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StartseiteEssay und DiskursAbstrakte Arbeit und destruktive Sehnsucht13.03.2011

Abstrakte Arbeit und destruktive Sehnsucht

50 Jahre Eichmann-Prozess (1/3)

Vor 50 Jahren wurde dem Naziverbrecher Adolf Eichmann in Jerusalem der Prozess gemacht. Die Philosophin und Publizistin Hannah Arendt hat das Verfahren vor Ort verfolgt. Ihre Charakterisierung Eichmanns als "Banalität des Bösen" löste damals heftige Kontroversen aus. Daran erinnert auch der Essay von Wolfgang Dreßen zum Auftakt unserer dreiteiligen Serie über den Eichmann-Prozess.

Von Wolfgang Dreßen

Die politische Philosophin Hannah Arendt im Jahr 1969 (AP Archiv)
Die politische Philosophin Hannah Arendt im Jahr 1969 (AP Archiv)

In den weiteren Folgen unterhält sich Jochanan Shelliem mit einem der Ankläger im Prozess, Gabriel Bach, sowie mit dem israelischen Schriftsteller Avraham Burg.

Unser Autor Wolfgang Dreßen ist Historiker und Politologe. Er leitete bis 2008 die "Arbeitsstelle Neonazismus" an der Fachhochschule Düsseldorf.

Adolf Eichmann in Jerusalem (AP Archiv)Adolf Eichmann in Jerusalem (AP Archiv)

Abstrakte Arbeit und destruktive Sehnsucht
Hannah Arendt und der banale Antisemitismus

Von Wolfgang Dreßen

Vor 50 Jahren, am 11. April 1961, begann in Jerusalem der Prozess gegen Adolf Eichmann. Hannah Arendt verfolgte den Prozess als Pressekorrespondentin vor Ort. Ihre Berichte "über die Banalität des Bösen", so der Untertitel ihres Buches, wurden 1963 veröffentlicht und 1964 ins Deutsche übersetzt.

Adolf Eichmann hatte bis 1945 zentral die Behörde im Reichssicherheitshauptamt geleitet, die für die Deportation der Jüdinnen und Juden aus Deutschland und aus dem von den Deutschen besetzten Europa zuständig gewesen war. Er war auch "vor Ort" gewesen und hatte Transporte organisiert.

Die Jüdin Hannah Arendt war 1933 aus Deutschland nach Frankreich geflüchtet. Sie entkam dabei den Nazis nur knapp und konnte noch 1941 nach New York ausreisen. Aber sie hatte den Schrecken und die Angst erlebt. Noch aus Frankreich schrieb sie im Oktober 1940 in einem Brief an Gershom Scholem über den Suizid Walter Benjamins in Port Bou:

"Juden sterben in Europa und man verscharrt sie wie Hunde."

Hannah Arendt wollte jetzt in Jerusalem versuchen, den Menschen zu begreifen, der die Transporte in die Vernichtungslager organisiert hatte. Ihr Bericht stieß auf internationale Kritik. Die deutsche Ausgabe erschien sogar mit einem distanzierenden Vorwort. Bis heute wird das Buch attackiert, weil es angeblich Eichmann und mit ihm die NS-Täter insgesamt verharmlose.

Zuletzt hatte Daniel Goldhagen Anfang der 1990er Jahre sein Buch über Hitlers "willige Vollstrecker" auch als eine Kritik an Hannah Arendt verstanden. Der Historiker ließ die Opfer sprechen und schilderte minutiös das Grauen der Massenmorde. Die Sprache der Opfer schien der Analyse Hannah Arendts zu widersprechen.

Dabei wurde dieses Grauen von Arendt keineswegs geleugnet. Sie stellte sich vielmehr die Frage, wieso ein Mensch fähig sein konnte, solch unaussprechliches Grauen zu organisieren. Diese Frage musste aus ihrer Sicht schon deshalb gestellt werden, um eine Wiederholung zu verhindern. Die isolierte und möglichst detaillierte Schilderung des Grauens rücke das Geschehen so weit aus dem Alltagsleben der Menschen, sodass kaum jemand mit einem solchen Massenmord etwas zu tun haben konnte.

Besonders Arendts Charakterisierung Adolf Eichmanns als "Banalität des Bösen" löste heftige Kontroversen aus. Denn sie widersprach damit auch dem Versuch, den Holocaust als einen "Rückfall in die Barbarei" von unserer Zivilisationsgeschichte abzuspalten, worin sie eine Art Entlastungsstrategie sah. Denn für sie waren die destruktiven Möglichkeiten unserer Zivilisationsgeschichte gerade im Holocaust sichtbar geworden.

Bereits in ihrem Bericht über ihren "Besuch in Deutschland" in den Jahren 1949 und 1950 wunderte sich Arendt über die, wie sie schrieb, "Unfähigkeit" der Deutschen, das Geschehene überhaupt auch nur wahrzunehmen. Die Deutschen hätten nach 1945 "besinnungslos" weitergearbeitet, der Nazismus sei in eine unbegreifbare Ferne des "Bösen" verschoben worden.

In ihrem Bericht über den Eichmann-Prozess heißt es:

"Die üblichen Ausflüchte, dass Deutschland eben zur Zeit des Dritten Reichs von einer Verbrecherbande beherrscht worden sei, der man nicht gut Souveränität und Parität zusichern kann, haben auch nicht viel geholfen, weil ja einerseits jedermann weiß, dass die Analogie mit der Verbrecherbande nur in einem so begrenzten Sinn zutrifft, dass sie eigentlich gar nicht zutrifft, und weil andererseits nicht zu leugnen ist, dass diese Verbrechen sich innerhalb einer 'legalen' Ordnung vollzogen, ja, dass dies ihr eigentliches Kennzeichen ist."

Hannah Arendt spricht deshalb von "verbrecherischen Staatsaktionen". Nazis, das mussten nach 1945 aber immer andere, möglichst sadistische Einzeltäter sein. Dagegen Hannah Arendt über Eichmann:

"Er hat im Sinne der Regel gehandelt und die an ihn ergangenen Befehle auf ihre 'offensichtliche' Rechtmäßigkeit, nämlich Regularität hin geprüft; auf sein 'Rechtsgefühl' brauchte er sich nicht zu verlassen, da er nicht zu denen gehörte, die mit den Gesetzen des Landes nicht vertraut waren; das genaue Gegenteil war der Fall."

Das Beunruhigende an der Person Eichmann sei doch gerade, dass er weder pervers noch sadistisch, sondern erschreckend normal gewesen sei. Diese Normalität Eichmanns entsprach für Hannah Arendt der Gedankenlosigkeit des normalen Alltags- und Arbeitslebens, einer Gedankenlosigkeit, die auch das Leben in Deutschland nach 1945 kennzeichnete. Die Vergangenheit wurde verdrängt, um Geschäfte und Arbeit nicht zu stören. Die Kontinuität der gesellschaftlichen Eliten musste gesichert werden.

Gleich zu Beginn ihres Prozessberichtes bezeichnete Arendt den Holocaust als einen "Verwaltungsmassenmord" und verknüpfte ihn mit dem imperialistischen Herrschaftssystem. Sie verwies darauf, dass der Begriff "administrative massacres" ein Machtmittel des englischen Imperialismus in Indien gewesen sei.

Ausgeschlossen und möglicherweise ausgerottet wird, wer nicht dazugehört oder von wem auch nur angenommen wird, dass er nicht dazugehört. Auf Nazideutschland bezogen:

"Ganz abgesehen davon, dass Hitler seine Massenmorde bekanntlich mit dem 'Gnadentod' der 'unheilbar Kranken' begann und die Absicht hatte, sie mit 'erbgeschädigten' Deutschen (Herz- und Lungenkranken ) enden zu lassen, liegt es auf der Hand, dass das Ordnungsprinzip, nach dem gemordet wurde, beliebig bzw. nur von historischen Faktoren abhängig ist."

Sie befürchtete also solche Vernichtungsaktionen auch für die Zukunft, weil sie in der Ausrottungsmentalität ein Kennzeichen moderner Gesellschaften erkannte.

"Es ist sehr gut denkbar, dass in einer absehbaren Zukunft automatisierter Wirtschaft Menschen in die Versuchung kommen, alle diejenigen auszurotten, deren Intelligenzquotient unter einem bestimmtem Niveau liegt."

Hannah Arendt betonte den Unterschied dieses "Verwaltungsmassenmords" zum Pogrom. Adolf Eichmann hatte in seinem Selbstverständnis nicht gemordet, sondern seiner Position entsprechend funktional gehandelt. Dies bedeutete aber keine Entschuldigung, wie ihr immer wieder unterstellt wurde. Funktionaler Gehorsam sei, so Hannah Arendt, nur eine spezifische Form der Zustimmung und Unterstützung gewesen. Dieser Gehorsam entspricht der industrialisierten Gesellschaft, der "Arbeitsgesellschaft" und folgt aus einer allgemeinen Pflicht, entfremdet zu arbeiten. Im bloßen Funktionieren erkennt Arendt Eichmann wieder, der in diesem Sinne nur gearbeitet habe, als er die Transporte organisierte.

"Dass man bei den 'Ausmerzungen' alle personalen Motive und Passionen ausschalten und Grausamkeiten daher auf ein Minimum beschränken wollte, geht auch daraus hervor, dass von der Gruppe von Ärzten und Ingenieuren, die mit den Gasinstallationen betraut waren, dauernd Verbesserungen gemacht wurden, die nicht nur darauf bedacht waren, die Produktionskapazität der Leichenfabriken zu erhöhen, sondern auch den Todeskampf zu beschleunigen und zu erleichtern."

In der Erfüllung solcher Arbeitsaufgaben war eine völlige Trennung der Welt der Täter von den Erfahrungen der Opfer gegeben. Ein Verständnis für die Leiden der Opfer hatte im Zusammenhang dieser funktionalen Welt keinen Sinn und würde den Vollzug der Arbeit nur stören.

Eichmann arbeitete abstrakt. Über diese Arbeit soll jede Wirklichkeit produzierbar sein. Damit ist die völlige Entwirklichung aller Menschen eingeschlossen, die nicht zu dieser produzierten Wirklichkeit gehören. Diese Menschen werden als Nicht-Menschen ausgeschlossen. Hier liegt der Kern jedes Rassismus. Der abstrakte Arbeiter verfolgt ein Ziel: die Produktion von Wirklichkeit, die auf Vernichtung basiert, eine negative Wirklichkeit. Der Holocaust ist für Hannah Arendt ein "Angriff auf die menschliche Mannigfaltigkeit als solche". Aus ihm

"konnte nur die Wahl der Opfer, nicht aber die Natur des Verbrechens, die lange Geschichte von Judenhass und Antisemitismus, abgeleitet werden."

Dieser Satz wurde ihr als Verharmlosung vorgeworfen. Doch Hannah Arendt ging es um ein verschärftes Verständnis des Problems, nicht allein um Antisemitismus, sondern um eine allgemeine Entwirklichung.

Eichmann konnte die Nicht-Menschen, die Opfer, gar nicht begreifen, die vor dem Jerusalemer Gericht ihre Leiden schilderten. Er musste ihnen im Gericht zuhören, aber er hatte nichts mit ihren Erlebnissen des Grauens zu tun. Wie er selber zugeben musste, als er gestand, dass die Amtssprache seine einzige Sprache sei. Und diese basierte auf einer Selektion der Wahrnehmung nach den Maßstäben bürokratischer Verfügungen.

Hannah Arendt dazu:

"Verständigung mit Eichmann war unmöglich, nicht weil er log, sondern weil ihn der denkbar zuverlässigste Schutzwall gegen die Worte und gegen die Gegenwart anderer, und daher gegen die Wirklichkeit selbst umgab: absoluter Mangel an Vorstellungskraft."

Eichmann erschien im Jerusalemer Prozess als abstrakter Arbeiter, der auf die Ergebnisse seiner Arbeit nur im Vollzug dieser Arbeit achtet. Er hatte Menschen zum bloßen Material eines Vernichtungsprozesses funktionalisiert. In Jerusalem wird er mit den Opfern dieser Arbeit konfrontiert, vor denen er sich indes auf seine Arbeitsaufgaben zurückzieht. Er konnte die Ergebnisse seiner Arbeit gar nicht begreifen, weil es sich bei den Opfern um konkrete Menschen handelte.

Hannah Arendt sah hier kein individuelles Problem Adolf Eichmanns. Für sie ging es bei diesem Unverständnis auch nicht allein um Deutschland oder den Nazismus. Sie sah hier ein Kennzeichen der "Arbeitsgesellschaft" und ihrer Ökonomie.

Das geradezu besinnungslose "Weiterarbeiten" und das so genannte "deutsche Wirtschaftwunder" nach 1945 und den Kriegszerstörungen zeigten die Vernichtungsgrundlage dieser Ökonomie.

In ihrer Schrift Vita activa heißt es dazu:

"... das Resultat eines 'Wunders' zeigt in aller nur wünschenswerten Deutlichkeit, dass der moderne Produktionsprozess bereits eine Triebkraft erreicht hat, für welche die Konsumkapazität nicht mehr ausreicht und der eher noch besser funktionieren würde, wenn wir uns entschließen könnten, die Welt der Gegenstände nicht nur zu verzehren, sondern zu vernichten. Nicht das Erhalten und Konservieren ruiniert die moderne Wirtschaft, deren Universalprozesse durch das Vorhandensein von Bestand jeglicher Art nur verlangsamt werden können, weil die einzige ihr eigene Konstante in der ständigen Geschwindigkeitszunahme des Produktionsprozesses liegt."

Diese destruktive "Weltentfremdung" habe mit einem ursprünglichen und dann weiter akkumulierten Prozess der Enteignung begonnen, so Hannah Arendt in ihrer Analyse der "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft". Darin bezeichnet sie präzise den Kern dieser Ökonomie: Bildung von Mehrwert durch Arbeit und die anschließende Enteignung dieses Mehrwerts. Sie beinhalte, so Arendt, dass "die Welt und die Weltlichkeit des Menschen ... zum Opfer gebracht werden".

Aus einer "nie endenden Akkumulation des Kapitals" folge eine "ziellose Akkumulation von Macht". Politische Strukturen erscheinen dann nur noch als "zeitweilige Hindernisse". Imperialismus, Weltkriege und das Streben nach ökonomischer Weltherrschaft sind damit vorgegeben.

"Der unbegrenzte Prozess der Kapitalakkumulation bedarf zu seiner Sicherstellung einer unbegrenzten Macht, nämlich eines Prozesses von Machtakkumulation, der durch nichts begrenzt werden darf, außer durch die jeweiligen Bedürfnisse der Kapitalakkumulation (...) Ist der Prozess einmal angelaufen, so kann er seinen Fortgang nur nehmen, wenn kein weltlicher Bestand und kein Prinzip weltlicher Stabilität ihn hindert, auch nicht das von ihm selbst Erzeugte, wenn vielmehr alle Weltdinge, die ursprünglich Endprodukte eines Herstellungsprozesses waren, in ihn mit ständig wachsender Geschwindigkeit zurückgeleitet werden. Mit anderen Worten, der Wachstumsprozess gesellschaftlichen Reichtums, wie wir ihn kennen, ist möglich nur, wenn die Welt und die Weltlichkeit des Menschen ihm zum Opfer gebracht werden."

Dieser Akkumulationsprozess bis zur Selbstzerstörung kennt keine Grenzen, keine geografischen und keine menschlichen Grenzen. Hannah Arendt bezeichnete ihn als "in den Untergang schreitender Fortschritt" und zitiert dabei Walter Benjamin:

"Der Engel der Geschichte ... hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert."

In diesem Prozess der Weltentfremdung erscheinen alle Dinge und Menschen als bloße Objekte, abstrahiert von jeder Besonderheit. Bewusste gesellschaftliche Vermittlungen werden durch abstrakte Arbeit ersetzt. Realität wird nur noch abstrakt erfahren. Gefordert wird allein der Vollzug verordneter Arbeit, einer Arbeit, über deren Schwere Eichmann immer wieder klagte.

Hannah Arendt beschrieb einen solchen "Vollzug verordneter Arbeit": die Vernichtung der ungarischen Juden in kürzester Zeit Mitte 1944:

"In Wien wurde eine besondere 'Fahrplankonferenz' mit deutschen Reichsbahnbeamten abgehalten, da es sich bei dieser Aktion um den sofortigen Transport von beinahe einer halben Million Menschen handelte. Höss in Auschwitz wurde von dem Plan durch seinen eigenen Vorgesetzten ... informiert und veranlasste den Bau einer neuen Eisenbahnstrecke, auf der die Waggons bis auf einige Meter an die Krematorien heranfahren konnten; die Zahl der Mitglieder der Todeskommandos, die die Gaskammern bedienten, wurde von 224 auf 860 Arbeiter erhöht, bis alles bereitstand, um täglich 6000 bis 12000 Menschen zu ermorden. In weniger als zwei Monaten (...) 147 Züge mit insgesamt 434 351 Menschen in versiegelten Güterwagen, hundert Personen pro Waggon, und die Gaskammern von Auschwitz konnten diese Menge kaum bewältigen."

Hannah Arendt wurde oft vorgeworfen, dass sie den Antisemitismus nicht berücksichtigt hätte. Eichmann sei nicht nur Befehlen gefolgt, er wäre geradezu davon besessen gewesen, möglichst alle Jüdinnen und Juden in Europa auszulöschen.

Aber für Hannah Arendt lag hierin kein Widerspruch. Der Antisemitismus folgte für sie auch aus der spezifisch deutschen Situation. Die Vernichtungsmentalität aber, die sich nicht gegen Juden richten musste, liegt bereits im Wesen abstrakter Arbeit.

Zudem verband sich in Deutschland die Machtakkumulation mit völkischem Denken.

Hier erkannte Arendt den Kern für die Entstehung eines spezifisch deutschen Antisemitismus, der nach Auschwitz führte. Politische Freiheit wurde gleichsam völkisch interpretiert. Voraussetzung dieses Rassismus blieb die Zerstörung des Politischen als eines Ortes der Emanzipation. Für Hannah Arendt waren die völkischen Bewegungen staatsfeindlich, weil sie den Staat auf bürokratische Abläufe reduzierten.

"An die Stelle der individualistisch verstandenen Menschenwürde trat im völkischen Denken die Vorstellung, dass alle, die in dasselbe Volk geboren sind, auf eine naturhafte Weise miteinander verbunden sind und, ähnlich wie die Mitglieder der gleichen Familie, aufeinander sich verlassen können."

Die Antisemiten erklärten "den Juden" zur angeblichen Gegenrasse. Bewiesen werden musste hier nichts, weil Erfahrung, sowohl im Selbstwertgefühl der völkischen Antisemiten wie in ihrem Hass, ausgeschlossen war.

"So wie ihr eigenes völkisches Nationalbewusstsein unabhängig war von geschichtlich bezeugten Leistungen und Handlungen, so hatte sich ihr Antisemitismus von allen spezifischen Erfahrungen mit Juden im Guten wie im Bösen emanzipiert."

Hannah Arendt fügte hinzu, "dass es gewissermaßen gar keiner Juden mehr bedurfte, um den Hass auf sie loszulassen."

Der Antisemitismus basierte auf Projektionen und Verschwörungstheorien, wie den "Protokollen der Weisen von Zion". Wie im Verfahren der Bürokratie ging es allein um eine erfahrungslose Verordnung, die eine Hierarchie zwischen oben und unten dekretierte und schließlich im Vernichtungsvollzug der Konzentrationslager sich bestätigen wird.

Die völkische Verbundenheit war ein rassistisch-antisemitisches Projekt, eine unendliche Arbeitsaufgabe, die der Grundstruktur der Akkumulation folgte: Produktion durch Vernichtung. Hier liegt der Kern einer Verbindung von technologischer Innovation und Volksgemeinschaft nach 1933.

Die Entfremdung in der "Arbeitsgesellschaft", die Abstraktion von jedem Besonderen, wurde den Juden zugeschoben. Sie sollten Wirtschaftsmacht, Handel und vor allem Geld verkörpern.

"Arbeit macht frei!" Dieser Satz am Eingang von Auschwitz stammte aus dem Umkreis der völkischen Bewegungen. Das Projekt hatte Goebbels schon 1926 wie folgt proklamiert:

"Geld regiert die Welt! ... Heute gehen wir an seiner Tätigkeit zugrunde, Geld - Jude, das ist Sache und Person, die zusammengehören ... Wir müssen uns durch Kampf und Arbeit vom Geld befreien ..."

Erst wenn "der Jude" vernichtet war, macht Arbeit wirklich frei. Auch der abstrakte Arbeiter lebt endlich konkret, in seiner rassistischen Projektion.

In dieser produzierten Wirklichkeit soll jeder mit Begeisterung "bei der Sache" sein, es geht immer um alles oder nichts, äußerer Vollzug reicht nicht aus. In der Volksgemeinschaft ist auch der abstrakte Arbeiter begeistert, auch sein "Seelenleben" ist von den Vernichtungsaufgaben überzeugt. "Transformation der menschlichen Natur selber", so Hannah Arendt. Auf diese Weise wird von den Tätern noch die Abstraktion als Befreiung erlebt, als eine neue produzierte Wirklichkeit, die als eigentliche Wirklichkeit gefeiert wurde. Denn in den Konzentrationslagern wurden Menschen wirklich auf ihr abstraktes Dasein reduziert, sie lebten schon nicht mehr, als sie ermordet wurden.

Hannah Arendt sah in den Konzentrationslagern Orte eines Zukunftsexperimentes: Wie können Menschen in bloße Reaktionswesen umgewandelt werden. In einem Text mit dem Titel "Vollendete Sinnlosigkeit" schrieb sie 1950:

"Die Konzentrationslager sind die Laboratorien für das Experiment totaler Beherrschung, denn wegen der Beschaffenheit der menschlichen Natur kann dieses Ziel nur unter den Bedingungen einer von Menschen geschaffenen Hölle erreicht werden. Die totale Beherrschung ist dann erreicht, wenn eine menschliche Person, die immer eine Mischung aus spontanen und bedingten Verhaltensweisen darstellt, in ein völlig konditioniertes Wesen transformiert worden ist, dessen Verhalten selbst dann genau vorausberechnet werden kann, wenn es in den sicheren Tod geführt wird."

Hannah Arendts Reportagen schilderten Eichmann nicht als Exzesstäter, sondern als normalen Bürokraten. Gerade in dieser Normalität lag für sie der Schrecken. Eichmann war ein abstrakter Arbeiter, der seine Arbeit in völkischen und antisemitischen Projektionen konkretisierte, ein banaler Antisemit. Seine Normalität stand für Hannah Arendt in keinem Widerspruch zu seinen Verbrechen, sie bestätigten sich gegenseitig.

Der Rassismus übernimmt den Produktions- und Vernichtungswahn abstrakter Arbeit und der Kapitalakkumulation. Er konkretisiert diesen Wahn in der Produktion richtigen Lebens, das angeblich allein wert sei, gelebt zu werden. Damit ist die Definition unwerten Lebens gegeben. Der eliminatorische Antisemit vollendet diese Vernichtungsutopie. Er will die Welt endgültig vom "Juden", das heißt von der Abstraktion befreien, die doch in seiner eigenen Arbeit steckt. Die Konzentrationslager sollten beweisen, dass diese Utopie Wirklichkeit wird.

Der banale Bürokrat und Antisemit Eichmann war für Hannah Arendt das erschreckende Beispiel für die Unmenschlichkeit in der Normalität. Gerade weil Eichmann funktionierte, musste er die angeblichen Feinde seiner Projektionen in ganz Europa aufspüren und vernichten.

Diese Vernichtungsutopie war 1945 gescheitert. Was blieb, war die gefährliche Sehnsucht nach einer Volksgemeinschaft, die sich scheinbar von der Abstraktion befreit hatte. Der Nazismus dagegen wurde von den Deutschen in ein unbegreifbar "Böses" verschoben.

Bei ihrem "Besuch in Deutschland" in den Jahren 1949 und 1950 stellte Hannah Arendt erstaunt fest:

"... nirgends wird dieser Albtraum von Zerstörung und Schrecken weniger verspürt und nirgendwo wird weniger darüber gesprochen als in Deutschland. Überall fällt einem auf, dass es keine Reaktion auf das Geschehene gibt (...) Der Durchschnittsdeutsche sucht die Ursachen des letzten Krieges nicht in den Taten des Naziregimes, sondern in den Ereignissen, die zur Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies geführt haben."

Hannah Arendt kritisierte die Vergeblichkeit der alliierten Entnazifizierungsprogramme und verwies auf eine in Deutschland unmögliche Alternative:

"Die einzig denkbare Alternative zum Entnazifizierungsprogramm wäre eine Revolution gewesen - der Ausbruch einer spontanen Wut des deutschen Volkes gegen all diejenigen, die als prominente Vertreter des Naziregimes bekannt waren. So unkontrolliert und blutig eine solche Erhebung auch gewesen wäre, sie hätte sicherlich gerechtere Maßstäbe angesetzt, als das in einem papiernen Verfahren geschieht. Doch die Revolution blieb aus, aber nicht deshalb, weil sie nur schwer unter den Augen von vier Armeen hätte organisiert werden können. Es lag wahrscheinlich allein daran, dass kein einziger deutscher oder alliierter Soldat nötig gewesen wäre, um die wirklich Schuldigen vor dem Volkszorn zu schützen. Diesen Zorn gibt es nämlich heute gar nicht, und offensichtlich war er auch nie vorhanden."

Schon 1945 hatte Hannah Arendt festgestellt, dass in Deutschland eine besinnungslose umfassende Mobilisierung gelungen war, und hatte von der "totalen Komplizität des deutschen Volkes" geschrieben. Eine allein auf moralische Werte begründete Entnazifizierungspolitik musste hier scheitern.

Die Normalität der Täter wurde nach 1945 verdrängt. Täter, das mussten Exzesstäter sein, oder noch besser, Hitler und seine engste Umgebung, vor denen sich alle an Gedenktagen mit Abscheu abwenden konnten. Die so genannte "Aufarbeitung der Vergangenheit" konnte auf diese Weise nicht gelingen. Hannah Arendt über das Deutschland der beginnenden 60er Jahre:

"Von allen Seiten und in allen Bereichen ist die deutsche Jugend heute mit Männern konfrontiert, die in Amt und Würden, in maßgeblichen Positionen und öffentlichen Stellungen das Gesicht des Landes bestimmen und in der Tat sich einiges haben zuschulden kommen lassen, ohne sich offenbar schuldig zu fühlen."

Hannah Arendt wird diese Vorwürfe während des Frankfurter Auschwitz-Prozesses wiederholen. 1966 zitierte sie in ihrem Aufsatz den zuständigen Staatsanwalt Fritz Bauer, der auch die Informationen für die Verhaftung Adolf Eichmanns durch den israelischen Geheimdienst in Argentinien weitergegeben hatte:

"Die Mehrheit des deutschen Volkes will heute keine Prozesse gegen NS-Gewaltverbrecher mehr führen."

Sie war schockiert, dass die angeklagten Mörder von Auschwitz "immer noch zuhause leben, keineswegs geächtet wurden".

Sie hätten doch ein normales Leben geführt: Normal, unauffällig und gesetzestreu. Genau in einem solchen Leben aber lag für sie der Grund für die Katastrophe.

Die Richter und die Anklage im Eichmann-Prozess von Jerusalem blieben fixiert auf den sadistischen Täter. Eichmanns Hinrichtung sollte gleichsam die moralische Weltordnung wiederherstellen, ohne die Grundlagen des Zivilisationsprozesses - nicht nur in Deutschland - anzugreifen. Die Richter im Eichmann-Prozess mussten deshalb aus Hannah Arendts Sicht scheitern:

"... Die Richter glaubten ihm nicht, weil sie zu human ...waren, um zuzugeben, dass ein durchschnittlicher 'normaler' Mensch, der weder schwachsinnig noch eigentlich verhetzt, noch zynisch ist, ganz außerstande sein soll, Recht vom Unrecht zu unterscheiden."

Hannah Arendt zeichnete in ihrer Reportage über den Eichmann-Prozess das Bild eines Täters, dem seine Tat abhandengekommen war. Denn er wusste gar nicht, was er angerichtet hatte. In ihren Vorlesungen "Über das Böse" aus dem Jahre 1965 präzisierte sie ihr Verständnis einer "Banalität des Bösen":

"Das größte begangene Böse ist das Böse, das von Niemandem getan wurde, das heißt von menschlichen Wesen, die sich weigerten, Personen zu sein."

Solche Menschen sind unfähig "Ich" zu sagen, sie verstehen sich als bloße Funktionsträger, genauer, sie verstehen sich selbst nicht. In Deutschland war diese Verständnislosigkeit mit Antisemitismus verbunden. In "den Juden" wurde alles verschoben, was die Menschen sich selbst antaten. Deshalb sollte er vernichtet werden. Aber auch diese Vernichtungsaktionen drangen nicht ins Bewusstsein, es gab kein Verständnis für die Opfer. Und nach dem verlorenen Krieg verstanden die Deutschen wiederum die Alliierten nicht, die ihnen die Ermordeten aus den KZs vorführten. Sie verstanden nur, dass sie selbst angeklagt waren. Aber wofür? Sie verstanden wiederum nicht, worum es eigentlich ging.

Hannah Arendt sah in Eichmann genau einen solchen Deutschen. Gehorsam gegenüber dem Gegebenen, Antisemitismus und Verständnislosigkeit gegenüber den Opfern gehörten in ein und denselben ideologischen Zusammenhang, der in den KZs wirklich geworden war. Sie wollte in ihren Gerichtsreportagen wie in ihren übrigen Büchern vor einer Welt warnen, die verständnislos daran arbeitet, schließlich sich selbst zu vernichten. Es ging ihr auch um eine Zukunft, in der die notwendigen Lehren aus Auschwitz nicht begriffen wurden. Und darin sah sie nicht nur ein deutsches Problem. Sie fürchtete eine Zukunft mit einem ungleich größeren Vernichtungspotenzial. Auch deshalb müsse die Vergangenheit endlich begriffen werden.

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