967 anlässlich der Einweihung der zweiten Langwelle in Donebach im Odenwald eine ambivalente Bilanz ziehen:

"Wir benötigen zur Erfüllung unserer Aufgaben mindestens drei überregional bei Tag und bei Nacht einwandfrei hörbare Mittelwellen-Sender, damit wir einerseits unser 24stündiges deutschsprachiges Programm zu voller Wirkung bringen können und andererseits unser zur Zeit zehn, im Laufe der nächsten Monate elf Fremdsprachen umfassendes Programm zu günstigen Tageszeiten ausstrahlen können."

Erst durch abenteuerliche Frequenz-Tauschaktionen unter Beteiligung diverser alliierter Soldatensender entstand bis Ende der 60er Jahre ein Sendernetz auf Mittel- und Langwelle, das dem DLF-Programmauftrag entsprach. So ging ebenfalls 1967 etwa die leistungsstarke Mittelwelle Neumünster in Betrieb. Zum 20. Jubiläum der Sendeanlage 1987 bilanzierte der zuständige Amtsvorsteher des  Fernmeldeamtes Kiel, Uwe Frey, im Deutschlandfunk den technischen Aufwand:

"Es war wichtig, dass das Grundstück für das Gebäude möglichst trocken war, für die Erdungsanlagen wurde hingegen ein Grundstück mit hohem Grundwasserspiegel gesucht. (...)Im Jahre 1986 haben wir mit einem Kostenaufwand von 6,5 Millionen D-Mark zwei neue 300-Kilowatt-Sender errichtet, die wesentlich weniger Verlustwärme produzieren und damit erheblich wirtschaftlicher arbeiten. Wurden bei den alten Sendern pro Stunde 500 Kilowatt Verlustwärme frei, die ausgereicht hätten, um 80 Wohnungen zu beheizen, so müssten bei den heutigen Sendern 50 dieser Wohnungen unbeheizt bleiben."

"Ich glaube, das entscheidende Manko ist auch, bei einem Weiterbetreiben von AM-modulierten Sendern, also das gilt für Kurzwelle, Mittel- und Langwelle, der Primärenergieaufwand ist unglaublich. Dazu die Senderöhren, die einen sehr hohen Einzelpreis hatte, weil ja auch der Bedarf so klein war."

Anno 1974 mussten sich im europäischen Mittelwellenband rund 1.600 Sender ganze 121 Kanäle teilen. Der Kopenhagener Wellenplan von 1948 war unterdessen nur noch formal gültig. In der Realität hatte sich längst eine regelrechte "Frequenz-Freibeuterei" im europäischen Äther breitgemacht. Eine neuerliche Wellenkonferenz in Genf sollte 1975 das Chaos ordnen. Immerhin erreichte der Deutschlandfunk dort die Bestätigung des Status quo: Er durfte seine Langwellen- und Mittelwellensender behalten, Letztere allerdings mit einer Frequenzerhöhung um jeweils ein Kilohertz. Es folgten jahrelange Einzelverhandlungen mit der DDR, der Sowjetunion, Rumänien und Jugoslawien, deren Sender auf den gleichen oder benachbarten Frequenzen arbeiteten wie der DLF.

Vereinbarungen über Sendeleistung und Antennenausrichtung, separiert nach Tages- und Nachtbetrieb, sollten den schlimmsten Wellensalat verhindern.

Wie sehr aber dennoch die Programmplanung des DLF von den physikalischen Gesetzen der Mittel- und Langwellenausbreitung bestimmt blieb, offenbart sich z.B. durch den folgenden Ausschnitt aus der populären Hörerwunschsendung "Der Aktuelle Plattenteller" mit Carl Ludwig Wolf:

"Wir kommen zu einem Dreifachwunsch: "Smoke on the water" mit Deep Purple. Carmen aus Bissingen wünscht sich die Aufnahme für Mario in der DDR. "Hey, Carlo", schreibt Dirk aus Hambühren, "könntest du in der zweiten Hälfte 'Smoke on the water' von Deep Purple spielen? Ich wäre dir sehr dankbar!" Andrea in Schwieberdingen möchte den Titel unbedingt im ersten Teil hören. Das ist natürlich immer etwas schwierig, aber ich gehe mal davon aus, dass der Deutschlandfunk in einigen Sendegebieten, vor allem auch in der DDR, bis 18:00 Uhr noch recht gut zu empfangen ist, bevor es dann in den Abendstunden zu Überlagerungen mit anderen Sendern kommt und auch zu atmosphärischen Schwankungen. Deshalb schien es mir günstiger, den Titel im ersten Teil zu platzieren. "Smoke on the water", Deep Purple!"

Ein Digitalradio steht in einem Radiostudio. (dpa/picture alliance/Armin Weigel)Dem Digitalradio gehört die Zukunft. (dpa/picture alliance/Armin Weigel)

Aufgrund der tageszeitabhängigen Ausbreitung von Mittel- und Langwellen passte der Deutschlandfunk - auch basierend auf wertvollen Informationen durch DDR-Flüchtlinge, die über die Empfangssituation berichteten - in den 70er und 80er Jahren sogar sein Programmschema entsprechend an: Die politischen Informationssendungen rückten auf die früheren Abendstunden vor. Und auch die spezifischen akustischen Einschränkungen der AM-, also amplitudenmodulierten Wellen, stellten die Programmacher in Köln vor besondere Herausforderungen. Jürgen Kablitz:

"Da gab es im Studio die Taste AK 5 - da wurde simuliert, wie der Hörer das auf der Empfängerseite hören und empfangen konnte, denn man musste da schon überlegen, was packe ich in dieses schmale Band rein, um meine Silbenverständlichkeit zu erhalten, es musste überlegt werden dabei, wie viel Grundgeräusch, wie viel Atmosphäre gebe ich in das Signal hinein oder belasse ich es nur für die Information, damit die ausgestrahlte Sendung auch gut vernehmlich ankommen konnte."

Im Tal der Ahnungslosen

Nachdem - nach vielen rundfunkpolitischen Verrenkungen - der DLF 1974 seine erste schwache UKW-Frequenz in Bonn einweihen durfte, dauerte es bis in die späten 80er Jahre, ehe er den systematischen Aufbau eines UKW-Sendernetzes starten konnte - allzeit argwöhnisch beäugt von den jeweiligen ARD-Landesrundfunkanstalten. Dankbar für die
Leistungen von Deutschlandfunk in der Zeit der deutschen Teilung zeigte man sich hingegen nach der Wiedervereinigung in der sächsischen Staatskanzlei, die dem DLF die UKW-Frequenzen ehemaliger DDR-Programme überließ. Die Hörer im einstigen "Tal der Ahnungslosen", die dem Deutschlandfunk trotz widriger Empfangsverhältnisse auf Mittel- und Langwelle jahrzehntelang die Treue gehalten hatten, wurden dafür nun mit einem besonders guten UKW-Netz belohnt.

Digitale Mittelwelle

Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre etablierte sich auch der neue Verbreitungsweg über Satellit in bester Qualität mehr und mehr - und wenige Jahre darauf testete man auch, wie man den akustischen Problemen der Mittelwelle Herr werden könnte. Das Zauberwort auch hier: Digitalisierung. Reinhard Deuscher:

Diese digitale Mittelwelle kam damals aus der Digitalisierung der Kurzwelle, das war der Ursprung dessen gewesen. Dann hat man sich gedacht, Mensch, was für Kurzwelle funktioniert, könnte für Mittel-, Langwelle vielleicht auch nicht schlecht sein, aber es hat sich einfach kein Markt gebildet.

Am "Abnehmermarkt" scheiterte auch der erste Anlauf, eine digitale Alternative zum UKW-Empfang durchzusetzen: Digital Audio Broadcasting, kurz: DAB. Das Hersteller- wie Käuferinteresse hielt sich in Grenzen, das Voranschreiten des Netzausbaus ebenso.

"Wir wissen alle, DAB am Anfang war ein Flop gewesen, damals die ersten Empfänger, die haben sehr viel Strom verbraucht, auch die Technologie, auch die Codierung von DAB war längst nicht so effizient wie heute von DAB Plus. Heute kann ich also viel mehr Programme in einer gewissen Bandbreite übertragen als damals. Die Innovationen der Technik, die haben dazu beigetragen, dass wir heute DAB-Plus-Empfänger ab einem Preisbereich von 30 Euro haben, die sehr wenig Strom verbrauchen. Das heißt, man kann die also mit ganz kleinen Batterien den ganzen Tag lang benutzen, was früher überhaupt nicht möglich war."

Forderung nach Einsparungen

DAB erlebte - nun als DAB+ - seinen Neustart anno 2011 - und es ist kein Zufall, dass seine Etablierung mit der Abschaltung immer weiterer Mittel- und Langwellensender einherging. Denn die "Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten", kurz: KEF, hat die Förderung von DAB+ mit der Forderung nach Einsparungen an anderer Stelle verknüpft.

"Die KEF hat uns schon im Rahmen unserer Digitalradioausbaupläne oder dieser angemeldeten DAB-Projekte schon auferlegt, dass wir uns von dieser kostenträchtigen Mitteln, Langwellenabstrahlung, dass wir ein Abschaltkonzept vorlegen müssen. Das ist schon eine konkrete Forderung, weil die KEF uns nur unter dieser Kondition diese Mittel bewilligt hat, indem wir einen anderen Verbreitungsweg dann abschalten. Sie hätte uns nicht beide Verbreitungswege weiterhin finanziert."

Dass dieses "Entweder - oder" nicht jeden Hörer unserer Programme glücklich macht, davon legen viele Briefe und Mails Zeugnis ab, die uns in den letzten Monaten in Köln zur bevorstehenden Abschaltung der Mittelwellensender erreichten. Besonders oft moniert wird
darin, dass mit dem Ende der Deutschlandradio-Mittelwellen der mobile Empfang im benachbarten Ausland faktisch unmöglich beziehungsweise - Stichwort Internet-Radio und Roaming-Gebühren - extrem kostspielig werde. Jürgen Kablitz:

"Wir haben ja auch nicht mehr den Slogan "sendet für Deutschland und Europa", sondern "das Informationsprogramm in Deutschland". Der Auslandsrundfunk ist nun mal nicht unsere Aufgabe, das hat die Deutsche Welle übernommen, die ja nun leider auch den Kurzwellendienst einstellen wird, und man sagt sich einfach, die neuen Technologien, die ich habe, um stationär zu hören, ist eben das Internet, aber das mobile Hören fällt dann schon leider untern den Tisch."

Fällt mobiles Hören im Ausland unter den Tisch?

Allerdings - der EU sei Dank - wohl nur für kurze Zeit. Denn mit dem angekündigten Wegfall der Roaming-Gebühren im europäischen Ausland und dem ständig voranschreitenden Ausbau der Mobilfunk-Netze sollte es in naher Zukunft weder ein finanzielles noch ein technisches Problem mehr sein, die drei Deutschlandradio-Programme zum Beispiel via Handy-App auch jenseits der deutschen Grenzen in guter Qualität zu hören. Und auch Hörer, die die Mittelwelle bislang im Inland wegen regionaler UKW-Versorgungslücken nutzten, kann und möchte Frequenzplaner Reinhard Deuscher beruhigen:

"Also ich spreche jetzt von diesem bundesweiten Digitalradio auf Kanal 5C –, da erreichen wir eine Flächenversorgung von 83 Prozent circa oder erreichte Bevölkerung 90 Prozent, und wir sehen den Endausbau, da rechnen wir im Jahre 2020, wo wir wirklich eine nahezu hundertprozentige Versorgung mit Digitalradio haben. Auch wenn in einigen Regionen die Mittelwelle abgeschaltet wird, wenn nicht sofort die DAB-Alternative kommt, sie kommt aber in kurzer Zeit, wir sind da ganz kräftig dran, und wir bauen auch dieses Netz aus. Da bitte ich einfach noch um ein bisschen Geduld. Wir können es nachvollziehen, aber wir sind da guterHoffnung, dass wir in doch absehbarer Zeit eine sehr gute bundesweite Versorgung hinbekommen."

Wer einmal den Abbruch oder die Störung einer digitalen Verbindung mitanhören musste und wer auch nur einmal in seinem Leben dem Zauber der Mittel-Lang- und Kurzwellenkakofonie gelauscht hat, der weiß allerdings, was mit der Mittelwelle unwiederbringlich abhandenkommen wird: Eine sinnliche Qualität, die - ähnlich wie bei einer Vinylschallplatte - eben gerade aus ihren technischen Mängeln und Einschränkungen resultiert. Das wird fehlen - nicht nur im Äther.

 

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