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StartseiteKommentare und Themen der WocheDas Schweigekartell12.04.2018

Abschlussbericht WedelDas Schweigekartell

Um gesellschaftliche Missstände wie den Fall Wedel aufzuarbeiten und zu überwinden, brauche es Zeit und ein eindeutiges Signal, kommentiert Brigitte Baetz. Jeder sei gut beraten, solche Taten "akribisch aufarbeiten zu lassen – und zwar jetzt".

Von Brigitte Baetz

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Ein Porträt des Regisseurs Dieter Wedel (picture alliance / dpa / Swen Pförtner)
Der SR betitelte Dieter Wedels Belästigung von Frauen als "Privatsache" der Beteiligten. (picture alliance / dpa / Swen Pförtner)
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Es war eine andere Zeit, ein anderes Frauenbild, erklärte der Intendant des Saarländischen Rundfunks Thomas Kleist. Eine Arbeitsgruppe seines Senders hat die Vorgänge rund um die Fernsehserie "Bretter, die Welt bedeuten" aufgearbeitet. Der Bericht dazu wurde heute vorgestellt. Während der Dreharbeiten zu dieser SR-Produktion hatte der Regisseur Dieter Wedel Schauspielerinnen schikaniert und bedrängt, eine davon möglicherweise sogar vergewaltigt. Zumindest hatte sie eine Halswirbelsäulenverletzung davongetragen, wegen derer sie die Dreharbeiten abbrach.

Der SR war schon während der Produktion über das Verhalten von Dieter Wedel informiert worden – und war untätig geblieben. Die Belästigung von Frauen wurde als "Privatsache" der Beteiligten bezeichnet. Das Ganze ist nun rund 36 Jahre her, die Taten Dieter Wedels sind verjährt und auch die damals Verantwortlichen im Saarländischen Rundfunk seit langem nicht mehr in Amt und Würden. Man könnte also argumentieren, die Untersuchung des SR in eigener Sache sei deshalb wohlfeil gewesen, denn man tritt ja mit einem solchen Bericht niemandem mehr auf die Füße.

Kultur der Wertschätzung

Doch eine solche Argumentation greift zu kurz. Denn um gesellschaftliche Missstände aufzuarbeiten und zu überwinden, braucht es Zeit und auch das Signal "von oben", dass solche Taten nicht zu dulden sind. Und es braucht die Gewissheit, dass mögliche Täter auch nach Jahren nicht damit rechnen können, vollkommen unbehelligt zu bleiben und sei es nur auf dem Papier. Die Hierarchie des Saarländischen Rundfunks ist darüber hinaus aktiv geworden und wirbt intern für mehr Miteinander in den Redaktionen und der Verwaltung. Eine Kultur der Wertschätzung soll etabliert werden, denn, auch das sagte Thomas Kleist heute im Deutschlandfunk, Machtmissbrauch entstehe dort, wo es Hierarchien gebe. Und man möchte ergänzen: Hierarchien, die ihr Selbstverständnis nicht auf Können und den Respekt gegenüber anderen stützen, sondern auf reiner Machtausübung. Und die lag Anfang der 80er Jahre in den deutschen Rundfunkanstalten fast ausschließlich in männlicher Hand.

Das hat sich inzwischen geändert – und doch ist die Gefahr von Belästigung von Frauen dort immer noch nicht überwunden. Das zeigt der Me-Too-Skandal, der gerade den WDR erschüttert. Mindestens zwei Redakteure haben sich Mitarbeiterinnen gegenüber mehr als anzüglich verhalten. Die Taten wurden zwar nicht vertuscht, aber, wie die Betroffenen finden, nicht angemessen behandelt. Die Vorsitzende des WDR-Personalrates sagt, so berichtet der Spiegel, die Mitarbeitervertretung habe "immer wieder vergeblich gefordert (…), im absolut hierarchisch geprägten WDR eine Ahndung von Machtmissbrauch und Herabwürdigung gegenüber Schwächeren (…) zu gewährleisten". Tom Buhrow, der Intendant des WDR, wäre also gut beraten, die Vorgänge im eigenen Sender akribisch aufarbeiten zu lassen – und zwar jetzt, und nicht erst in 36 Jahren.

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