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StartseiteBüchermarktAbsturz und Bruch08.11.2004

Absturz und Bruch

Klaus Hoffmann: "Der Mann, der fliegen wollte"

<em> Ich werde versuchen, eine Geschichte zu erzählen, die so wahr ist wie die Behauptung, dass ein Mensch fliegen kann. </em>

Von Lilian Breuch

Klaus Hoffmann: "Der Mann, der fliegen wollte" (Ullstein Verlag)
Klaus Hoffmann: "Der Mann, der fliegen wollte" (Ullstein Verlag)

Das verkündete der Berliner Chansonnier Klaus Hoffmann bereits 1996 auf seiner Tournee Erzählungen.

Wenn einer Lieder macht, so wie ich, dann kommen diese Themen ja auch partiell immer wieder vor. Fliegen, Laufen, Behütet sein, Abschied von den Eltern, Hinwendung zu Dir selbst, Menschwerdung und Fliegen, ja. An sich bin ich immer schon mein Leben lang geflogen. Wir fliegen ja auch alle immer wieder in unseren Tagträumen, Träumereien, Ausbrüchen, Ausfluchten – und bin auch ein Flieher.

Doch jetzt bleibt er stehen, kehrt zurück in seine Kindheit und zum Tod des Vaters, den er lange Zeit nicht verkraftet hat. Dabei mischt er 304 Seiten lang die eigene Vita mit Zeitgeschichte und antiken Mythen zu einem fiktiv autobiografischen Entwicklungsroman: Der Mann, der fliegen wollte.

Die Geschichte: Der Schauspieler Rafael Engelmann ist am Tiefpunkt seines Lebens angelangt. Er leidet unter Beziehungs- und Todesängsten und Depressionen. Doch erst ein völliger Absturz hält ihm die Brüchigkeit seines Lebens vor Augen. Für Klaus Hoffmann steht außer Frage, wo die Gründe für solche Lebensbrüche zu finden sind.

Der Schlüssel liegt in der Kindheit.

Man könnte meinen, das sei eine Binsenweisheit, dennoch wird sie allzu gerne vergessen und beschert Psychologen nicht umsonst ein breites Betätigungsfeld. Und so lässt er Rafael sich erinnern.

Rafael sah seiner Tante zu. Sie aß so schnell wie niemand aus der Familie. Drei Bratenscheiben lagen eben noch auf ihrem Teller. Im Nu hatte sie die Kartoffeln in der Soße zerstampft, alles aufgegessen un das Fett mit den Fingern vom Tellerrand gewischt. Trudel stand auf und verteilte die Schälchen fürs Kompott. Rafael ging zum Radio und stellte die Musik lauter. Sie würden die Melodien aus dem Radio mitsingen, oder einfach Lieder, die sie kannten. "Wer soll das bezahlen"? und "Wir kommen alle in den Himmel" und alle Sorgen vergessen.

Rafael wächst auf im Nachkriegs-Berlin der 50er Jahre. In einer verdrängenden Erwachsenenwelt. Die Zeit der Entbehrungen, die Nazi-Zeit – alles wollen sie vergessen. Rafael macht seinem himmlischen Namen alle Ehre und hilft ihnen dabei, so gut es nur geht. Mit dem Vater versinkt er allabendlich in alten Familienfotos aus besseren Zeiten. Die Mutter bringt er zum Lachen, zaubert ihren Kummer weg, den sie hinter strengen Geboten von Ordnung und Disziplin zu verstecken versucht. Dass sie den Sohn grausam zwischen Prügel und Zärtelei hin und her schleudert, dass der Vater alle Verantwortung ablegt und vorgibt zur Arbeit zu gehen, sich jedoch heimlich in den Tod trinkt, das sieht Rafael nicht. Er fühlt sich geliebt und ist stolz im Gegensatz zu anderen Kindern noch einen Vater zu haben.

Mitten in der Armut und Trümmerlandschaften zeichnet Hoffmann eine farbenfrohe, freundliche Welt. Die Natur wird zum Spiegelbild des Seelenlebens. Rafael ist umgeben von einem ewigen Frühling und einer aufblühenden Natur. Ein Bild, das erst in sich zusammen bricht, als Rafael 10 Jahre alt wird. Der Vater stirbt. Der Junge "weint, weil er weinen muss", kann jedoch keine Trauer fühlen. Er wird erwachsen und ernst. Seine eigenen Gefühle stellt er völlig zurück und spielt den Erwachsenen einen fröhlichen, starken Jungen vor. Dabei ist für ihn in dieser Welt gar nichts mehr in Ordnung, und so rettet er sich ins Kino. Eine Welt der bunten Illusionen.

So, und da kommt dann dieses "That`s why God made the movies" Zack, hat er eine andere Welt. Da gab es einen Vorspann, Abspann, ein Ende. Da war alles fassbar. Da stirbt einer, wenn er Scheiße gebaut hat und dann gab es ein paar, die brachten die Welt wieder in Ordnung. Das ist eine fassbare Welt.

Zunehmend verdrängt er den Tod des Vaters, kopiert ihn, um ihn so am Leben zu erhalten. "Für immer, immer und immer" diesen Satz betet er sich regelrecht vor. Die Endlichkeit des Seins findet in seiner Welt nicht mehr statt. Ein Trauma, dem sich der Erwachsene schließlich stellen muss. Nach und nach steuert Hoffmann seinen Protagonisten darauf zu, lässt ihn wie einen Kartographen besessen durch ein apokalyptisches Berlin laufen, benennt penibel Straßen und Gebäude, als wolle er einen Plan seines Labyrinths zeichnen. Die Sprache ist kriegerisch und düster wie Rafaels Seele. "Tannen" werden zu "Soldaten", "Zäune" zu "Speeren", es ist stürmisch und Berlin versinkt unter einem tief hängenden Himmel. Erst im letzten Drittel des Romans öffnet sich eine klärende Perspektive. In einem Theater begegnet Rafael dem Clown Kroll, der ihm ein Bild des Vaters vorspielt.

Sein Gesicht war weiß geschminkt. Der Mund wie ein schwarzes Loch wie bei einem toten Soldaten, seine rechte Schulter wies einen Einschuss auf, blutrot und ebenfalls schwarz umrandet. Er trat einen Schritt vor, sein Gesicht verzog sich zu einer Fratze. Aus einem Mund drang ein trockener Laut, "plopp", als würde ein Korken aus der Flasche gezogen und dann noch einmal "plopp" – die Karrikatur blanken menschlichen Entsetzens.

Immer wieder greift Hoffmann mit dem Clownsbild auf antike Überlieferungen zurück, hält Rafael ein ums andere Mal den Vater vor Augen, bis dieser schließlich glaubt, der Vater wäre in Kroll zurückgekehrt, um ihn von den Schatten seiner Kindheit zu befreien. Eine märchenhafte Vorstellung, die ihn jedoch rettet. Denn als Kroll unvermutet stirbt, kann er zum ersten Mal auch den Vater betrauern und ihn endlich innerlich gehen lassen.

Der Mann, der fliegen wollte, ist nicht nur ein poetischer Entwicklungsroman. Er ist auch ein aufrüttelndes Portrait der Nachkriegsgeneration. Die Unfähigkeit zu trauern, stellten bereits Margarete und Alexander Mitscherlich bei den Kindern der 50er Jahre fest. Ausgelöst durch eine Zeit, in der die Erwachsenen weder sich noch den Kindern Schwächen und Trauer zugestanden. Rafael Engelmann ist mit all seinen Lebensbrüchen einfach ein Kind seiner Zeit. Und mancher wird sich in allem Schmerz, aber auch aller Hoffnung in ihm wieder erkennen.

Klaus Hoffmann
Der Mann, der fliegen wollte
Ullstein Verlag, EUR 20,-

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